Allgemeine Berichte | 09.01.2020

Zeitgeschichte: Gerhard Elingshäuser erinnert an einen verhängnisvollen Tag vor 75 Jahren

Der Tag, an dem es Bomben regnete

Kettig erlebte das Grauen des Krieges

Vor 75 Jahren erlebte Kettig zur Weihnachtszeit das Grauen des Krieges. Gerhard Elingshäuser beschäftigte sich intensiv mit den Ereignissen im Dezember 1944. Foto: H. Hohn

Kettig. Gerade war das Weihnachtsfest wenige Tage vorüber. Es war Freitag, der 29. Dezember 1944. Die Sonne schien von einem leicht bewölkten Himmel. In der vergangenen Nacht hat es leicht gefroren. Eigentlich ein Tag wie jeder andere im Winter.

Viele Menschen der linken Rheinseite waren der Meinung, dass das Kriegsende nicht mehr allzu fern sein kann. Noch waren die Rheinbrücken bei Neuwied und Urmitz unversehrt, aber immer wieder den anhaltenden Attacken feindlicher Luftangriffe ausgesetzt.

Nach dem Mittagessen wollten die Kinder wie gewöhnlich zum Spielen auf die Straße oder zum Schlittschuhlaufen auf dem Weiher am Weidenheim zwischen dem Saffiger- und dem Ochtendunger Weg. Zum Schlittenfahren reichte die dünne Schneedecke nicht. Nichtahnend, dass in kürzester Zeit ein verhängnisvolles Unheil über den damals circa 1.600 Einwohner zählenden Ort kommen sollte, ließen die Mütter ihre Kinder arglos hinaus zum Spielen.

Jakob Hoffmann, Rudi Schmorleiz (Mattesse) und Alfons Zerwas, die am Weidenheim auf dem Weiher Schlittschuhlaufen wollten, hörten plötzlich das Herannahen von Flugzeugmotoren und rannten sogleich zurück ins Dorf. Durch das einsetzende Abwehrfeuer der Flakbatterie in Urmitz-Bahnhof und Plaidt entledigten sich die Bomber der tödlichen Fracht, was für Kettig zu einer schrecklichen Katastrophe führte. Um sich vor dem einsetzenden Bombenhagel zu schützen, verkrochen sich Jakob und Rudi in das Heiligenhäuschen an der Ecke Züllstraße/Bachstraße. Alfons nahm Schutz hinter einer Gartenmauer. Eine Bombe zerriss das kleine Kapellchen, wobei Jakob tödliche Verletzungen erlitt. Rudi wurde mit schwersten Verletzungen aufgefunden und Alfons blieb unverletzt.

Gewaltige Verwüstungen im Ortskern

Der circa 26-jährige Alois Hillesheim, genannt „Pizze“, aus der Neugasse war, als der Bombenabwurf der US Army Air Force auf Kettig einsetzte, der Meinung, dass die Bomben - die man deutlich vom Himmel fallen sah - etwa in der Nähe der Kirche einschlagen würden. Doch seine Vermutung wurde für ihn auf der Hauptstraße zum Verhängnis. Durch eine berstende Bombe wurde er lebensgefährlich verletzt und verstarb nach wenigen Tagen an seinen schweren Verletzungen. Noch während des etwa zehnminütigen Bombenhagels, der endlos schien, liefen aufgebrachte Mütter auf die Straßen und riefen verzweifelt nach ihren Kindern, die wie gelähmt und verstört umherirrten.

Mit am schlimmsten waren die Verwüstungen in der Dobengasse, wobei die Gastwirtschaft „Zur blauen Traube“, Inhaber Johann Ost (heute Anwesen von Horst Schüller), einen Volltreffer erhielt. Durch die gewaltige Detonation flog ein großes Eisentor bis zum Haus von Josef Kronewald (genannt „Jüngling“) und ein schwerer, langer Eisenträger bis zur Bachstraße beim Haus Schmorleiz. Die Leiche von Sophie Ost (genannt „Ruts“) wurde bei Josef Schmorleiz /genannt „Fippes“) unter Trümmern in der Eingangstür gefunden. Sie war von einstürzenden Mauerteilen vom nebenan stehenden Haus Frein erschlagen worden.

Trauer, Wut, Entsetzen und großes Leid überschattete den kleinen Ort, weil unter den Toten viele Mütter und Kinder zu beklagen waren. Dieses todbringende Bombardement der amerikanischen Air Force galt eigentlich nicht dem Ort Kettig, sondern war für die Rheinbrücke bei Urmitz bestimmt.

Pfarrer Heinrich Steil (1932-1952) schrieb folgendes über den Bombenabwurf auf Kettig: „Um 13.10 Uhr erschienen am westlichen Horizont dreizehn Feindmaschinen mit Kurs auf Kettig. Sofort setzte der Abwehrkampf der Flak (Flugabwehrkanone) am Bahnhof in Plaidt und am Bahnhof Urmitz ein. Dabei wurde das Flugzeug, das den Verband anführte, in Brand geschossen. Sofort machte das Geschwader eine Rechtswendung und überflog nun den Ortskern von Kettig, wo es sich der tödlichen Fracht entledigte. Es fielen circa 35 Bomben schwersten Kalibers in die Ortsmitte von Kettig, wobei die Dobengasse die meisten Treffer zu verzeichnen hatte.“

Viele Tote und Verletzte zu beklagen

Insgesamt 20 Personen kamen ums Leben: Katharina Weiler (87), Katharina Hommer (78), Nikolaus Kronewald (76), Engelbert Dott (71), Katharina Kohl (57), Heinrich Kronewald (50), Sofia Ost (44), Anton Engel (40), Hilde Krieger (39), Simon Rösch (38), Paula Leidig (38), Agnes Flöck (32), Gertrud Mader (29), Alois Hillesheim (26), Hermann Präder (16), Jakob Hoffmann (15), Paul Mader (6), Herbert Krieger (4), Herbert Schmorleiz (2) und Paulina Mees (1).

Insgesamt acht Personen aus der Holzgasse, der Bachstraße und der Hauptstraße erlitten schwerste Verletzungen. Außerdem erlitten circa 80 Personen leichte bis mäßige Verletzungen. Nach Abzug der undurchsichtigen Staubwolke und dem sofortigen Einsatz einer Hilfsaktion wurden Schäden an Häusern, Kirche, Schulen, Industrie- und landwirtschaftlichen Gebäuden festgestellt. Der Gesamtschaden an Vieh, Mobiliar, Kleidung und so weiter betrug schätzungsweise 400.000 bis 420.000 Reichsmark. An Großvieh wurden drei Ochsen, sechs Kühe und drei Pferde getötet. Des Weiteren kamen sechs Schweine und ein Schaf zu Tode.

Gerhard Elingshäuser

Vor 75 Jahren erlebte Kettig zur Weihnachtszeit das Grauen des Krieges. Gerhard Elingshäuser beschäftigte sich intensiv mit den Ereignissen im Dezember 1944. Foto: H. Hohn

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