Karl-Heinz Güttes führt die historische Ansicht der Bahnhofsterrasse zurück in den Bahnhof Rolandseck
Ein Bild kehrt heim
Rolandseck. Ein Bild kehrt an seinen Entstehungsort zurück. Zumindest ist es naheliegend, dass C. Schultz seine Zeichnung vor Ort auf Papier gebannt hat, welche die Vorlage bildete für die Lithografie „Corps Borussia auf der Terrasse des Bahnhofs Rolandseck“ von 1865. Eigentümer Karl-Heinz Güttes hat entschieden, nach 92 Jahren in Familienbesitz möge dieses Bild endgültig im Bahnhof verbleiben. Endgültig?
Tatsächlich hat die Darstellung bereits 66 Jahre lang dort verweilt. Güttes berichtet über den interessanten Hintergrund: „Als mein Großvater Peter Schonauer 1926 Bahnhofsvorsteher vom Bahnhof Rolandseck wurde, erwarb er diese Lithographie in einem Bonner Kunsthandel am Münsterplatz und hängte sie in seinem Büro an der Nordseite vom Bahnhof auf. Dort blieb sie bis zu seiner Pensionierung am 31. Juli 1952. Von diesem Zeitpunkt an hatten wir sie in unserem Haus in Rolandseck und später in Oberwinter.“
Hilfe für Museum und Kinder
Aus gutem Grund möchte Güttes das Bild im Bahnhof wissen. Vielfach haben seine Frau Hildegard und er sich für soziale Belange eingesetzt. Als Betroffener der Krankheit Restless Legs (Rastlose Beine), rief Karl-Heinz Güttes eine Selbsthilfeorganisation ins Leben, die aufgeklärte. Seit 1984 unterstützt das Ehepaar Projekte für Kinder in Bonn, Bad Godesberg, Hirschaid bei Bamberg. Es förderte außerdem das Kinderherzzentrum in München-Großhadern, Sternstunden des Bayerischen Rundfunks sowie 2017 ein Projekt in Kroatien. Das Ehepaar hat keine Kinder. Der Enkel des Bahnhofsvorstehers bot das Bild dem Arp Museum Bahnhof Rolandseck zum Kauf an, wieder um Kindern in Not zu helfen. Ihnen sollte der Erlös zukommen. Aber das Museum verfügt über keinen entsprechenden Ankaufsetat. „Daher ist es schön, wenn man Freunde an seiner Seite hat“, sagte Museumsdirektor Oliver Kornhoff bei der Bild-Übergabe auf der Bahnhofsterrasse. Er dankte der Gesellschaft der Freunde und Förderer Arp Museum Bahnhof Rolandseck (GFF), namentlich der Vorsitzenden Ulrike Börger und der Kreissparkasse Ahrweiler, vertreten durch den Vorsitzenden Dieter Zimmermann, die sich den Kaufpreis hälftig teilten.
Regionale Bezüge
Als Leihgabe war die Lithografie bereits in zwei Ausstellungen des Arp Museums zu sehen: in „Rheinromantik. Mythos und Marke“ 2011/2012 und das zweite Mal in der Preußen-Ausstellung „Des Königs Traum“ 2015. So fand dank der Großzügigkeit der Spender dauerhaft zueinander, was zusammengehört. „Es passt sehr gut ins Museum“, meinte auch Ulrike Börger, die sich freute, „dass wir zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, etwas Gutes für das Museum und für Kinder tun“. Altes und Neues habe im Museum seinen Platz. Der ebenfalls erfreute Dieter Zimmermann erklärte, „Wir haben natürlich direkt zugegriffen“. Durch die Grafik werde deutlich, dass es im Arp Museum nicht nur internationale Events, wie Henry Moore zu feiern gebe, sondern „auch die regionalen Bezüge herausgestellt werden“.
