Workshops und Konzerte im Kreis Ahrweiler
Ein großes Treffen der Klezmer-Fans
Den krönenden Abschluss des Festivals in Insul bildete ein OpenAir Konzert mit Daniel Kahn & The Painted Birds
Insul/Niederzissen/Ahrweiler. Vom 29.-31. Mai und vom 4.-7. Juni fand mit KlezWest 2015 zum dritten Mal ein Klezmer-Festival in Insul mit Gesangs-, Tanz- und Instrumental-Kursen sowie Konzerten und Vorträgen statt.
Es begann mit einem Einführungskurs in die Klezmer-Mausik, den das bekannte Quartett Sher on a Shier anbot. Der Name der Gruppe bedeutet übrigens „Tanz ohne Ende“ wobei das Wort „scherbeln“ als Wort fürs Tanzen den Bewohnern des „Ruhrpotts“ durchaus bekannt sein dürfte. Die Gruppe trat zudem bei einem restlos ausverkauften Konzert in Niederzissen auf, wo man dem mitreißenden Klang alter osteuropäischer Klezmer-Kapellen lauschen konnte. Dem ersten Instrumentalkurs folgte ein Gesangskurs, der von Dozenten und Dozentinnen aus dem In- und Ausland gestaltet wurde. Andrea Pancur, eine Münchner Sängerin, erkundete mit den Kursteilnehmern die wechselseitigen Beziehungen zwischen jiddischer und bayrischer Volksmusik. Das Duo Wajlu mit Katharina Müther und Roswitha Dasch brachte den Kursteilnehmern jiddische und hebräische Lieder näher sowie Lieder der spanischen Juden und der Sinti und Roma, die die Klezmer-Musik durch die Jahrhunderte ebenfalls beeinflusste. Den musikalischen Schatz, den jiddische Auswanderer nach Lateinamerika brachten, entdeckte der Bassist, Gitarrist und Sänger Markus Milian Müller gemeinsam mit den Kursteilnehmern. Der Amerikaner Daniel Kahn mit seiner Band The Painted Birds konzentrierte sich auf die Neuinterpretation und Vertonung jiddischer Texte. Er nennt seine neue Form der Musik „Verfremdungs-Klezmer“.
Kurse und Konzerte
Ein zweiter Instrumentalkurs wurde ebenfalls mit den drei international gefeierten Referenten Andreas Schmitges (Gitarre und Mandoline), Paul Brody (Trompete) und Franka Lampe (Akkordeon) angeboten. Dann gab es noch einen Tanzworkshop mit Georg Brinkmann, in dem die Schritte, Formen und Stiltechniken der wichtigsten jiddischen Tänze erlernt werden konnten, sowie einen Kurs für 7 bis 12-jährige Kinder und Jugendliche mit Musikpädagogin Anja Günther und dem Geiger Johannes Gräßer. Die Kurse und Konzerte wurden arrondiert von einem Filmabend. Der dort gezeigte Film erzählte von der Suche einer Gruppe von Musikern nach der Musikkultur von Juden und Roma und deren Gemeinsamkeiten, aber auch den feinen Unterschieden dieser „anderen Europäern“. Einen beeindruckenden historischen Akzent setzte eine Zeitzeugin. Eine der letzten Überlebenden des Ghettos von Wilna, Fania Branzowskaja, gab es einen authentischen Einblick in die Jahre der Judenverfolgung in Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges. Moderiert und musikalisch begleitet wurde diese Veranstaltung vom Duo Wajlu und Daniel Kahn. Ein Solo-Konzert mit Katharina Müther fand in der alten Synagoge in Ahrweiler statt. Den krönenden Abschluss des Festivals bildete ein OpenAir Konzert mit Daniel Kahn & The Painted Birds, gefolgt von einem Tanzfest mit Live-Musik der Dozenten.
Beifall fürs Blasorchester Insul
Das gut besuchte Fest begann mit drei Stücken, die vom Blasorchester Insul gespielt wurden und das dafür brausenden Beifall erhielt. Roswitha Dasch moderierte und sprach über einige Hintergründe des Festivals. Sie hob hervor, dass ein Event dieser Größenordnung ohne die Bemühungen und den Einsatz von Doris Schmitten und dem Verein OpenKlezmerScales e.V. nicht möglich gewesen wäre. Dieses Statement wurde auch von Daniel Kahn bekräftig, der der Einladung in die Eifel gefolgt war, obwohl den Ort auf der Landkarte vorher noch nicht finden konnte. Auf die Frage von Blick aktuell, was ihn bei seinem Besuch am meisten beeindruckt hätte, erzählte er von seinen Unterhaltungen mit vielen Eiflern aus verschiedenen Berufsgruppen. „Jeder wusste, was Klezmer ist“, stellte er staunend fest und schlussfolgerte: „Die Doris hat das allen beigebracht.“
Sie wurde unterstützt von einem Heer von Helfern sowie durch die verschiedenen Sponsoren und Stiftungen, die alle im Festival-Flyer aufgelistet waren.
