Insul wurde zum bekannten Treffpunkt der Klezmer-Szene
Ein Stück europäischer Geschichte bewahrt in Tänzen und Gesängen
Zeitzeugin Fanja Branzowskaja berichtete über die Verfolgung der Juden während des Zweiten Weltkrieges
Insul. Zum dritten Mal fand ein Festival in Insul statt, das Klezmer, die jiddische Volksmusik, feiert und zahlreiche Besucher in die abgelegene Eifelregion bringt. Doris Schmitten, die Vorsitzende des Vereins Openklezmerscales e.V., der sich dieser Musikrichtung widmet, erklärt am Rande des Festivals: „Klezmermusik erfreut sich zunehmender Beliebtheit“. Sie selber lernte diese Musikart bei einem Workshop in Eisenach kennen, bei dem sie ihre Akkordeon-Kenntnisse vertiefen wollte und dabei Klezmer entdeckte. Die Begeisterung für diese Musik führte zur Gründung der Band „Niealldoh“, einer Gruppe von Mädels, die Klezmer lieben und gelegentlich kleine Konzerte gaben. Das begann im Jahr 2008. Etwas später folgte die Gründung des Vereins Openklezmerscales e.V., der es sich besonders zur Aufgabe gemacht hat, die Musikrichtung regional zu fördern und näher zubringen. Sehr erfolgreich übrigens, denn der Verein hat bereits mehrere Konzerte in Insul organisiert und wurde mit zwei Preisen für Leistungen in den Rubriken „Weltmusik im Dorf“ und „Weltmusik im Gasthof ausgezeichnet. Die Klezmermusik ist eng verknüpft mit der Geschichte der Juden. Die ost-jiddische Sprache, früher auch Judendeutsch genannt, ist damit rund 1000 Jahre alt und aus dem mittelhochdeutschen hervorgegangen, mit Lehn-Wörtern aus dem hebräischen, aramäischen, romanischen und slawischen Wortschatz. Ostjiddisch wird noch von etwa einer Million Menschen gesprochen und die meisten Texte und Verse der Klezmermusik sind in dieser Sprache verfasst, die mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird. Doch nicht nur Klezmer benutzt jiddische Worte, auch im deutschen Wortschatz kann man viele Vokabeln finden, die aus dem Jiddischen kommen und ihre Wurzeln im hebräischen haben. Beispiele sind umgangssprachliche Worte wie „abzocken, betucht, meschugge, Kaff, Kluft, schachern oder schmusen“. „Nach 1945 galt die jiddische Volksmusik als ausgestorben, bis sich in den 1970er Jahren, die „Enkelgeneration“ wie Dr. Alan Bern oder Dr. Joel Rubin auf der Suche nach ihrer jüdischen Identifikation, sich daran erinnerten und letztlich ein Revival schufen.,“ betonte Doris Schmitten. Sie prägten auch den Begriff „Klezmer“, der ehemals nur die Bezeichnung der Instrumente, dann der Musiker und dann zum Schluss erst des Musikgenres war. Nach und nach wurde Klezmermusik dann auch in Europa und besonders in Deutschland wieder entdeckt und erfreut sich zunehmender Beliebtheit und sehr unterschiedlicher Ausprägung. So gibt es haute auch so etwas wie Klezmer-Hiphop (Josch Dolgin, alias Socalled), oder Klezmer-Hardcore (Klezcore) oder aber sie taucht als wichtiges Element bei vielen Bands auf (17 Hippies, Shmaltz) oder aber wird mehr oder weniger traditionell-authentisch gespielt.
