Allgemeine Berichte | 19.04.2021

Zur Walpurgisnacht: Das Märchen der einzigen Rheinbreitbacher Hexe (Teil 2)

Der Spuk der Juffer Piele

Von unserem Gastautor Thomas Napp

Wie ein Geist aus einer anderen Welt wirkte die Tochter der Juffer Piele auf den schuldbewussten Schultheis. Foto: Darkmoonart_de@pixabay

... Der junge Rittersmann lächelte leicht. Er hatte Recht gehabt und war als einziger hinter das Geheimnis gekommen. Doch eine Sache schien noch unklar. Wer war der Vater von Brunhilde? Bei dieser Frage musste Juffer Piele kurz schlucken. Der junge Rittersmann und ihre Tochter schauten sie erwartungsvoll an. Wie oft hatte ihre Tochter sie schon nach ihrem Vater gefragt und von ihr keine Antwort erhalten. Vielleicht sollte heute der Tag sein, an welchem das Geheimnis gelüftet wird.

In ruhigen Worten begann Juffer Piele zu erzählen, dass sie nicht immer ohne Mann gelebt habe. Sie habe nach der Hochzeit der jungen Frau mit dem Dorfschultheis mit diesem ein Liebesverhältnis begonnen. Dieses ging aber nicht von ihr, sondern von ihm aus. Heimlich trafen sie sich bei Mondschein im Wald. Als der Schultheis seiner Frau sagte, dass er sie eigentlich nie geliebt habe und er sie für die Juffer Piele verlassen wolle, war die Frau des Schultheis so tief getroffen, dass diese weder mehr Essen noch trinken wollte und letztlich starb.

Zu diesem Zeitpunkt trug Juffer Piele bereits das Kind des Schultheis‘ von Rheinbreitbach in sich. Als der Schultheis ihre Schwangerschaft bei der Gerichtsverhandlung bemerkte, tat dieser alles, um sie loszuwerden. Denn niemand sollte seine Liebschaft mit ihr in Erfahrung bringen. Somit überzeugte der Schultheis die Richtenden und legte den Zeugen die Worte so in den Mund, dass das gesamte Dorf sie als Hexe verurteilte.

Als der junge Rittersmann und das junge Mädchen diese Worte gehört hatten, waren beide tief betroffen. Beide konnten die Schlechtigkeit eines solchen Menschen nicht erfassen. Doch dann kam dem Rittersmann eine gute Idee, wie sie gemeinsam die Sache aufklären könnten.

Es war schon spät in der Nacht in dem kleinen Weinort Rheinbreitbach. Hell schien der Vollmond über der Kirchturmspitze. Ein Käuzchen rief aus dem Wald seinen Schrei. Die Bewohner von Rheinbreitbach schliefen fest in ihren Fachwerkhäuschen. Lediglich der Nachtwächter zog seine Runden noch durch den Ort und kontrollierte jede Straße. Auch am Haus des Schultheis von Rheinbreitbach blieb er stehen. Seit dem Tod seiner Ehefrau hatte er niemanden mehr zu sich genommen. Nun schlief er tief und fest in seinem Bett.

Als der Nachtwächter vorüber war, kamen zwei Gestalten an das Haus gelaufen. In der Hand hielten sie eine kleine Holzleiter, die sie an das Fachwerk anstellten. Eine der Gestalten kletterte die Leiter hinauf, drückte eines der Fenster auf und kletterte ins Innere des Fachwerkhauses. Durch das offene Fenster fiel nun das Mondlicht herein und man konnte das Gesicht der jungen Brunhilde erkennen. Ihr Gesicht war bleich gefärbt und sie hatte das alte, versengte Totenhemd der Juffer Piele angezogen, welches sie zur Hinrichtung angezogen hatte. Brunhilde sah gespenstisch aus.

