Allgemeine Berichte | 06.11.2019

Monika Littau schrieb ein Buch nachdem sie deutsche Poesie an der Ocean University of China unterrichtete

Eindrücke von Qingdao am Gelben Meer

Metropolen-Charme: Die Ostchinesische Hafenstadt mit Wolkenkratzer und katholischer St. Michael-Kirche. Fotos: Privat

Remagen. „Immer schon bin ich gerne gereist“, sagt Monika Littau. Auslandsaufenthalte führten sie etwa nach Sri Lanka, Südafrika, Griechenland, Aber, dass es für sie im Sommer 2017 für zwei Monate nach China ging, und zwar nicht als Pauschalreisende, sondern als Dozentin für erzählende deutsche Dichtung, war dann doch einem besonderen Umstand zu verdanken.

Die in Remagen lebende Schriftstellerin, 1955 in Dorsten geboren, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Geographie und Musikwissenschaft zehn Jahre als Gymnasiallehrerin und im Anschluss mehr als zehn Jahre in der Kultur- und Literaturförderung. Seit 2007 widmet sie sich freiberuflich ganz dem Schreiben. Inzwischen blickt sie auf 20 Einzelpublikationen, darunter ein Roman über die Seherin Buchela. Dem Verband deutscher Schriftsteller gehört Littau aber schon seit 1983 an. In diesem Kontext sprach Prof. Dr. Wolfgang Kubin sie an, einer der bedeutendsten deutschen Sinologen, Emeritus der Universität Bonn, Autor und Übersetzer aus dem Chinesischen. Er fragte, ob sie Interesse hätte, an der Universität in Qingdao zu lehren. Bar jeder Chinesisch-Kenntnisse zögerte sie: „Wie leicht könnten mir da Fehler unterlaufen und ich in schwierige Situationen geraten. Würde ich beim Einkauf Zahnpasta-Tuben von Gesichtscreme unterscheiden können?“

Anders als gedacht

Da ihr Mann beabsichtigte mitzureisen, zudem „Anwerber“ Kubin mitteilte, ihr würden einige Studenten zur Seite gestellt, die ihr gern in allen Lebenslagen behilflich wären, nahm sie das verlockende Angebot an und kontaktierte ihre Ansprechpartnerin Dr. Qi im germanistischen Institut an der Ocean University of Qingdao. Als Littau allerdings in den Flieger stieg, tat sie es unter veränderten Vorzeichen: „Tatsächlich passte die Reise für meinen Mann schließlich zeitlich nicht. Frau Dr. Qi erhielt ein Stipendium für Deutschland und kam nach Bonn, war also nicht in Qingdao vor Ort. Die Student*innen waren bei meiner Ankunft teilweise noch auf Sprachenreise und Wolfgang Kubin hielt sich in diesem Sommer nicht in Qingdao auf. Da war es eine große Rettung, zumindest von einer anderen Kollegin am Flughafen abgeholt zu werden.“

Die Dame half ihr auch über die ersten Hürden vor Ort, meldete etwa bei der Polizei an, was in China Pflicht ist. Später boten ihre Schüler Beistand: „Die Studentinnen waren völlig anders als wir es von hier kennen: sehr hilfsbereit, zuvorkommend. Dankte ich ihnen für ihre Unterstützung, hieß es ‚Du bist doch unsere Lehrerin!‘. Deutlich wird hier die Achtung vor dem Alter (Konfuzius), die sich bis heute im Verhalten niederschlägt.“ Auch ihr Fleiß fiel auf. Sie verbrachten sechs bis acht Stunden am Tag im Seminar und am Wochenende arbeiteten sie in der Bibliothek. Littau: „Die Studenten kennen ihren eigenen Studienort nicht, weil sie keine Zeit haben.“ Das deckt sich mit ihrem generellen Eindruck: „Die ganze Bevölkerung steht unter einem außerordentlichen Leistungsdruck.“

