EIN-SPRUCH: Mut zur Lücke
Ich habe mir meine Nachrichtenzeiten inzwischen eingeteilt. Morgens ein Blick. Mittags noch einmal. Mehr braucht es eigentlich nicht. Manchmal ist das schon zu viel. Denn die Wahrheit ist: Die Welt hört nicht auf, Nachrichten zu produzieren. Kriege. Krisen. Politische Aufreger. Dazu die ständige Kommentarflut, die alles sofort einordnet, bewertet, - empört. Und ich merke: Wer alles wissen will, fühlt sich irgendwann auch für alles mitverantwortlich.
Aber stimmt das eigentlich? Ich glaube: Nein. Verantwortlich bin ich für das, was in meinem Einflussbereich liegt. Für das, was ich entscheiden, gestalten, verändern kann. Für Menschen, die mir anvertraut sind. Für Aufgaben, die vor mir liegen. Nicht für die gesamte Weltlage. Nicht für jede politische Entscheidung. Nicht für jeden Konflikt auf diesem Globus. Und schon gar nicht für jede Schlagzeile, die im Minutentakt auf uns einprasselt.
Trotzdem entsteht genau dieser Eindruck: Wer gut informiert ist, müsse auch überall innerlich beteiligt sein. Als trüge man die Welt ein Stück weit auf den eigenen Schultern. Das macht nicht klüger. Das macht eher schwer. Vielleicht ist deshalb ein alter Gedanke heute überraschend aktuell: Der Mensch ist nicht Gott. Er kann nicht alles tragen. Nicht alles wissen. Nicht alles steuern. Mut zur Lücke heißt dann nicht Gleichgültigkeit. Es heißt Unterscheidung. Zwischen dem, was ich wissen muss – und dem, was ich getrost anderen überlassen kann. Ist das sogar eine Form von Freiheit: wieder klarer zu sehen, wofür ich wirklich zuständig bin? Mut zur Lücke, - um dann auch wieder mehr Kraft zu haben für das, was wirklich vor mir liegt.
Über EIN-SPRUCH
EIN-SPRUCH ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Jörg Meyrer ist seit über 20 Jahren Pfarrer in der Stadt.