Premiere im Schlosstheater Neuwied - „Die Pfarrhauskomödie von Heinrich Lautensack
Die Liebe ist gefährlich, aber alle machen mit
Prädikat: Schwierig, aber sehr sehenswert - weitere Vorstellungen im April
Neuwied. „Die Pfarrhauskomödie“ heißt das neue Stück auf der Landesbühne in Neuwied, das jetzt Premiere feierte. Wer eine bayrische Schenkelklopfkomödie mit bürgerlicher Moral und happy end im letzten Akt erwartet hatte, wurde herb enttäuscht. Und so sahen auch nicht alle Theaterbesucher das Ende dieses bemerkenswerten Stückes von Heinrich Lautensack (1881-1919). in der hervorragenden Inszenierung von Andreas Lachnit. Hinter der Fassade des Lustspiels prangert es die Doppelmoral und Bigotterie der Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts an, deren Priester und Pfarrer trotz Zölibat oft in heimlichen Beziehungen zu ihren Köchinnen leben mussten, aus denen dann zwangsläufig Kinder entstanden.
Einleitend und begleitend spielt Karl-Heinz Dickmann als Leierkastenmann und erzählt die Geschichte im Sprechgesang einer Jahrmarktaufführung: „Die Liebe ist gefährlich, doch alle machen mit.“
Man muss sich schon einlassen auf diese Geschichte, sich mitnehmen lassen. Dann plötzlich merkt man, dass es garnicht so lustig ist, wenn die Pfarrersköchin vom Pfarrer „hops“ ist. Sie muss für ein paar Monate verreisen, damit niemand das Kinderkriegen mitbekommt. In der Zwischenzeit vertritt sie eine andere Köchin, die ihrerseits beiden „Gottesmännern“ zu Diensten ist. Und auch das hat Folgen... Es wundert nicht, dass diese Komödie vor fast 100 Jahren Skandale auslöste, werden doch geistliche Würdenträger in Unterhosen über die Bühne gejagt! Dennoch wurde sie immer wieder aufgeführt, und jetzt wird sie in der Inszenierung von Andresas Lachnit, der Ausstattung von Anita Rask-Nielsen und der Musik von Stephan Ohm meisterhaft interpretiert auf der Bühne des Schlosstheaters in Neuwied.
Es ist kein leichter Stoff, keine einfache Sprache, kein „bayerisches Schmankerl“, sondern eine bitterböse Gesellschaftssatire, die dem Zuschauer einiges abverlangt. Belohnt wird er durch das großartige Spiel der Darsteller, vor allem Lucia Schulz als Irma und Ralf Baumann als Johann Vinzenz. Aber auch Heiko Haynert als stets lächelnder Pfarrer mit „gleunigem“ Blick auf seine Köchin „Ambrosia“ - eindrucksvoll gespielt von Cécile Kott - sie alle agieren im Spiel fast wie Puppen und bestechen durch die besondere Sprache, immer wieder Worte, Sätze und Teilsätze gleichlautend hintereinander aufsagend, wiederholend, mal garnicht, mal anders betont - wunderbar.
Und es schließt sich der Kreis zum heute: Der Zölibat war damals und ist auch heute eine Qual für den, der dieses Gelübde als Last empfindet. Was allerdings - und das mag in der Geschichte der Geschichte begründet sein - garnicht vorkommt, ist das Schicksal der Kinder. Diese wurden wohl anderswo bei Familien oder in Heimen untergebracht und spielten keine Rolle (mehr).
Man kann über das Thema denken, wie man will - der Autor Heinrich Lautensack war ein kritischer Geist und schon zu seiner Zeit nicht unumstritten. Wer weiß, was er noch alles geschrieben hätte, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Er wurde leider nur 37 Jahre alt.
Die weiteren Vorstellungen sind noch bis zum 18. April, sowie am 20. und 27.-29. April, jeweils um 20 Uhr, am 15. und 29. April zusätzlich um 16 Uhr. Karten gibt es an der Theaterkasse, Tel. 02631-22288 und unter www.schlosstheater-neuwied.de.
-he-
Irma und der Kooperator Vinzenz sind sich näher gekommen. Foto: Friedhelm Schulz, Friedrichson-P
Ambrosia muss das Pfarrhaus für eine Weile verlassen. Foto: Friedhelm Schulz, Friedrichson-P
Irma und Pfarrer Achatz legen sich „ihre Geschichte“ zurecht. Foto: Friedhelm Schulz, Friedrichson-P
Die beiden Pfarrersköchinnen sind eifersüchtig und liefern sich ein Wortgefecht. Foto: Friedhelm Schulz, Friedrichson-P
