Der Arzt Dr. Johannes Decker aus Niederzissen leistet medizinische Hilfe in Bangladeschs Millionenstadt Dhaka
Die Ärmsten der Armen unterstützen
Niederzissen/Dhaka. Ein krasses Ungleichgewicht charakterisiert die eine Welt, in der wir leben. Auf demselben Planeten haben einige alles, was sie brauchen und mehr als das, während anderen Erdenbewohnern nicht einmal das Existenzminimum zur Verfügung steht, von Perspektiven, die es ihnen erlauben würden, ihre Situation zu verbessern, ganz zu schweigen. Einer, der diese Unterschiede selbst erfahren hat, ist der Allgemeinmediziner Dr. Johannes Decker aus Niederzissen.
Schnurgerade verlief sein Berufsweg nicht, aber dass er einmal in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka inmitten größter Armut praktizieren würde, hätte sich der Sohn einer Sägewerksfamilie im nordhessischen Volkmarsen, wo er mit sechs Geschwistern aufwuchs, gewiss nicht träumen lassen. Als Kind wollte er Pilot werden. Später, in der Klasse 11, damals besuchte er in Wolfhagen eine der ersten Gesamtschulen in der Bundesrepublik, hatte er „viele Flausen im Kopf“. Nach Kanada auszuwandern war eine Idee. Es blieb allerdings bei der Vorstellung.
Stattdessen folgten dem Abi fünf Monate Amerika. Allein drei Monate lang reiste er für 90 Dollar mit Greyhound-Fernbussen umher. „Das Geld dazu verdiente ich im väterlichen Sägewerk“. Es schlossen sich zwei Jahre Praktikum in einer Apotheke in Bad Brückenau und Schulbesuch in Würzburg an, pharmazeutisches Vorexamen, Pharmaziestudium, Apotheker-Examen. Dann stellte er 1972 die Weichen neu und studierte noch Medizin. Seine Stationen als Arzt waren 1979 das Koblenzer Brüderkrankenhaus, ab 1985 eine Gemeinschaftspraxis in Kottenheim, schließlich 1989 die eigene Praxis in Niederzissen, wo er sich mit Frau und Kindern niederließ - ein Wagnis, das glückte. Ehefrau Brigitte zog an den Dienstwochenenden mit. Dabei war die Sonderschullehrerin eigentlich beruflich ausgelastet, und spaßeshalber bezeichnete sie sich mitunter als alleinerziehend, weil ihr Ehemann vollends in seiner Arbeit aufging.
Ehrenamtlich helfen
Überdies wollte er, seit Jahren Mitglied bei „Ärzte ohne Grenzen“, in Notregionen helfen. „Können Sie denn noch so alte Knacker brauchen?“ fragte er einen aus Pakistan zurückgekehrten Arzt, der das bejahte. Sich indes für ein halbes Jahr verpflichten, war Decker „zu lang“. Dass dagegen der Verein „German Doctors“ Ärzte ohne Entgelt für sechs Wochen in chronische Krisengebiete entsendet, gefiel. Zwar hätte er „die Praxis nie so lange zu machen können“. Aber 2014, nun 68-jährig, übergab er sie an Olga Gruber als Nachfolgerin.
Der gemeinnützige Verein German Doctors mit Sitz in Bonn ist eine international tätige Nichtregierungsorganisation. Finanziert durch Spenden, entsendet sie ehrenamtliche Ärzte für sechs Wochen in Projekte auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Sierra Leone. Dort leisten diese den benachteiligten Menschen ohne Unterschied medizinische Hilfe und setzen sich für die Ausbildung ein. Ernährungsprogramme oder Hygieneschulungen dienen der Vorbeugung und sollen die Gesundheit der Patienten langfristig verbessern. Seit 1983 wurden so über 7.000 Einsätze mit mehr als 3.100 Medizinern durchgeführt.
„Wiederholungstäter“ in Dhaka
Für den Mediziner Johannes Decker sollte es nach Bangladesch gehen. Er ließ sich nicht davon schrecken, dass im Juli 2016 blutige Anschläge in Dhaka wüteten, sondern arbeitete von Mitte September bis Anfang November 2016 in der 19-Millionen-Einwohner-Metropole. „Dhaka ist eine total chaotische Stadt. Der Autoverkehr, dazwischen die Fahrrad-Rikschas, oft hoch beladen, der Staub, überschwemmte Straßen in der Regenzeit, der Krach, dichte Besiedlung, und es kommen immer mehr Menschen hinzu.“ Decker wundert nicht, dass Dhaka im „Economist“-Ranking 2018 zu den fünf Städten mit der geringsten Lebensqualität weltweit zählt.
