Ausstellung „Flucht beWEGt“ in der Wallfahrtskirche Buschhoven
Die Kanzlerin im Schlauchboot und ein Selfie mit Papst Franziskus locken
Lebensechte Silikonfiguren von Künstlerin Jana Merkens sollen für das Thema Flucht und Migration sensibilisieren – Ausstellung läuft bis zum 11. März
Buschhoven. Bis zum 11. März gibt es die einmalige Gelegenheit, in der Wallfahrtskirche Sankt Katharina in Buschhoven ein Selfie mit Papst Franziskus in seiner weißen Robe zu machen. Dabei muss man allerdings in Kauf nehmen, dass eine junge Muslima in rotem Kleid und mit weinrotem Hijab – dem kapuzenartigen Kopftuch, das Haare, Hals, Schulter- und Brustbereich bedeckt und das Gesicht freilässt – auch mit auf dem Bild ist. Die beiden lebensgroßen und auch täuschend echten Figuren aus Silikon sind Teil der beeindruckenden Mitmach-Ausstellung „Flucht beWEGt“ der Katholischen Jugendagentur Bonn gGmbH (KJA) mit Kunstobjekten von Jana Merkens.
„Wir setzen uns dafür ein, dass der biblische Anspruch Wirklichkeit wird: Menschen, die in unserem Land Zuflucht suchen, haben ein Recht darauf, würdevoll behandelt zu werden“, erläuterte KJA-Geschäftsführer Rainer Braun-Paffhausen bei der Vernissage die Beweggründe für die Ausstellung. Diese wird auch von der „Aktion Neue Nachbarn“ Flüchtlingshilfe im Erzbistum Köln, dem Caritasverband Rhein-Sieg, dem Diakonischen Werk Bonn und Region, dem Förderverein Flüchtlingshilfe, dem Katholischen Familienzentrum, dem Kommunalen Integrationszentrum des Rhein-Sieg-Kreises, dem Kreisjugendamt sowie der Swisttaler Tafel unterstützt.
Kultur der Annahme und der Solidarität
Die Erfahrungen von Flucht und Aufbruch, Heimatlosigkeit und gelungener Integration durchziehe nicht nur die Bibel wie ein roter Faden, sondern sei stets ein Teil der menschlichen Geschichte gewesen. „Immer mussten Menschen ihr Zuhause verlassen und haben sich voller Hoffnungen auf den Weg gemacht – so auch heute.“ Daher erinnere auch Papst Franziskus alle Menschen immer wieder an die Schaffung einer „Kultur der Annahme und der Solidarität“. Mit der Mitmach-Ausstellung wolle die KJA zur Schaffung dieser Kultur beitragen.
„Fremdenfeindlichkeit und Rassismus finden bei uns keinen Platz! Vielmehr leben wir im Erzbistum Köln eine Kultur des Willkommens und empfangen geflüchtete Menschen mit ihren Hoffnungen und Ängsten mit offenen Armen“, betonte er vor gut 100 Besuchern, darunter auch Bürgermeisterin Peter Kalkbrenner. Mit Projekten und Maßnahmen vor Ort leiste das Erzbistum einen Beitrag, damit eine gelingende Integration von Kindern, Jugendlichen und jungen Familien möglich sei.
Unterschiedliche Einstellungen respektieren
Die Ausstellung „Flucht beWEGt“ wolle den Blick auf Menschen lenken, die den Weg hierher gefunden hätten und zur Schaffung eines positiven Verständnisses beitragen. „Wir respektieren unterschiedliche persönliche Einstellungen und Meinungen. Dennoch ist es unser oberstes Ziel, die Würde eines jeden Menschen zu wahren – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Status, Religion und Weltanschauung“, erläuterte Braun-Paffhausen.