Mao schrieb Gedichte

Für sie hatte die Gastdozentin zu Hause ein umfangreiches Unterrichtsprogramm erstellt. Die Studenten lernten Deutsch seit zwei Jahren. „Dies sollte ihre erste Begegnung mit deutscher Literatur werden. Das Anspruchsniveau durfte also nicht zu hoch sein.“ Unter Littaus drei Themenvorschlägen wählte die Universität „Deutsche Balladendichtung“. Die Vorschlagende erstaunte dies nicht: „Gedichte spielen in China eine ganz besondere Rolle. Das rührt vom konfuzianischen Bildungsideal her. Selbst Mao Zedong schrieb klassische Gedichte.“ Und so kündigte sie an: „Beginnend mit dem ältesten deutschen Heldenlied, dem Hildebrandslied (8./ 9. Jh.), soll in dem Seminar exemplarisch die erzählende deutsche Dichtung bis zur Gegenwart aufgespürt und betrachtet werden. Volksballade, Bänkelsong und Moritat sind ebenso Gegenstand wie die bekannten Dichtungen von Schiller, Goethe, Droste-Hülshoff, Heine, Fontane, Brecht, Biermann und vielen anderen mehr.“ Auch wollte sie mit den Studierenden der Frage nachgehen, ob „beispielsweise Nora Gomringer (Bachmann-Preis 2015) und Jan Wagner (Preis der Leipziger Buchmesse 2015) heute noch Balladen schreiben und ob anspruchsvolle Poetry-Slam-Texte ebenfalls zur Gattung gezählt werden können.“

Littau unterrichtete, beobachtete, sprach mit Studenten und Kollegen. Natürlich sah sie sich auch die Stadt an, die von 1898 bis 1919 als Kolonie zum Deutschen Reich gehörte. Überreste aus der deutschen Ära und Wolkenkratzer hat sie angetroffen, auf eigene Faust per Bus den Weg zum Meer gesucht. Sie war in der Region unterwegs, zu der auch die Laoshan-Berge gehören, ein Erholungsgebiet und besuchte einige Tage lang Qufu, die Geburtsstadt von Konfuzius, die ebenfalls in der Provinz Shandong liegt. Nicht selten empfing sie widersprüchliche Eindrücke. Die chinesische Kultur und Philosophie der Vergangenheit begeisterten sie. Doch mancherlei Zerstörungen machten betroffen. „Fast unglaublich“ kamen ihr exerzierende Erstsemester vor. Die stete Überwachung fiel ihr auf. Vieles ließ sie rätseln. Unter anderem verwunderte sie die fehlende Kinderbetreuung für berufstätige Eltern.

Die Weltsicht vervollständigt

Als Schriftstellerin hat Monika Littau ein geeignetes Instrument zur Selbstvergewisserung: Das Schreiben. Sie hat Momentaufnahmen ihrer China-Zeit wach aufgezeichnet. Sie wählte die knappe Form. So entstand ihr neues Buch, betitelt „Von der Rückseite des Mondes. Chinesische Miniaturen“ (112 Seiten, ISBN 9783903071728, erschienen im Bacopa Verlag, 19,80 Euro). Dafür greift sie Bruchstücke des Gesehenen, Erfahrenen auf, isoliert Details, lässt Assoziationen aufsteigen, fragt, macht sich Gedanken zum Erlebten, ein offener Prozess. Subjektiv gesponnene Verknüpfungen laden den Leser ein, dem Kaleidoskop eigene Überlegungen und Empfindungen hinzuzufügen. Die Fragen sind für Littau übrigens nicht weniger geworden. Sie haben sich vermehrt.

Indes resümiert sie: „Die Reise nach Qingdao hat in jedem Fall meine Weltsicht vervollständigt. Ich glaube, dass das Weltgeschehen ohne den großen Spieler China nicht mehr nachvollzogen werden kann.“ Eine weitere Reise schwebt ihr bereits vor. „Gern würde ich dieses Land, das landschaftlich, kulturell und auch im Hinblick auf die vielen Bevölkerungsgruppen unglaublich viel zu bieten hat, noch einmal besuchen. Dann möchte ich ohne Lehrverpflichtungen frei reisen, soweit das möglich ist.“ HG

Monika Littau besuchte mit Studenten die Laoshan-Berge, ein Erholungsgebiet.

Monika Littau besuchte mit Studenten die Laoshan-Berge, ein Erholungsgebiet.

