Allgemeine Berichte | 14.03.2017

Stolpersteinverlegung in Hilgert

Ein Zeichen gegen das Vergessen

Ortsbürgermeister Uwe Schmidt begrüßte die interessierten Gäste. MIGH

Hilgert. Am vergangenen Samstag fand sich um 15.Uhr eine interessierte Gruppe von Menschen vor dem Haus in der Nordstraße 13 in Hilgert ein. Anlass war die Verlegung zweier Stolpersteine zum Gedenken an die deportierte und im Konzentrationslager Auschwitz ermordete Jüdin Johanna Kirchner sowie deren Ehemann Wilhelm Kirchner mit anschließender Gedenkfeier im neuen Gemeindehaus. Vor circa einem halben Jahr hatte der Gemeinderat des Ortes auf Antrag der CDU-Fraktion der Stolpersteinverlegung zugestimmt. Bürgermeister Uwe Schmidt begrüßte zunächst alle Anwesenden und freute sich besonders über die Anwesenheit der nächsten Verwandten der Verstorbenen, die Großneffen mit Ehegattinnen bzw. deren Witwen aus den Häusern Radermacher und Schmidt. Neben Verbandsbürgermeister Thilo Becker und den jetzigen Eigentümern des Hauses Alexandra Breiden und Paul Gelhard-Breiden fanden etwa 50 Menschen den Weg zu diesem denkwürdigen Anlass, darunter auch Kurt Berger, ein ehemaliger Nachbar der Verstorbenen, der sich aus seinen Kindertagen noch an Johanna und Wilhelm Kirchner erinnert. Die Verlegung der beiden Messingtafeln wurde durch den Künstler Gunter Demnig persönlich vorgenommen, der vor über 20 Jahren die Idee zu diesem Projekt hatte und inzwischen rund 60.000 dieser Gedenksteine an über 1.100 Orten Deutschlands und in zwanzig Ländern Europas verlegt hat. Er erinnert damit an die Opfer der NS-Zeit, in der Menschen in Massen ermordet wurden. Mit seinen Steinen will er deren Namen zurückbringen und somit an jedes einzelne individuelle Schickschal erinnern. Daher wird jeder einzelne Stein per Hand gefertigt und verlegt. Während der Künstler die beiden Steine in den Bürgersteig einließ, bat Uwe Schmidt die Anwesenden zur Fortsetzung Gedenkfeier ins benachbarte Bürgerhaus. Nachdem alle Gäste ihre Plätze eingenommen hatten gab er das Wort weiter an Gemeinderatsmitglied Claus-Dieter Schnug. Er berichtete in den folgenden 20 Minuten chronologisch, detailliert und sehr beeindruckend über das Leben und Schicksal der beiden Opfer.