Auf leisen Fußsohlen betrat sie das Schlafzimmer des Schultheis und setzte sich auf einen Stuhl in eine Ecke. Vorher öffnete sie jedoch noch ein Stück des Schlafzimmerfensters, sodass nun ein Lichtspalt des Mondes in ihre Zimmerecke fiel. Auf dem Stuhl sitzend und mit einer gespenstischen Miene, rief sie nun leise immer wieder den Namen des Schultheis. Dieser wachte von diesem Ruf auf und erschrak zu Tode als er Brunhilde in seinem Zimmer erblickte. „Das kann doch nicht wahr sein! Die Juffer Piele!“, brachte er nur noch mit zitternder Stimme und weit aufgerissenen Augen hervor bevor er seine Bettdecke bis zur Unterkante seiner Nasenspitze heraufzog.

Brunhilde gefiel die Angst des Mannes, sodass sie ihr Schauspiel nun weiter fortsetzte. Mit gespenstischer und ruhiger Stimme sagte sie nun: „Du hast mich umgebracht! Mich und unser gemeinsames Kind!“

Der Schultheis wusste nicht, was er tun sollte. Die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Schlotternd wagte er zu fragen, was der Geist der Juffer Piele wohl von ihm wollen könne und Brunhilde antwortete ihm: „Du musst die Wahrheit sagen! Die ganze Wahrheit!“

Verängstigt schaute der Schultheis Brunhilde an: „Welche Wahrheit?“

„Die weißt du ganz genau!“, fuhr Brunhilde ihn an und setzte einen starren Blick auf.

Dies versetzte dem Schultheis so einen Schrecken, dass dieser vor Angst im Bett wimmerte und lauthals rief, dass er alles sagen werde. Dies gefiel Brunhilde schon besser, sodass sie ihm befahl am nächsten Morgen alle Einwohner Rheinbreitbachs auf dem Burgplatz zu versammeln und ihnen die Wahrheit zu erzählen. Sofern er dies nicht tun würde, käme sie von nun an jede Nacht, um ihn in seinem Haus heimzusuchen.

Der letzte Satz versetzte dem Schultheis so einen Schrecken, dass dieser den Wortlaut bejahend aus seinem Bett sprang und schreiend aus dem Schlafzimmer lief. Diese Gelegenheit nutzte Brunhilde, schloss das Fenster, kletterte wieder aus dem Fenster im Nachbarraum die Holzleiter hinunter und landete am Fußende bei der anderen Gestalt, die sie freundlich im hellen Mondlicht angrinste. Es war der junge Rittersmann.

„Hat alles geklappt?“, fragte er neugierig.

„Ja, hat es. Er wird es morgen auf dem Kirchplatz verkünden. Aber nun müssen wir schnell weg, bevor uns noch jemand sieht.“, antwortete Brunhilde, packte die Holzleiter und verschwand zusammen mit dem jungen Rittersmann in der Dunkelheit.

Am nächsten Morgen ließ der Schultheis wie versprochen die Einwohner von Rheinbreitbach auf dem Burgplatz sich versammeln. Auch der Herr von Breitbach und Priester von der damaligen Gerichtsverhandlung waren dar. Unter die Menge hatte sich der junge Rittersmann sowie die Juffer Piele und ihre Tochter Brunhilde gemischt. Die beiden Frauen waren dabei in Kapuzengewänder gekleidet. Ihr Gesicht war somit verdeckt. Lediglich der junge Rittersmann war in der Menge gut zu erkennen.

Ungeduldig warteten die Dorfbewohner auf die Ansprache des Schultheis. Doch dieser zierte sich zuerst, dann begann er seine Ansprache. Er erklärte, dass er sich vor Gott und den Menschen strafbar gemacht habe. Die Juffer Piele sei ihm heute Nacht als Geist erschienen und hätte ihm aufgetragen die Wahrheit zu sagen. Der Schultheis berichtete, dass die Juffer Piele seine Liebste gewesen sei und sein Kind in sich getragen habe. Aus Angst um seinen Posten und vor Sorge zum Geschwätz des Dorfes zu werden, habe er die Menschen so beeinflusst, dass sie glaubten, dass die Juffer Piele eine Hexe sei. Der Tod seiner Ehefrau habe die Juffer Piele nicht verursacht. Im Gegenteil: Er selbst sei es gewesen, weil er seiner damaligen Ehefrau gesagt habe, dass er sie nicht lieben würde. Nach diesem Geständnis sei sie dann aus Kummer gestorben. All dies täte ihm nun furchtbar leid und er würde um Vergebung bitten.

