Festakt in der Versammlungsstätte der Koblenzer Schlaraffen
Der Janus zieht um
Koblenz-Ehrenbreitstein. Das Kopfrelief des Augenrollers unter der Turmuhr am „Alten Kaufhaus“ am Florinsmarkt in Koblenz ist fast jedem bekannt. Dass in eben diesem Haus, wo nach dem Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Gebäudes 1965 das städtische Mittelrhein-Museum einzog, auch ein Januskopf zu Hause war, wissen nicht so viele Menschen. Martin Görlitz, der im Jahr 2013, als das Museum zum Zentralplatz verlagert wurde, die Immobilie zusammen mit Bürresheimer Hof, Dreikönigenhaus und Schöffenhaus von der Stadt Koblenz kaufte, rettete den Kopf vor den Sanierungsmaßnahmen. Er bildete den Treppenabschluss einer eichenhölzernen Wendeltreppe. Die aber, so Görlitz, war „nicht mit der Koblenzer Bauordnung in Einklang zu bringen“ und musste deshalb zugunsten des Neubaus eines Treppenhauses abgerissen werden. Sowohl Dieter Marcos, der fast zwei Jahre lang die kommissarische Leitung des Museums innehatte, als auch Martin Görlitz und sämtliche andere zu dem Kopf befragte Personen konnten bislang nicht herausfinden, wer in den 1960er-Jahren der Schöpfer dieses Janus war.
Über ein zufälliges Zusammentreffen mit Martin Görlitz erfuhr der Verein Schlaraffia Confluentia (Schlaraffia® ist eine weltweite Vereinigung von Männern, die der Pflege von Kunst, Freundschaft und Humor verpflichtet sind) von der Existenz des hölzernen Kopfes mit den zwei Gesichtern. Gemeinsam mit dem aus den Reihen der Schlaraffen gegründeten Förderverein zugunsten des Baudenkmals ehemalige Pallottiner-Kapelle Koblenz-Ehrenbreitstein („fepke“) meldete er großes Interesse an. Wenige Gespräche später verständigte sich Martin Görlitz mit Wolfram Heidelmayer (Vorsitzender fepke) und Detlef Schöning (Vorsitzender Schlaraffia Confluentia) über eine besondere Form des Austauschs.
Der wurde im Rahmen eines locker gestalteten Festaktes unter der Überschrift „Der Janus zieht um“ jetzt in der Versammlungsstätte der Koblenzer Schlaraffen vollzogen. Mit hoch niveauvollen Musikbeiträgen untermalten die Veranstaltung die Klarinettistin Charlotte Dohr („Jugend musiziert“-Bundessiegerin 2018 und Stipendiatin des Lions Clubs Koblenz-Rhein/Mosel), zum Teil mit Klavierbegleitung durch Eberhard Nöst, sowie die Schülerinnen der Musikschule der Stadt Koblenz, Deborah Bloch (Harfe) und Judith Naumann (Flöte).
Zur Erläuterung des Hintergrunds der „kulturellen Petitesse“, wie Wolfram Heidelmayer den Janus-Umzug titulierte, erzählte er von dem Treffen mit Martin Görlitz „zwischen Schutt und Asche“ auf der Baustelle und von der Geburt der Idee zur Übersiedlung des Holzkopfes in ihre „Burg“, wo der Janus Teil des wöchentlich ausgeübten schlaraffischen Spiels werden sollte. Zudem fände er hier zusammen mit dem hölzernen Konterfei des Zunge herausstreckenden Augenrollers. Das „prachtvolle, voll funktionsfähige“ Stück ist bereits seit über siebzig Jahren im Besitz der Koblenzer Schlaraffen. Geschnitzt wurde es von der 2017 verstorbenen Koblenzer Künstlerin Edith Peres-Lethmate. Und zuletzt würde mit dem Umzug des Janus in Form einer Dauerleihgabe durch Martin Görlitz eine Brücke über den Rhein geschlagen vom ehemaligen Mittelrhein-Museum zur ehemaligen Pallottiner-Kapelle. Görlitz wollte den Janus jedoch nicht ohne Gegengabe ziehen lassen. Im Austausch erbat er sich eine Fotokopie des Augenroller-Gedichtes, das er einmal anlässlich des Besuchs einer Kulturveranstaltung in der Kapelle unter dem Augenroller-Relief entdeckt hatte. Das vielstrophige, von dem einstigen Schlaraffen Fritz Bockius (1915-2001) verfasste Gedicht über die Geschichte des Augenrollers soll zunächst im Dreikönigenhaus hängen und später im Alten Kaufhaus ausgestellt werden.
