Allgemeine Berichte | 15.10.2020

Der Kopf knarzt: Leben mit Alzheimer

Die vergessenen Vergesslichen

Die Alzheimer Gesellschaft nördliches Rheinland-Pfalz ist ehrenamtliche Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige

Mit den Erinnerungen dieser Frau fing Waltraud KleinsEngagement für Menschen mit Alzheimer an:Bei ihrer eigenen Mutter war die Alterserscheinungstark ausgeprägt. Foto: Archiv/Privat

Mayen/Rheinland-Pfalz. „Ich liege im Krankenhaus. Wer kümmert sich um meinen Mann?“ – „Keine Sorge, wir kümmern uns. Ihr Mann wird versorgt. Wie geht es Ihnen? Soll jemand vorbeikommen?“ 9.35 Uhr bei Waltraud Klein. Ein Mittwoch, ein Samstag – es könnte jeder Tag sein. Anrufe wie diesen erhält sie derzeit noch häufiger, als vor Corona. Waltraud Klein ist ehrenamtliche Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft nördliches Rheinland-Pfalz. Sie wohnt in Mayen, doch die Anrufe kommen auch aus den benachbarten Kreisen: aus Ahrweiler, aus der Eifel, von der Mosel. Wer Waltraud Klein anruft, braucht Hilfe bei der Versorgung eines dementen Angehörigen, oder kommt selbst gerade nicht klar. Viele möchten auch einfach reden: über den geliebten Menschen, der nicht mehr ist wie früher, über die Freunde, die sich anders verhalten als damals, über die vielen Gefühle, die Hilflosigkeit, die Vergesslichkeit – über das Knarzen in ihrem Kopf.

Die Alzheimer Gesellschaft ist Ansprechpartner für alle direkt und indirekt von Alzheimer Betroffenen. Sie engagieren sich ehrenamtlich, um den vergessenen Vergesslichen das Leben zu erleichtern. Eine öffentliche Einrichtung, die sich rund um die Uhr, an Sonn- und Feiertagen um die akuten Sorgen und Nöte dieser Menschen kümmert, gibt es nicht. Kein Jugendamt für Alte, kein Arbeitsamt für Rentner. Dabei sind es 2018 bereits knapp 1,6 Millionen Menschen in Deutschland gewesen, die mit Demenz leben. Das sind 1,9 Prozent der Bevölkerung. 2050 werden es 2,7 Millionen sein, sagen die Experten von Alzheimer Europe (3,4 Prozent). Wer sich im privaten Umfeld umsieht, wird also wahrscheinlich den ein oder anderen Betroffenen kennen.

Menschen mit Demenz brauchen Unterstützung und Begleitung im Alltag. Wie viel Hilfe sie benötigen, ist sehr unterschiedlich: Einer verlegt hin und wieder den Autoschlüssel, die nächste geht ohne Hose aus dem Haus. Doch das ist nicht das größte Problem, weiß Waltraud Klein aus ihrer 25-jährigen Erfahrung mit dem Thema. „Alte Menschen werden ausgegrenzt. Je tüddeliger sie werden, desto stärker zeigt sich die Interessenlosigkeit bis hin zur Ablehnung der Bevölkerung gegen Alte – oftmals aus Unwissenheit und Hilflosigkeit. Sie werden aus Vereinen ausgegrenzt, in denen sie sich Jahrzehnte engagiert hatten. Weil sie nicht mehr können, wie früher. Dabei brauchen sie gerade jetzt den Rückhalt ihrer Freunde.“ Gewohnheiten und Rituale beizubehalten kann Betroffenen helfen, ihren Alltag zu bestreiten. Neue Abläufe und Spontaneität bringen zusätzliche Unordnung in den Kopf. Besonders deutlich wurde dies mit Ausbruch der Corona-Pandemie. Die neuen Regeln zu verstehen, die im öffentlichen Raum herrschen, wird durch Alzheimer erschwert. Und wer sie verstanden hat, erinnert sich vielleicht trotzdem schon kurz darauf nicht mehr daran.

Pflegende Angehörige in der Krise

Unverantwortlich findet Waltraud Klein, dass die pflegenden Angehörigen in dieser Ausnahmesituation alleingelassen wurden. „Von heute auf morgen waren Einrichtungen zur Tagespflege geschlossen und die Angehörigen konnten sehen, wie sie die Pflege und Betreuung allein stemmen. Überall wurde über die Mehrbelastung in Familien mit Kindern gesprochen. Sicher, die standen vor einer Herausforderung. Aber warum sprach niemand über die Alten, die Hilfe brauchen? Über die pflegenden Angehörigen, die einfach nicht mehr konnten? Unsere Gesellschaft hat die Alten aus dem Auge verloren. Das macht mich traurig und fassungslos.“

Die Kleinigkeiten, bei denen alte Menschen Unterstützung brauchen, sind vielen Menschen nicht bewusst. Dabei sollten sie sich darüber frühzeitig Gedanken machen, rät Waltraud Klein, denn die Jungen von heute sind die Alten von morgen. „Die Leute sollten verstehen: Alter ist keine Krankheit. Altern ist ein Prozess, der jeden Menschen betrifft.“ Darum legt sie Wert darauf, dass Alzheimer nicht als Erkrankung bezeichnet wird, sondern als Alterserscheinung. Menschen mit Alzheimer brauchen also Hilfe beim Altsein. Genauso, wie alte Menschen Hilfe brauchen bei der Körperpflege, bei Besorgungen oder Ausflügen.

Die Alzheimer Gesellschaft hilft, indem sie ein offenes Ohr hat: Es gibt eine Hotline, unter der rund um die Uhr jemand erreichbar ist. Regelmäßig werden Gesprächsrunden angeboten, auch speziell für Angehörige. Einige Angebote, wie die Bewegungsgruppen in Pflegeeinrichtungen, können derzeit nicht stattfinden. Dabei ist Bewegung eine der wichtigsten Maßnahmen, um Alzheimer zu verringern. Gerade die Isolation in Zeiten von Corona verstärkt außerdem andere Probleme, sodass die Angst vor häuslicher Gewalt jetzt ein häufigeres Thema der verzweifelten Anrufer ist.

Neben dem Zuhören, Besuchen und Vernetzen ist die Lobbyarbeit ein zentrales Ziel der Alzheimer Gesellschaft. Die Menschen sollen aufgerüttelt werden, sollen die Augen nicht mehr verschließen können vor den Wünschen und Bedürfnissen der Alten. „Die Leute begegnen Dementen mit Unverständnis, Mitleid oder sogar Ekel. Auch pflegende Angehörige erfahren oftmals wenig Unterstützung, sondern eher Mitleid oder belehrende Ratschläge.“ Mitleid dafür, dass man einen Menschen liebt, der von der Gesellschaft nicht erwünscht ist, den die Gesellschaft vergessen möchte.

-MX-

Kontakt für Hilfesuchende und Helfer

Kontakt zur Alzheimerges. nördliches RLP e.V. unter Tel. (0 26 51) 70 111 - 55, E-Mail info@alzheimer-n-rlp.de; Spendenkonto: IBAN DE 7957 6500 1000 9801 4913, BIC MALADE51MYN (KSK Mayen).

Mit den Erinnerungen dieser Frau fing Waltraud Kleins
Engagement für Menschen mit Alzheimer an:
Bei ihrer eigenen Mutter war die Alterserscheinung
stark ausgeprägt. Foto: Archiv/Privat

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