Dennoch: „Wer einmal im Einsatz war, wird zum Wiederholungstäter“. 2017 zog der Mann, der die Menschen dort „ins Herz geschlossen“ hat, wieder in die Ärzteunterkunft der auch von den German Doctors geförderten Slumschule im Stadtteil Manda. In drei Schichten werden 1400 Mädchen und Jungen unterrichtet, erhalten Schuluniformen, Unterrichtsmaterial und täglich eine warme Mahlzeit. Durch Stipendien können sie sogar weiterführende Schulen besuchen. Behandelt wird in der festen Ambulanz in Manda. Außerdem besuchen die Ärzte, immer zwei zugleich im Einsatz, sechs weitere Slums, darunter Gandaria, wo die Leute in Hütten ohne Strom und fließend Wasser direkt an den Bahngleisen wohnen. Kinder spielen auf den Gleisen. „Alle passen sehr gut auf, aber es gibt schlimme Unfälle“. Der Arzt versorgte 2018 zum dritten Mal Patienten in Dhaka: Tagelöhner, Rikschafahrer mit Leih-Fahrzeugen, Textilarbeiterinnen, mehr Frauen als Männer, viele Kinder.
Unverschuldet ins Elend
„Sie arbeiten hart, die Ärmsten der Armen“. Eine ganztags nähende Großmutter nahm ihr Enkelkind auf, konnte danach nur noch sechs Stunden arbeiten, sich ihre Einraumwohnung nicht mehr leisten und lebt jetzt im Slum. Eine Familie, deren Feld und Haus im Gangesdelta mit einem Mal weggespült wurden, blieb nur der Slum in der Hauptstadt, meist eine Sackgasse, aber ein Sohn schaffte es, Jura zu studieren und wurde Anwalt. Kranke und Arbeitslose kriegen keine Lohnfortzahlung, kein Arbeitslosengeld. Die Menschen schlittern unverschuldet von einer gerade noch bürgerlichen Existenz ins grenzenlose Elend. Ebenfalls problematisch: extreme Arbeitszeiten, Niedriglöhne, schlechte Arbeitsbedingungen. Man fühlt sich an die Anfänge der Industrialisierung in Europa erinnert.
Auch die Ärzte der German Doctors müssen sich arrangieren. Zwischen den Arbeitsbedingungen dort und in der Heimat liegen Welten. Die Patienten plagen oft Magen-Darm-Krankheiten, Gelenkerkrankungen, Muskel-, Rücken-, Kniegelenkprobleme, auch Atemwegsinfekte, chronisch obstruktive Bronchitis und Asthma, „begünstigt durch die offenen Feuerstellen“. Es gibt Mangel- und Unterernährung. Bei Diabetes und der typischen Armutserkrankung Tuberkulose „überweisen wir an spezielle Zentren, damit die regelmäßige Kontrolle gewährleistet ist“. Dem heute 72-Jährigen begegneten typische Hauterkrankungen, Ekzeme, Pilzerkrankungen durch die Feuchtigkeit und Krätze, bei der sich Betroffene nachts oft blutig kratzen. Erschwert werden die Untersuchungen durch ein ausgeprägtes Schamgefühl der Kranken. „Einem Hustenden sagen, bitte frei machen, geht nicht. Ich habe gelernt“, so Decker, „durch den Stoff der Saris abzuhorchen.“
Er sieht kleine Fortschritte: Weniger Säuglinge sterben, mehr Hygiene, weniger Geburten, mehr Brunnen. „Was wir machen, das hilft vielen Menschen, aber an den großen Problemen ändern wir kaum etwas“. Der Niederzissener Helfer lässt sich nicht niederdrücken. Im Gegenteil, 2019 möchte er in der Hafenstadt Chittagong im Einsatz sein. Dort ist der Bedarf an basismedizinischer Hilfe noch größer als in Dhaka. Decker will nicht bewundert werden. „Ich erlebe ganz viel, lerne ganz viel, profitiere enorm, weil ich zufällig einen Beruf habe, mit dem ich dort gebraucht werde. Ich bin einfach dankbar.“
HG
Der Niederzissener Arzt mit einer Patientin und der Übersetzerin.