Der Bitte wurde nachgekommen und Martin Görlitz bekam die Dichtung in Acrylglas gefasst. Zuvor allerdings enthüllte er gemeinsam mit Detlef Schöning den Holzkopf, der nun nicht mehr hängen muss. Sein neuer Platz ist ein auf einem Säulenpodest montierter Drehteller. Auf seinem Kopf ist immer noch das Holz, mit dem er im Treppengeländer Halt fand. Darin befindet sich nun ein Kästchen, in das Münzen fallen sollen, bevor der Kopf gedreht werden darf, um entweder das augenzwinkernde und Zunge herausstreckende oder das nachdenklich-ernste Gesicht des „Janus à la Coblence“ zu betrachten. Die Einnahmen werden zugunsten des Erhalts des Baudenkmals „ehemalige Pallottiner-Kapelle“ verwendet. Mit Unterzeichnung der Überlassungsurkunde zur Dauerleihgabe war der Umzug des Janus besiegelt.
Neben einem Grußwort der Kulturdezernentin der Stadt Koblenz, Dr. Margit Theis-Scholz, in dem sie das Thema Janus von der Mythologie über die bildende Kunst bis zur heutigen Begriffsverwendung beleuchtete, kam natürlich der Leihgeber selbst zu Wort. Das „wahre Kleinod von Kunst am Bau“, das jahrelang in luftiger Höhe den Treppenraum des Mittelrhein-Museums überblickte, habe er befreien wollen zum Wohle der Geschichte und zum Wohle der Stadt Koblenz, ließ Görlitz in bekannt zynisch-witziger Manier verlauten. Diesem halslos an den Haaren aufgehängten Janus könne man nicht trauen. Als bekanntes Symbol für Unberechenbarkeit und Wankelmut wurde er einst von den Stadtpolitikern in das Haus gebracht. Hatte er womöglich die Aufgabe, zum Schutze der Stadt alles Fremde abzuwehren? Dann wäre zu verstehen, dass die Stadt die historischen Gebäude am Florinsmarkt aufgab. Janus wachte auch dann noch, nachdem er, Martin Görlitz, Käufer der Immobilien wurde. Wohlmeinend wachte er offenbar derart gut, dass er jegliche finanzielle Unterstützung durch Stadt und Land und damit eine Weiterentwicklung des Projektes am Florinsmarkt verhinderte. Um hier doch noch einen Ort der Kultur und gesellschaftlichen Entwicklung entstehen zu lassen, habe Görlitz den Janus deshalb lieber auf die andere Rheinseite sozusagen in Kur geschickt. Vielleicht nötige dem alten Holzkopf dieser ehemals geheiligte Ort den angebrachten Respekt ab und er finde hier veritable Förderer. Ob die zwei Gesichter des Janus gar sinnbildlich für ein einst führendes Mitglied des Stadtrates stehen, blieb genauso ungeklärt wie Görlitz‘ übrige Theorien.
Darüber ließ es sich bestens austauschen bei nach der Veranstaltung gereichtem, aus Schlaraffenreihen hergestelltem Zwiebelkuchen mit gutem Federweißem. BSB
Martin Görlitz (re.) erklärt, warum der Janus aus dem Alten Kaufhaus ausziehen musste.
Wolfram Heidelmayer demonstriert die tadellose Funktion des Augenrollers.

Ein solch trefflicher, die Gesamtveranstaltung er-und umfassender Bericht zeigt journalistische Professionalität. Der Verfasserin, Barbara Senger, gebührt ausdrückliche Anerkennung. Diese Form empathischer Beschreibung eigentlich abstrakter Vorgänge hat im journalistischen Alltag Seltenheitswert. Ganz großes Lob meinerseits und Dank. Wolfram Heidelmayer( 1. Vors. fepke )