Eine bewegende Vita

Johanna Kirchner, geboren 1887, und Wilhelm Kirchner, geboren 1875, heirateten im Jahr 1913, also ein Jahr vor dem ersten Weltkrieg. Zunächst wohnten sie in Friesenheim und bezogen später das Haus in der damaligen Nordstraße Nummer 5. Wilhelm Kirchner war zu diesem Zeitpunkt und nach seinem Einsatz im Krieg bereits schwer und chronisch krank. Er bezog eine kleine Angestelltenrente von monatlich 59,10 Reichsmark. 1930 wurde in Hilgert die erste NSDAP-Ortsgruppe des Unterwesterwaldkreises gegründet und erreicht bei den Märzwahlen 1933 bereits 92%. In dem damals 700 Seelen großen Dorf genoss Johanna allerbesten Leumund. Doch dies änderte sich im Laufe der nächsten Jahre, erzählt Schnug. Nach und nach zogen sich viele Bürgerinnen und Bürger, die bis dahin Freude der Familie waren, von Johanna zurück. Sie sahen weg, wenn sie sie auf der Straße trafen, sprachen nicht mehr mit ihr, mieden sie und wollten ihr im Dorf nichts mehr verkaufen. Gemäß der Zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August 1938 musste auch Johanna als jüdische Deutsche den Zweitnamen „Sara“ tragen, der sie als jüdische Deutsche anhand ihrer Vornamen kenntlich machte. Schnug berichtet, dass in der Reichskristallnacht vom 09. auf den 10. November 1938 die Scheiben des Hauses der Kirchners eingeschlagen wurden. Auf der Suche nach einem Ausweg aus ihrer Misere trat Johanna Kirchner am 16. Mai 1939 aus der Synagogengemeinschaft aus und war fortan glaubenslos. Aber auch dieser Schritt half ihr und ihrem Wilhelm nicht. Sie versuchten Deutschland zu verlassen, zu Verwandten in die Vereinigten Staaten auszureisen und stellten einen entsprechenden Antrag. Mangels Beweisen zur Sicherstellung ihres Lebensunterhaltes in den USA wurde dieser jedoch abgelehnt. Nachdem seit August 1942 Juden aus Mischehen mit christlichen Partnern zu melden waren, wurde Johanna Kirchner im Mai 1943 zur Gestapo in Frankfurt am Main vorgeladen und, wie Augenzeugen berichteten, unter herzzerreißenden Schreien aus dem Haus in der Nordstraße abgeführt. Ihr schwerkranker Mann Wilhelm begleitete sie, wurde allerdings sofort nach der Ankunft in Frankfurt von ihr getrennt. Als arischer, evangelischer deutscher Staatsbürger und Kriegsteilnehmer verfasste er einen Brief an die Geheime Staatspolizei und bat darum, die Inhaftierung seiner Ehefrau aufzuheben. Die Gestapo ignorierte sein Gesuch. Schnug gibt an, dass Johanna Kircher am 18.10.1943 per Schutzhaftbefehl in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht wurde. Von dort gab es keinerlei weitere Berichte. Wilhelm schrieb erneut einen verzweifelten Brief an die Gestapo, in dem er darum bat, seine Frau freizulassen, damit sie heimkommen könne, um ihn zu pflegen. Statt einer Antwort erhielt er am 23. November 1943 ein Schreiben, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass seine Johanna am 16.11.1943 um 12.24 Uhr im Konzentrationslager Auschwitz an einer Bauchfellentzündung gestorben sei. Sein mutiger Kampf um das Leben seiner Frau war also erfolglos geblieben und auch er verstarb ein Jahr später. Eine traurige und ergreifende Geschichte, die umso mehr berührt, wenn man als Nachfahre oder Freund dieser Menschen ein Teil dieser Geschichte ist. Aber auch ein Schicksal, dass viele Juden teilten oder besser teilen mussten. In seiner diesem Vortrag folgenden Ansprache präsentierte der Künstler Gunter Demnig neben seiner Intension des Projektes auch nüchterne Zahlen. Sechs Millionen Juden kamen in Europa auf Grund ihrer Abstammung in dieser Zeit ums Leben. Weitere geschätzte sechs bis acht Millionen Menschen aus anderen Gründen, weil sie zum Beispiel behindert waren.

Ein Werk gegen Intoleranz

Hinter seinen Stolpersteinen stünden Familienschicksale wie Entrechtung, Enteignung und natürlich auch Trauer, so Demnig. Die Asche derjenigen, die in den als Todeswerkstätte dienenden Krematorien der Konzentrationslager ihr Ende gefunden hatten, wurde einfach in den Fluss gestreut. Demnig sieht sein Werk als Zeichen gegen das Vergessen dieser grässlichen Taten, als ein Werk gegen Rassismus und Intoleranz. Drei Morddrohungen habe er in den 20 Jahren seines künstlerischen Schaffens erhalten, was ihn aber nicht davon abgehalten habe, sein Werk weiter zu vollbringen. Für das Lesen der Inschriften auf den Stolpersteinen müsse man sich nach vorne beugen. Er sehe dies als Verbeugung vor den Menschen zu dessen Ehren er diese Steine verlegt. Seine Schilderungen schloss er ab mit einem Zitat aus dem Talmud: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Die ausführlichen und detailreichen Schilderungen der Referenten führten sehr bildhaft vor Augen, wie das Leben vor circa 80 Jahren im Dorf gewesen sein muss. Ein Leben, das sich viele Menschen heutzutage gar nicht mehr vorstellen können. Musikalisch begleitet und unterstützt wurde dieses denkwürdige Zusammentreffen von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums im Kannenbäckerland, unter der Leitung von Musiklehrerin Simone Antweiler, mit den Stücken „Dona Dona“ aus dem jüdischen Muscial Esterl, „Shalom Chaverim“, einem Kanon aus Israel, dessen deutsche Übersetzung „Friede sei mit euch“ bedeutet und einem Musikstück nach einer alten Melodie als Komposition von Frau Antweiler. Zum Schluss bedankte sich der Ortsbürgermeister für das Kommen der anwesenden Gäste, betonte, dass ihre Anwesenheit der Veranstaltung einen würdigen Rahmen verliehen habe und lud zur weiteren Diskussion und Reflexion ein.

Ein Zeichen gegen das Vergessen

Die Stolpersteine von Wilhelm und Johanna Kirchner.

Die Stolpersteine von Wilhelm und Johanna Kirchner.

Ortsbürgermeister Uwe Schmidt begrüßte die interessierten Gäste. Fotos: MIGH

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