Aber was genau zeigt die Grafik? Sie eröffnet den Blick auf ein fabelhaftes Rheinpanorama und lenkt ihn zugleich auf die Bahnhofsterrasse, wo Studenten und Alumni der Bonner Friedrich-Wilhelms-Universität mit ihren auffälligen Kopfbedeckungen beim Karten- und Würfelspiel entspannen. Man sieht sie zumeist um Tische geschart vor vollen Gläsern sitzen. Schon damals gab es eine Bewirtung auf der Terrasse. Es wird geredet, gezecht, geraucht, am Boden neue Bowle angesetzt. All dies, als ob es sich um bedeutsame Tätigkeiten handelt, denn die Mienen der jungen Männer sind überraschend ernst. Nur einer der Ausflügler erhebt ansatzweise lächelnd, hoch über den Kameraden, seinen Pokal. Fünf Corpsmitglieder lehnen am Geländer. Ein einziger unter ihnen schaut sinnend gen Rhein, wo Rolandsbogen, Burgruine Drachenfels, Siebengebirge und die Insel Nonnenwerth im Strom zu einem Landschaftsbild ohnegleichen verschmelzen.
Gesellschaftlicher Treffpunkt
Die Lithografie ist zweifelsfrei als dreifaches Hoch zu verstehen: auf den romantischen Rhein, die Studentenherrlichkeit, speziell der „Bonner Preußen“, wie man die Angehörigen des Corps Borussia nannte und den Bahnhof Rolandseck. Dass der von Anfang an ein gesellschaftlicher Treffpunkt war, „ein Ort, wo die Menschen zusammenkamen“, betonte Museumsdirektor Kornhoff. Zur Zeit der Bildentstehung bedeutete Zugfahren, „den Aufenthalt im Bahnhof genießen und das Gefährt begrüßen, was die seinerzeit noch umlaufende Terrasse ermöglichte“.
Kornhoff weiter: „1865 war es genau dieser Ort, wo Kulturgrößen, wie die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, Guillaume Apollinaire und das Who is Who des Adels sich einfanden“. Königin Victoria von England und Kaiser Wilhelm II. haben sich im Bahnhof aufgehalten. Auch die 31 Studenten auf der Grafik waren alle adelig. Doch erstrebten damals angehende Akademiker, ob blauen oder bürgerlichen Blutes, selten kulturelle Größe. Viele gaben sich, wie Friedrich Nietzsche, der 1864/65 zwei Semester in Bonn studierte, dem feucht-fröhlichen Treiben des Verbindungslebens hin, anderen Unsinn eingeschlossen: So praktizierten Nietzsche und ein Freund während eines Ausflugs „ihrer“ Burschenschaft Franconia ungeniert Schießübungen im Rolandsecker Wald.
Kontakt gehalten
Karl-Heinz Güttes hat eigene persönliche Beziehungen zum Bahnhof Rolandseck. Da ist die Erinnerung an den Großvater, dessen Büroausstattung er noch genau vor Augen hat, dieser Großvater, der vor seiner Eisenbahner-Zeit Obervermessungsgast auf dem Forschungsschiff „Planet“ der kaiserlichen Marine war, die Vermessungsfahrten in der Südsee unternahm. Als er in Rolandseck wirkte, arbeiteten 36 Bedienstete im Bahnhof. Ein 70 Meter langer Güterschuppen zählte zum Betrieb. Täglich wurden 30 Güterwaggons abgefertigt. „Allein 50 Waggons Äpfel aus Frankreich kamen für die Saftfabrik Eckertz in Oberwinter“. Im Krieg sorgte der Bahnhofsvorsteher dafür, dass für das Kloster Nonnenwerth, mithin 130 Schwestern und Schule, von „heiß gelaufenen“ Güterzügen genügend abfiel. Auch nach der Pensionierung Schonauers hielt die Familie Kontakt zum Bahnhof, so zum Künstlerbahnhofsinitiator Johannes Wasmuth, seiner Haushälterin Rosalka, alias Rosalie Rother, zum Pianisten Stefan Askenase, Bildhauer Lajos Barta und Maler Stephen McKenna. 1971 feierten Karl-Heinz Güttes und seine spätere Ehefrau Hildegard ihren Polterabend mit 350 Gästen im Bahnhof.
Doch weiß er auch noch, wie er als Kind nach einem Bombenangriff auf die Dienstwohnung des Großvaters mit weiteren 180 Personen von 1944 bis 1945 im Keller des Bahnhofs, heute Museumsentree, gelebt hat. „Kinder brauchen Schutz und Hilfe“, sagt Güttes, gewiss auch aufgrund seiner eigenen frühen Erfahrungen und handelt danach. HG
Karl-Heinz Güttes erläutert, wie Lithografie und Bahnhof zusammenhängen.
Hildegard und Karl-Heinz Güttes: „Es erfüllt uns mit Freude und Genugtuung, das Bild hier zu wissen“.