Eine Zeitzeugin gab Einblicke ins Ghetto von Wilna
Die Geschichte der Juden im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Jahr den Besuchern des Klezmer-Festivals durch Fanja Branzowskaja nähergebracht. Die Veranstaltung trug den Titel: „Fragt uns - wir sind die letzten Zeugen“. Fanja Branzowskaja ist Sprachlehrerin für Ostjiddisch und eine der letzten Überlebenden des Ghettos von Wilna in Litauen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte von Wilna am Leben zu erhalten und hat dafür unter anderem das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen bekommen. .Der geschichtliche Hintergrund wurde dem zahlreich erschienenen Publikum von Roswitha Dasch erklärt, die den Hilfsverband für ehemalige Ghetto- und KZ-Häftlinge, Mizwah e.V. in Wuppertal gründete. Wilna, heute Vilnius, war eine Stadt in Lettland in der vor dem Zweiten Weltkrieg rund 55 000 Juden lebten und wegen ihrer großen jüdischen Bevölkerung auch das „Jerusalem des Nordens“ genannt wurde. Am 24. 6. 1941 marschierten deutsche Soldaten in Wilna ein. Das Ghetto von Wilna existierte bis 1943 und in dieser Zeit starben im Wald von Ponar etwa 70,000 Juden und 30,000 politische Häftlinge und Regime-Gegner. Das Ghetto wurde 1943 aufgelöst und die verbleibenden Männer wurden nach Estland transportiert, die Frauen nach Polen. Zuvor wurden 80 Häftlinge angekettet und mussten die Leichen im Wald wieder ausgraben, damit sie verbrannt werden konnten. So sollten Spuren verwischt werden und tatsächlich fanden die Alliierten nur 504 Leichen im Wald von Ponar. Die Männer, die unfreiwillig zu Totengräbern wurden, gruben einen Tunnel mithilfe ihrer Essgeschirre und es gelang ihnen, zu entkommen. Allerdings wurden die meisten wieder eingefangen. Nur dreizehn entkamen in die Wälder unn schlossen sich den Partisanen an. Fanja Branzowskaja erinnerte sich an die Flucht durch den Wald gemeinsam mit den Totengräbern, die so entsetzlich stanken, dass niemand es in ihrer Nähe aushalten konnte. Die Zeitzeugin ist heute eine rüstige Neunzigjährige. Sie flog ganz alleine von Vilnius nach Deutschland und kam in diesem Jahr, einer Einladung von Openklezmerscales und Mizwah e.V. folgend, nach Insul. Eine Reise, die sie auf sich nahm, um ganz ohne Pathos von den Zuständen im Ghetto von Wilna zu berichten, ihrer Flucht und dem Anschluss an die Partisanen. Für die musikalische Untermalung dieses Zeitzeugenberichtes sorgten Daniel Kahn, der ein Lied über das Wilnaer Ghetto und die Stadt Wilna vorstellte und Katharina Müther vom „Duo Wajlu“ mit ausgewählten Musikstücken. „Mit 19 Jahren kam ich ins Ghetto“, erzählte Fanja Branzowskaja. Mit ihr kamen Mutter und Schwester. Um zu überleben, musste man einen Arbeitsschein haben, das war ihr „Lebensdokument“. Ihre Arbeit war es Schuhe aus Stroh anzufertigen, später aus einem festeren Material und sie erinnert sich, dass davon ihre Hände bluteten. Im Ghetto war es eng, es war kalt und es gab wenig zu essen. „Wir aßen Kartoffelschalen mit Graupen“ und bis zum heutigen Tage schwärmt sie von dem ersten Bissen Brot, den sie nach der Flucht zu essen bekam. Sie erinnert sich auch an den Major Plagge aus Darmstadt, der über 250 Juden das Leben rettete und an die Lehrer, die heimlich Unterricht gaben. Sie las ein Gedicht über die Lehrerin Mirae, die anfangs 130 Kinder unterrichtete und am Ende nur noch sieben hatte. Das Publikum erfuhr, das Fanja’s Mutter nach Riga deportiert wurde und dort umkam, die Schwester in Stuttgart, der Vater starb einen Tag vor der Befreiung in Estland. Nur ihr selbst gelang mithilfe eines Mannes, der einen Passierschein hatte, wenige Minuten bevor das Ghetto abgeriegelt wurde die Flucht. Mit einer Kameradin floh sie in die sumpfigen Wälder, die schon Napoleon und seinen Soldaten zum Verhängnis geworden waren.“ Wer die Pfade nicht kannte, konnte dort leicht ertrinken, man musste den Weg zu den Partisanenlagern auswendig lernen“, berichtete sie.
Natürlich wurde der Abend, an dem die Zeitzeugin im Rahmen des Klezmer-Festivals ihren Vortrag hielt, nicht nur mit Erzählen verbracht. Auch Lieder wurden gesungen, wie das Partisanenlied der Wilnaer Partisanen. Der Text stammt von Hirsch Glick, die Melodie von einem russischen Volkslied. Zum Abschluss des Abends sangen alle, Vortragende und das Publikum, die Partisanenhymne, die auch von Hirsch Glick geschrieben wurde und das bekannteste Lied des Wilnaer Ghettos ist. Es heißt: „Sage niemals Du gehst den letzten Weg“Susanne Pohler
