Allgemeine Berichte | 23.06.2016

Die gute Seele des Nürburgrings

Im Rahmen der Recherche für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ hat Motorsportjournalist Klaus Ridder Marianne Genn besucht, die viele Jahre als Chefsekretärin vieler Nürburgringbosse arbeitete

Die gute Seele des Nürburgrings

Im Rahmen der Recherche für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ hat Motorsportjournalist Klaus Ridder Marianne Genn besucht. Genn arbeitete viele Jahre als Chefsekretärin vieler Nürburgringbosse.

Der Großvater von Marianne Genn verkaufte Grundstücke an das Deutsche Reich für den Bau des Nürburgrings, ihr Vater war die rechte Hand des Geschäftsführers Toni Koll in den 50er Jahren und bekannt als „Jupp vom Nürburgring“. Marianne Genn selbst lernte bei der Nürburgring GmbH 1953 und wurde nach der Lehre Chefsekretärin vieler Nürburgring-Bosse.

In der Pension ihrer Eltern wohnten einst Graf Trips sowie regelmäßig die gesamte Ferrari-Mannschaft und andere Größen des Sports. Mehr Nürburgring geht nicht.

Die Motorsport-Stars gingen

bei den Genns ein und aus

Marianne Genn wurde 1936 in dem kleinen Dorf Balkhausen, östlich der Ortschaft Nürburg geboren. Sie lebt heute in Bad Neuenahr. 40 Jahre arbeitete sie in der Chefetage des Nürburgrings und hat da die Großen des Motorsports oder auch der Politik und andere Stars kennengelernt. Sie erinnert sich noch daran, dass ein junger charismatischer Mann mit dem Namen Axel Linther in der Pension ihrer Eltern schlief und später stellte sich heraus, dass sich unter dem Pseudonym kein geringerer als Wolfgang Graf Berghe v. Trips verbarg. An J.M. Fangio erinnert sie sich auch noch, er hatte eine hohe helle Stimme. Auch der Boxer Hein ten Hoff übernachtete in Balkhausen. Später auch Hans Stuck sen. mit Sohn Hans-Joachim und viele andere Rennfahrer. Der Nürburgring-Geschäftsführer Toni Koll sorgte dafür, dass die gesamte Ferrari-Mannschaft im Haus der Familie Genn unterkam; dafür wurde die Wohnung extra anders eingerichtet. Die Ferrari-Leute kochten selbst. Sie hatten sich ihre Lebensmittel, diverse Nudeln, Tomaten und Wein mitgebracht und machten sich ihre Soßen selbst. Mit dabei war auch der italienische Rennfahrer Lorenzo Bandini und so heißt die Soße heute noch „Bandini-Soße“. In Erinnerung hat Marianne Genn auch noch, dass Bandini mit seinem Ferrari-Sportwagen eine Runde über den gepflegten Rasen drehte und tiefe Radspuren hinterließ.

Das Markenzeichen von Marianne Genn waren und sind ihre rot lackierten Fingernägel. Auch schwärmt sie immer noch von „Stöckelschuhen“, ungewöhnlich für ein „Mädchen“ in den 50er Jahren in der Eifel.

Der „Jupp vom Nürburgring“

Der Vater von Marianne Genn, mit Vornamen Josef, besser bekannt als „Jupp vom Nürburgring“, war die rechte Hand des Geschäftsführers Toni Koll. Er war praktisch für alles zuständig, sogar für Interviews an die Medien.

Er konnte gut reden und so überließ der Geschäftsführer Koll, der auf diesem Gebiet nicht so redebegabt war, auch das seinem „Betriebsleiter“.

Alles was mit der praktischen Abwicklung des Rennstreckenbetriebs zu tun hatte, erledigte der „Jupp vom Nürburgring“. So wurde morgens vor großen Rennen die Rennstrecke extra gesperrt, weil auf der Nordschleife noch einige Proberunden mit einem Ferrari, Maserati oder Vanwall gefahren werden sollten. In der heutigen Formel 1 wäre das undenkbar.