Das Cover des neuen Buches von Monika Littau. Foto: HG

Das Cover des neuen Buches von Monika Littau. Foto: HG

Metropolen-Charme: Die Ostchinesische Hafenstadt mit Wolkenkratzer und katholischer St. Michael-Kirche. Fotos: Privat

Artikel melden

? Vielen Dank! Ihre Meldung wurde erfolgreich versendet.
? Es gab einen Fehler beim Versenden. Bitte versuchen Sie es später erneut.
Kommentare
Bildergalerien
Neueste Artikel-Kommentare
  • Rita Butz: Sehr schön verfasster Bericht , sehr zutreffend und diese beiden " Helden " üben eine Vorbildfunktion für unsere Gemeinde aus !! L. G. verbunden mit meiner höchsten Wertschätzung!!

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 1

  • Rüdiger Knieps: Kesseling im Kreis Ahrweiler
  • Michael Kroeger: Bestätigung Wahlergebnis am 13.4.2026. Mark Geimer wird Stadtbürgermeister. Unterschrift Nutzungsvertrag Windkraft am 17.4.2026 durch den 1. Beigeordneten Werner Lahme. Die Vereidigung Mark Geimer als...
Kirmes Polch 2026
Suchen Auslieferungsfahrer
Kirmes Polch
Dachdecker (m/w/d)
Anzeige Jaadeporz 2026
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Stellenanzeige Kaufmännische/r Angestellte/r
Erzieher
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Empfohlene Artikel
BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 2
49

Jede Woche präsentieren wir Euch einen neuen Schnappschuss aus dem BLICK aktuell-Land. Die Bilder zeigen bekannte Orte, besondere Details oder überraschende Perspektiven aus der Region – doch nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, was genau zu sehen ist.

Weiterlesen

Die Aktivgemeinschaft organisiert zahlreiche Stadtfest, so auch das beliebte „Sprudelnde Sinzig“. Foto: Archiv RASCH
113

Sinzig. 2022 übernahm Peter Krupp den Posten des ersten Vorsitzenden zusammen mit einem neuen Vorstand. Geplant war, dass die Position nur für ein Übergangsjahr von Krupp besetzt werden sollte, die 2023 dann durch Neuwahlen beendet würde. Auf diesem Stand ist es bis heute geblieben.

Weiterlesen

Weitere Artikel
Die Kinder empfingen die Erste Heilige Kommunion.  Foto: Dietmar Walter
45

Erstkommunion der Kirchorte Rheinbrohl, Hammerstein, Leutesdorf

„Gottes Liebe ist wie die Sonne“

VG Bad Hönningen. Am Sonntag, dem 19. April, empfingen 19 Kinder aus Rheinbrohl, 4 Kinder aus Leutesdorf, ein Kind aus Hammerstein und ein Kind aus Bad Hönningen in der Kirche St. Peter und Paul die Erste Heilige Kommunion.

Weiterlesen

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 3
44

Macht mit beim BLICK aktuell-Bilderrätsel!

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 3

Jede Woche präsentieren wir Euch einen neuen Schnappschuss aus dem BLICK aktuell-Land. Die Bilder zeigen bekannte Orte, besondere Details oder überraschende Perspektiven aus der Region – doch nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, was genau zu sehen ist.

Weiterlesen

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 4
51

Macht mit beim BLICK aktuell-Bilderrätsel!

BLICK aktuell-Bilderrätsel: Folge 4

Jede Woche präsentieren wir Euch einen neuen Schnappschuss aus dem BLICK aktuell-Land. Die Bilder zeigen bekannte Orte, besondere Details oder überraschende Perspektiven aus der Region – doch nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, was genau zu sehen ist.

Weiterlesen

Dauerauftrag
Dauerauftrag 2026
Dauerauftrag 2026
Imageanzeige Werbeplan 2026
Rund ums Haus "Baustellen / Wertstoffhöfe"
neue Heizung?
Rund ums Haus Daueranzeige
Praxis an neuem Standort
Anzeigenauftrag #PR106350-2026-0240#
Maibaumstellen Heimersheim
125 Jahre Kaufhaus Moses in Bad Neuenahr
Maifest in Gönnersdorf
Maifest Gönnersdorf
Tank leer?
SB Wahlen