Holocaust-Gedenktag an der Realschule plus und Fachoberschule Untermosel: Erinnerung und Aufklärung
Ein Zeichen gegen das Vergessen
Kobern-Gondorf. Anlässlich des diesjährigen Holocaust-Gedenktages präsentierte die Realschule plus und FOS Untermosel die Wanderausstellung „Wir werden verbrannt. Wir müssen sterben.“, die von Joachim Hennig für das Herz-Jesu-Haus Kühr kuratiert wurde, sowie das interaktive Sprechstück „Der Gendarm“.
Eindrucksvoll schildert die Ausstellung, wie 1943 im Herz-Jesu-Haus Kühr 150 Frauen und Mädchen selektiert und nach Klagenfurt in Kärnten, Altscherbitz in Sachsen und Stadtroda in Thüringen deportiert wurden. Zwei Jahre zuvor, so berichtet die Ausstellung, wurden im Rahmen der Tötungsaktion T4 in sechs Tötungsanstalten mehr als 70.000 psychisch kranke, behinderte und sozial nicht angepasste Menschen als „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ mit Giftgas ermordet, in Hadamar mehr als 10.000, und verbrannt. In der Umgebung der Anstalten stieg süßlich riechender Rauch von den Leichenverbrennungen auf, vermutlich der Hintergrund für den Hilferuf der Kührerinnen. Diese Methoden wurden nach dem Protest des Münsteraner Bischofs von Galen am 03.08.1941 eingestellt und perfidere Methoden wie die Giftspritze oder die Überdosierung von Medikamenten angewandt. Grund für die Deportation der Kührer Frauen war der zunehmende Luftkrieg über Deutschland: Es musste Platz geschaffen werden für verwundete Soldaten und Ausgebombte. Nur drei Frauen kehrten nach Kühr zurück. Neben der Aufklärung ist es ein großes Anliegen der Ausstellung, diesen 150 Frauen und Mädchen wieder einen Namen, ein Gesicht und eine Lebensgeschichte zu geben.
Sprechstück „Der Gendarm“
Zum anderen wurde das interaktive Sprechstück „Der Gendarm“ durch SchülerInnen der zehnten, achten und fünften Klassen aufgeführt. Darin erhält der Gendarm Homburger 1939 nach einem Verrat und als Loyalitätstest für sich persönlich den Auftrag, den an Trisomie erkrankten Jungen Peter aus Vallendar nach Hadamar zu bringen. Peter weigert sich, Homburger ringt mit seinem Gewissen und wird doch zum Mittäter. Peter ist „gehorsam“, er will seiner Mutter Erna keine Schwierigkeiten machen. Eine Woche später erhält sie einen nüchternen Brief: Ihr Sohn Peter ist an plötzlichem Lungenversagen gestorben. Sie wird aufgefordert, 78 Reichsmark für die Einäscherung zu bezahlen.
Vor 23 Jahren, am 26. Januar 2001, gestalteten SchülerInnen zum ersten Mal eine Erinnerungsveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. „Wir wissen, dass Menschen Böses tun, aber mit dem Unfassbaren haben wir nicht gerechnet.“ Zwei neunte Klassen griffen damals die Frage nach dem Geschehenen auf und machten sich auf den Weg in zwölf Dörfer, ihre Heimatdörfer an der Untermosel, um all die Zeitzeugen aufzusuchen, die noch über die Zeit des Nationalsozialismus berichten konnten. Entstanden ist eine eindrucksvolle Bilddokumentation mit dem schlichten Titel „Jüdisches Leben an der Untermosel“, die sogar in den Bestand der Landeszentralbibliothek in Koblenz aufgenommen wurde.
Seitdem führt die Realschule plus Untermosel jährlich einen Holocaust-Gedenktag durch. Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar wurde 2005 von den Vereinten Nationen eingeführt, um an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zu erinnern.
Seitdem wurden Politiker zu Podiumsdiskussionen eingeladen, Filme gedreht und gezeigt, eine schuleigene Gedenkstätte eingerichtet, ein Zeitzeugenkreis gegründet, 20 Stolpersteine für die Familien Koppel, Wolff und Grünewald verlegt, Besucher aus Israel und den USA empfangen und im vergangenen Jahr gemeinsam mit Ortsbürgermeister Michael Dötsch eine Informationstafel im Zentrum von Kobern Gondorf eingeweiht. Sie informiert Einheimische und Gäste über das lange jüdische Leben im Ort bis zur Deportation 1942.
Anette Schröter, Leiterin der Kulturforscher an der Realschule plus, und Lea Scherhag, Fachbereichsleiterin Gesellschaftslehre, haben diesen Tag wieder gemeinsam mit den Jugendlichen geplant und vorbereitet. Niemals vergessen und Demokratie stärken, das betonen beide Frauen, muss in der Schule mehr denn je gelebt werden.
Auch Schülersprecherin Nele Huppertz appelliert an die heutige junge Generation: Populistische Parolen, Abschiebung statt Integration und Rassismus statt Toleranz führen für sie geradewegs in den Abgrund. „Lasst uns gemeinsam gegen Hass, Diskriminierung und Intoleranz kämpfen und eine Welt schaffen, in der jeder Mensch respektiert und geschützt wird“, betonte die Sprecherin. BA
Betroffenheit zeigten die Gäste beim Betrachten der Tafeln der Ausstellung. Sie beginnen mit dem April im Jahr 1943, als Dr. Volmari von der Selektion seiner 150 Schützlinge erfuhr.
