Leserbrief zum Thema Windkraft in Bad Hönningen
Dieser Wald ist unser Zuhause, kein Industriegebiet – Warum wir eine rote Linie ziehen müssen
Wenn Sie das nächste Mal durch unseren Stadtwald in Bad Hönningen gehen, lade ich Sie ein, einen Moment innezuhalten. Atmen Sie tief ein. Unser Wald ist unser natürlicher Lebensraum und Gesundheitsschutz. Wissenschaftliche Studien belegen die enorme Heilkraft des Waldes: Die von Bäumen verströmten Terpene stärken nachweislich unser Immunsystem und erhöhen die Anzahl der körpereigenen Killerzellen. Wir Menschen sind ein Teil dieser Natur. Wenn wir sie zerstören, zerstören wir uns selbst.
Genau deshalb bereitet mir die geplante Errichtung von riesigen Industrie-Windkraftanlagen mitten in diesem sensiblen Naturraum tiefen, seelischen Schmerz. Mir geht es dabei nicht um die politischen Debatten im Rathaus. Mir geht es um das große Ganze und um die Frage: Welchen Preis sind wir bereit, für die Energiewende zu zahlen?
Oft wird argumentiert, dass die betroffenen Flächen durch den Borkenkäfer ohnehin zerstört seien und man dort ruhig bauen könne. Doch das ist ein psychologischer und ökologischer Trugschluss. Ein Waldboden ist nicht tot, nur weil die Bäume gerade fehlen. Unter der Oberfläche schlägt das Herz des Waldes weiter: Ein hochkomplexes, lebendiges Netzwerk aus Pilzen und Wurzeln, das sogenannte „Wood Wide Web“. Es hält den Boden lebendig, speichert Feuchtigkeit und kühlt unsere gesamte Region. Kahlflächen sind wertvolle Schutzräume für Insekten und Mikroorganismen. Wenn wir der Natur die Zeit geben, wächst hier der gesunde Wald von morgen ganz von alleine.
Wenn wir nun aber pro Anlage ca. 3.500 Tonnen Stahlbeton in diesen lebendigen Boden gießen, Zufahrtswege für die rund 250 Meter hohen Riesen asphaltieren und tonnenschwere Maschinen den Untergrund verdichten, zerstören wir dieses Rettungsnetzwerk unwiderruflich. Als staatlich anerkannter Kurort sollte Bad Hönningen die Ruhe und diesen einzigartigen Naturraum schützen, statt ihn Belastungen durch tieffrequenten Schall, optische Dominanz und den unbestreitbaren Materialabrieb der Rotorblätter – und das in nächster Nähe zu unseren Wohngebieten – direkt über unserem Ökosystem auszusetzen.
Dieser Wald ist nicht einfach nur eine Ansammlung von Holz. Er ist für viele von uns ein Zuhause, ein Zufluchtsort für die Seele in einer ohnehin schon lauten und stressigen Welt. Wälder im Namen des Klimaschutzes zu industrialisieren, ist ein Widerspruch, den wir kaum noch logisch oder moralisch erklären können. Wir Menschen sind keine Außenstehenden; wir sind Teil dieser Natur. Wenn wir unsere letzten Rückzugsorte industrialisieren, nehmen wir uns selbst die Basis zum Atmen und Gesundbleiben.
Wir verschieben die Grenzen dessen, was wir der Natur antun, immer weiter nach unten. Doch irgendwann muss eine rote Linie gezogen werden. Alternative Energien sind notwendig, aber sie müssen dort entstehen, wo sie kein lebendiges Ökosystem zerstören. Ich möchte meinen Kindern später in die Augen schauen und sagen können, dass wir das geschützt haben, was uns am Leben erhält. Denn ohne einen intakten Wald ist am Ende alles nichts.
Jennifer Krämer, Bad Hönningen