Josef Genn war ausgebildeter Sanitäter und Fahrer des ringeigenen Krankenwagens. Aber die Versorgung von Unfällen war in den 30er und 50er Jahren noch nicht so professionell. Wenn der Sanitätswagen ankam, dann gab es oft schon keine Hilfe mehr.

Im Krieg wurde der Sanitätswagen samt Fahrer eingezogen und an der Ostfront eingesetzt. Genn überstand den Krieg unverletzt, starb aber relativ jung mit 52 an einem Herzinfarkt.

Mädchen für alles

Als Chefsekretärin hatte Marianne Genn viele unterschiedliche Aufgaben. Wenn Aufsichtsrats-Sitzungen waren, musste Kaffee gekocht, aber auch der Sitzungsbericht geschrieben werden. Auch Abrechnungen mit den Marktständen und Verkäufern bei großen Rennen musste sie erledigen. Die Trommeln mit den Eintrittskarten wurden vor den Rennen bis nachts „gefüttert“ und genau so lange dauerte nach dem Rennen die Abrechnung mit den Kartenverkäufern.

Auch an der Rezeption des Sporthotels wurde Marianne Genn schon mal eingesetzt.

Geschäftsführer Toni Koll musste auch schon mal die Sitzung verlassen, weil Waren für das Sporthotel angeliefert wurden, denn die Nürburgring GmbH war auch Betreiber des Sporthotels. Dafür bekam er prompt eine Rüge vom Vorsitzenden des Aufsichtsrats - Toni Koll schaffte es, dass in seiner Zeit im Sporthotel ein Saal für Siegerehrungen geschaffen wurde. Diese fanden abends nach den Rennen in feierlicher Atmosphäre statt. Und Marianne Genn ließ sich auch schon mal ein Autogramm von den Rennfahrerstars geben – manchmal gab‘s auch eine persönliche Widmung.

Auch „Spannungsfelder“ mussten ausgeglichen werden. So wurde dem Geschäftsführer Friedhelm Demandt ein Hauptgeschäftsführer Rainer Mertel vorgesetzt und die Chefsekretärin „saß zwischen beiden Stühlen“ (Büros). Friedhelm Demandt, heute Geschäftsführer der „Initiative Freunde des Nürburgrings“, kündigte schließlich 1984 aus „privaten Gründen“.

Marianne Genn fotografiert bis heute gerne und so entdeckte Klaus Ridder in ihrem Fotoalbum tolle Bilder, so vom ersten Honda F1-Rennwagen mit Ronnie Bucknum vor dem Tunnel im Fahrerlager aus dem Jahr 1964 oder wie Dan Gurney seinen Brabham zur Abnahme schiebt. Dabei ist auch ein Bild vom Start eines 1000 km-Rennens oder eine Aufnahme, wie sich die Formel 1-Rennfahrer Richi Ginther (USA) und Bruce McLaren (GB) unterhalten. Ganz schick auch eine Aufnahme, wo die Chefsekretärin Genn oben auf dem Conti-Turm zu sehen ist.

Einige dieser Bilder sind auch im PC archiviert, so auch solche von vielen Reisen in alle Welt. Übrigens, die letzte Reise ging auf die Mittelmeerinsel Malta. Die „Stöckelschuhe“ blieben aber zu Hause, es wurde viel gewandert.

Geschichten und Bilder gesucht!

Autor Klaus Ridder sucht für sein Buch „90 Jahre Nürburgring - 60 Jahre live dabei“ weitere Zeitzeugen sowie Geschichten und Bilder aus alten Nürburgring-Tagen, hier insbesondere von dem ersten Nachkriegsrennen 1947. Kontakt: Klaus Ridder, Tel.: (0049) 2241 1201863, Email: gefahrgutridder@t-online.de. Weitere Infos online auf www.motorsportridder.de und www.klaus-ridder.de.

Klaus Ridder

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