Die künstlerische Komponente des Projektes besteht aus vier Installationen der Essener Künstlerin Jana Merkens, die es dank ihrer hyperrealistischen Gestaltung leichtmachen, sich mit den dargestellten Figuren zu identifizieren. „Die facettenreiche Auseinandersetzung mit der Thematik ist mir als Künstlerin besonders wichtig“, sagte sie und wies darauf hin, dass sowohl politische wie auch gesellschaftliche und soziale Komponenten aufgegriffen würden. Neben dem Papst und der Muslima ist etwa ein arabischer Mann auf einem Feldbett zu sehen – ein Bild, das aus vielen Notunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen bekannt ist. Oder ein junges Paar mit einem Baby im Tragetuch, deren Anhörung gut verlaufen ist und die ihren positiv beschiedenen Asylantrag in der Hand hält. Ein Senior im Ohrensessel informiert sich über den zunehmenden Fremdenhass in Deutschland.
Jede Figur im Boot verkörpert ein Schicksal
Doch am wohl beeindruckenden ist „Das Boot“, ein zerbrechliches Schlauchboot, in dem neun halblebensgroße Figuren schicksalsergeben treiben und sehr viele Interpretationsräume bieten. Schließlich verkörpert jede Figur im Boot ein Schicksal und eine Geschichte, die je nach eigenem persönlichem und politischem Standpunkt aufgegriffen und gedeutet werden kann. Im Boot sitzt nämlich auch eine kleine Ausgabe von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die für die Flüchtlingspolitik in Deutschland steht und daran erinnert: „Wir alle sind Menschen und wir alle sitzen im selben Boot.“
Jürgen Hein berichtete über seine Erfahrung als Flüchtling aus der Sowjetischen Besatzungszone, aus der er 1956 als Kind nach Heimerzheim gekommen war: „Ja, ich bin ein Flüchtling.“ Obwohl er gebürtiger Deutscher aus Wernigerode im Harz sei, habe er anfangs die Menschen in Heimerzheim ebenso wenig verstanden wie die ihn. Das „Heimerzheimer Platt“ sei für ihn wie eine Fremdsprache gewesen, er habe sich ausgegrenzt und nicht willkommen gefühlt. Auch deshalb, weil die Nachbarskinder in der Kirchstraße immer ins Haus gerufen worden seien, wenn er mit seinen Geschwistern auf die Straße zum Spielen kam. Diese Zeit habe seinen Umgang mit Menschen sehr geprägt, „deshalb stehe ich heute Abend genau hier.“
Sehenswerte Auftritt von sechs jugendlichen Flüchtlingen
Sehenswert war der Auftritt von sechs jugendlichen Flüchtlingen, die unter der Leitung von Denis N‘dong (auch unter seinem Künstlernamen „General Snipe“ bekannt) im Projekt „Do Something“ mit einem selbst gereimten Rap auf ihre Situation aufmerksam machten. Die Ausstellung ist noch bis zum Sonntag, 11. März, täglich von 9 bis 12 und von 14:30 bis 18 Uhr zu sehen. Als Ergänzung gibt es am Donnerstag, 1. März, um 18 Uhr einen Filmabend für Jugendliche mit dem Titel „Heimat ist, wo …“ in Kooperation mit dem Offenen Treff Swisttal und dem Jugendhilfezentrum für Alfter, Swisttal und Wachtberg. Am Freitag, 2. März, um 17:30 Uhr beginnt ein Benefizkonzert in Kooperation mit der Musikschule Voreifel, und am Sonntag, 11. März, ist um 11 Uhr die Abschlussmesse unter Mitwirkung des Jungen Orchesters des Sankt Josef-Gymnasiums in Rheinbach sowie des afrikanischen Trommelkünstlers Ansu Yeboah. JOST
Künstlerin Jana Merkens (rechts) hatte Papst Franziskus und eine junge Muslima zum Selfie in die Pfarrkirche Buschhoven gebracht. Foto: Photographer: Volker Jost Auf de
Sechs jugendliche Flüchtlinge machten unter der Leitung von Denis N‘dong (links) im Projekt „Do Something“ mit einem selbst gereimten Rap auf ihre Situation aufmerksam. Foto: Photographer: Volker Jost Auf de