Zum Schluss appellierten die Veranstalter des Festivals an das Publikum, dass ein solches Event nicht noch einmal stattfinden könne, wenn nicht auch in Zukunft Hilfe in Form von kontinuierlich ehrenamtlich mitarbeitenden Menschen gefunden werden könne. Nach dieser Einleitung begann das eigentliche Konzert mit dem charismatischen Multitalent Daniel Kahn und The Painted Birds mit dem ersten Lied „Zum Winter…“ von dem Poeten Abraham Reisen, der auch als „Heinrich Heine“ der jiddischen Sprache gilt, das unter dem Eindruck des harten Winters um 1900 entstand. Es folgten Lieder von Mordechaj Gebirtig, wie der berühmte Arbetslosen-Marsch, ein sozialistisches Kampflied. Gebirtig, war ein Schreiner und Poet aus Krakau, der 1944 im Ghetto von Krakau erschossen wurde. Er komponierte über 90 Gedichte und Lieder.
Es folgte ein Lied, das die New Yorker Sängerin Adrienne Cooper häufig gesungen hat. „Es stammt aus dem Jahre 1890, „ erklärte der Künstler, „eine Zeit, in der Frauen so hart wie Männer arbeiteten, aber weniger bezahlt wurden. Gut dass das vor 100 Jahren war…..“ lachte er. Ein „Rock-Song“ von David Edelstadt aus dem Jahre 1890 folgte. Das Lied „At strife“, auch ein Kampflied, wurde als Mischung von englischer Übersetzung und jiddischem Text vorgetragen.
Danach ging es „a bissel ruhiger“ weiter „für die Nachbarn“, mit einem Stück von Abraham Sutzkever, einem jiddischen Dichter, der als „Holocaust Poet“ bekannt wurde, aber, so sagte Dan Kahn, er war ein großer Dichter trotz des schrecklichen Albtraums, der das Ghetto von Wilna war. Das Lied handelte bereits in 1943 von der Befreiung, aber auch davon, wie unmöglich eine komplette Befreiung sein würde. Multitalent Daniel Kahn spielte Gitarre und Mundharmonika gleichzeitig und sang in Jiddisch, Deutsch und Englisch unterstützt von Musikern seiner Band „The Painted Bird“. Das Publikum war begeistert von diesen Künstlern, die klarmachten, warum sich der Klezmer-Sound mit all seinen Facetten solch zunehmender Beliebtheit erfreut. Es folgte ein intensiver Abend, der weiterging mit Tanz und Musik und der zauberhaften Beleuchtung von über 200 Leuchtballons, die Jugendliche aus Mayschoss unter der Leitung von Anneliese Baltes, Wolfgang Kutzner und Rainer Hess angefertigt hatten. Auf sieben großen Bildern präsentierten sie die Ergebnisse ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema „Helden und Legenden aus der Region“. Nachdem die Bänke weggeräumt wurden, spielten die Dozenten und Dozentinnen der Kurse zum Tanz auf, wobei sich auch die unwilligsten Tänzer mitreißen ließen und alle nach den Anleitungen des Tanzmeisters mitmachten. Alles in allem ein toller Erfolg, der sicherlich viele zum Klezmer-Fan gemacht hat.Susanne Pohler
Wer sich für die Klezmer-Szene interessiert, kann man beim Verein OpenKlezmerScales e.V. Details erfragen.
(www.openklezmerscales.de).
„Also Doris, wenn jetzt eine Bombe auf die alte Schule fallen würde, dann wäre die halbe internationale Klezmer Szene ausgelöscht“, bemerkte ein anonymer Teilnehmer über das Klezmer Festival in Insul zu Doris Schmitten, der Vorsitzenden des Vereins OpenKlezmerScales, der dieses Event ausrichtete. Damit kommentierte er pointiert die Größenordnung des Festivals, das berühmte Künstler aus aller Welt in das abgelegene Eifeldorf brachte. Klezmer, das ist osteuropäisch-jiddische Volksmusik, erfreut sich zunehmender Beliebtheit.
