Allgemeine Berichte | 15.01.2026

In manchen Wohnzimmern steht noch der Weihnachtsbaum, während bei der Karnevalssitzung schon geschunkelt wird

EIN-Spruch: Zwischen Krippe und Konfetti

Pfarrer Jörg Meyrer. Foto: privat

Zwischen Weihnachten und Karneval ist vieles gleichzeitig. In manchen Wohnzimmern steht noch der Weihnachtsbaum, anderswo liegt er längst am Straßenrand. Während zuhause noch die Krippe leuchtet, wird in den Sälen schon geschunkelt, getanzt und gelacht. Groß und Klein werfen sich mit bewundernswerter Energie in den Karneval – lange bevor Weihnachten offiziell vorbei ist.

Wie passt das zusammen? Besinnlichkeit hier, Ausgelassenheit dort. Kerzenlicht und Konfetti. Stille Nacht und Tusch. Ist das ein Bruch – oder einfach das Leben?

In der Kirche ist die Sache eigentlich geregelt. Der Advent bereitet auf Weihnachten vor. Weihnachten beginnt erst mit der Heiligen Nacht und wird gefeiert bis zum Sonntag nach dem 6. Januar, früher sogar bis Maria Lichtmess am 2. Februar. Zeit zum Auskosten und Nachklingen lassen, nicht zum schnellen Abhaken.

In unserer Gesellschaft läuft es anders. Weihnachten beginnt gefühlt mit dem ersten Advent – oder noch früher. Weihnachtsmärkte, Feiern, Lichter, Lieder, Plätzchen. Und oft auch zuhause schon der Weihnachtsbaum: „Die Zeit ist ja so kurz!“ Und dann: Schnitt. Am zweiten Weihnachtstag ist alles vorbei. Wie bei einer Fußball-WM: Nach dem Endspiel wird abgebaut, egal wie schön es war.

Was ist denn nun richtig? Die liturgische Ordnung oder der gelebte Alltag? Vielleicht weder das eine noch das andere. Zeiten sind keine Glaubenssätze. Sie sind Versuche, dem Leben Rhythmus zu geben. Und der passt nicht bei allen gleich.

Ich kann Karneval feiern, auch wenn zuhause noch die Krippe steht. Ich darf den Weihnachtsbaum stehen lassen, und das Karnevalskostüm hängt an der Garderobe. Freude richtet sich nicht nach dem Kalender.

Vielleicht ist das gar kein Durcheinander der Zeiten. Vielleicht ist es ein stiller Einspruch gegen die Vorstellung, dass alles genau dann vorbei sein muss, wenn der Termin es sagt. Zwischen Krippe und Konfetti ist mehr Platz, als wir denken.

Über EIN-Spruch

Einspruch ist eine Kolumne der Pfarrei Bad Neuenahr-Ahrweiler. Jörg Meyrer ist seit über 20 Jahren Pfarrer in der Stadt.

Pfarrer Jörg Meyrer. Foto: privat

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