Nachdem der Schultheis die letzten Worte gesprochen hatte, ging ein Raunen durch die Menge. Einer schrie, dass der Schultheis sie alle ins Verderben gestürzt habe. Gott würde sie alle strafen. Der Schultheis muss sterben!

Auch der Priester sowie der Herr von Breitbach wurden nun zusehends nervös. Der Herr von Breitbach wies die Wachen an, den Schultheis verhaften zu lassen. Doch in diesem Augenblick stieg der junge Rittersmann auf ein Holzfass. Mit lauter Stimme rief er den Einwohnern zu, dass sie ihm zuhören sollten. Die Menge verstummte.

Mit wenigen Worten erklärte der junge Rittersmann, dass er eine Entdeckung gemacht habe und er sie alle bis auf den Schultheis von ihrer Schuld befreien könnte. Als Gegenleistung fordere er jedoch, dass der Schultheis nicht getötet, sondern aus dem Dorf verbannt werden solle. Als die Menge und der Herr von Breitbach sich widerwillig auf das Angebot einließen, erzählte der junge Rittersmann, dass die alte Juffer Piele den Blitzeinschlag überlebt habe. Sie sei zwar stark gekennzeichnet, habe aber im Wald in einer kleinen Buschhütte überlebt. Dort brachte sie ihr Kind zur Welt und zog es auf. Ein Kind, welches ihr wie in jungen Jahren gleich ist.

Ein Murmeln ging durch die Menge und die ersten Bewohner wollten den jungen Rittersmann als einen Lügner beschimpfen. Doch in diesem Augenblick zogen die Juffer Pielen sowie ihre Tochter die Kapuzen von ihren Köpfen. Beim Anblick ihrer Gesichter ging ein Aufschrei durch die Menge. Der Schultheis, der nun die nächtliche Finte verstand, kippte in Ohnmacht. Auf dem Burgplatz herrschte Stille.

„Lasst euch das eine Lehre sein. Macht euch immer selbst ein Bild von einem Menschen und hört nicht auf das Geschwätz von einzelnen!“, rief der junge Rittersmann in die Menge bevor er von dem Fass hinunterstieg und zu Brunhilde hinüberging.

Währenddessen erhob der Herr von Breitbach seine Stimme. Er bedankte sich bei dem jungen Rittersmann und entschuldigte sich mit einer tiefen Verbeugung im Namen aller Einwohner bei der Juffer Piele für das erlittene Unrecht. Die Einwohner taten es ihm nach. Darüber hinaus bot der Herr von Breitbach ihr an, dass sie kostenfrei auf der Burg im Gesindehaus leben könne. Doch die Juffer Piele lehnte das Angebot ab. Sie wolle nur noch frei sein und das erlittene Unrecht vergessen. Alsbald zog sie ebenso wie der ehemalige Schultheis von Rheinbreitbach hinfort. Ihre junge Tochter Brunhilde hingegen, blieb zusammen mit dem jungen Rittersmann in Rheinbreitbach wohnen. Denn sie hatten sich unsterblich ineinander verliebt.

Das Märchen zur Walpurgisnacht ist auch als Podcast unter https://www.podcast.de/podcast/874328/ zu hören.

Der Ritter und Tochter Brunhilde blieben aber in Rheinbreitbach wohnen, denn sie hatten sich unsterblich ineinander verliebt. Foto: Elsa Stephans @wikicommons

Der Ritter und Tochter Brunhilde blieben aber in Rheinbreitbach wohnen, denn sie hatten sich unsterblich ineinander verliebt. Foto: Elsa Stephans @wikicommons

Wie ein Geist aus einer anderen Welt wirkte die Tochter der Juffer Piele auf den schuldbewussten Schultheis. Foto: Darkmoonart_de@pixabay

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