Allgemeine Berichte | 08.05.2018

Kultur- und Heimatverein Niederzissen

Eine lebenslange Reise des Überlebens und der Versöhnung

Ein Überlebender des Holocaust berichtet in der ehemaligen Synagoge Niederzissen

Überlebender Ralph Mollerick wurde in einem Kindertransport nach England geschickt.privat

Niederzissen. Bis auf den letzten Platz gefüllt war die ehemalige Synagoge Niederzissen, und die Besucher erlebten einen besonderen Tag, wie Richard Keuler, der Vorsitzende des Niederzissener Kultur- und Heimatvereins, es in seiner Begrüßung bereits ankündigte.

Und sie wurden nicht enttäuscht, denn mit Ralph Mollerick berichtete ein Überlebender des Holocaust sehr authentisch, wie er 1938 nach der Reichspogromnacht als damals achtjähriger Junge mit insgesamt 10.000 jüdischen Kindern mit dem Kindertransport nach England geschickt wurde und damit vor der Vernichtung durch die Nationalsozialisten gerettet wurde.

Gemeinsam mit seiner neun Jahre älteren Schwester Edith kam er in England an, war aber fortan auf sich alleine gestellt und verbrachte viele Jahre in Heimen und bei Pflegefamilien. Er vermisste seine Eltern sehr und wartete auf sie, bis er 1941 erfuhr, dass seine Eltern im KZ Lodz/Polen umgebracht worden sind. Erst als 13-jähriger sieht er seine Schwester wieder. Es war bei seiner Bar Mitzwa, dem ersten Lesen aus der Thora, und es war für ihn wegen des Verlustes der Eltern kein feierlicher Tag, sondern ein besonders bittersüßer Tag, wie er es eindrucksvoll schilderte. Hinzu kam, dass die schulische Ausbildung in England ein Kampf für ihn war, weil er als Kleinkind in Deutschland weit ins Hintertreffen geraten und jetzt in einem fremden Land war, dessen Sprache und Sitten ihm fremd waren. Dennoch konnte er mit 15 Jahren seinen Abschluss auf der High School in Northhampton machen und eine technische Ausbildung beginnen. Sein Leben hatte nun einen Sinn.

Zu seiner großen Bestürzung erfuhr er dann, dass er mit seiner Schwester in die Vereinigten Staaten einwandern würde. An seinem 16. Geburtstag kam er in New York an. Bei einer Gastfamilie fühlte er sich wohl, bis er völlig niedergeschmettert erfahren musste, dass seine Schulzeugnisse aus England bei einem Brand vernichtet worden waren. Er musste noch einmal ganz von vorne beginnen und versuchte von nun an, alles mitzunehmen, was er an Bildung erhalten konnte. So schloss er die High School mit einem Diplom in Wissenschaft und Technologie ab und studierte Maschinenbau am Brooklyn Polytechnic Institute of New York.

Im Juli 1954 wurde er amerikanischer Staatsbürger und lernte kurz darauf seine erste Frau Marlene kennen, mit der er drei Kinder groß zog. Gemeinsam mit seiner Familie zog er nach Maryland und hatte dort 31 Jahre lang eine erfolgreiche Karriere bei der NASA.

Wie er erst sehr spät feststellte, hatte er trotz seines beruflichen Erfolges seine Vergangenheit verdrängt, was seine familiäre Beziehung mehr und mehr belastete. Dies war ein Teil seiner Probleme, die die Verletzungen verursachten, die er in seiner Kindheit erlebt hatte. Mit den Worten: „Diese seelischen Verletzungen bereiteten mir ein ganzes Erwachsenenleben hindurch große Probleme, was kräftezehrend war für meine Ehe und auf das Verhältnis zu meinen Kindern“ schilderte er seine innere Zerrissenheit, mit der er zu kämpfen hatte und woran letztlich auch seine Ehe scheiterte.

Er wusste nicht, wie es ist, Eltern zu haben und von ihnen den Umgang und die Erziehung der Kinder zu lernen. Allmählich erkannte er, dass die physischen Traumata und der Verlust der Eltern die Ursache seines Grolls waren. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Phyllis, die ebenfalls in Niederzissen anwesend war, konnte er einen neuen Weg in sein Leben finden. Einen Besuch in Deutschland schloss dies allerdings nicht ein. Das kam für ihn nicht in Frage.

Dies änderte sich erst 1993, nachdem ein Jahr zuvor sein Sohn Jeffrey anlässlich einer Geschäftsreise in Deutschland seine alte Heimatstadt Wolfhagen in Hessen besuchte und dort Menschen begegnete, die ihn und seine Eltern kannten. Er ließ sich von seinem Sohn und seiner Frau überzeugen, und der erste Besuch in Wolfhagen änderte dann sein Leben für immer.

Es war für ihn eine Erlösung und versetzte ihn in die Lage, sein Leben vor Menschen, wie jetzt in Niederzissen, zu erzählen. Er konnte auf dem jüdischen Friedhof in Wolfhagen einen Grabstein für seine Eltern aufstellen und sie somit symbolisch zurück nach Hause holen. Er traf seine Spielkameraden wieder, schloss problemlos Freundschaften und kehrte wieder und wieder nach Deutschland zurück. Er besuchte fortan Schulen und berichtete in vielen Veranstaltungen und persönlichen Gesprächen über sein Leben. Dadurch kam es zur Versöhnung mit der alten Heimat Deutschland, die ihm zuvor ein Leben lang seelische Qualen bereitet hatte.

Die Begegnung mit den Menschen ist ein Teil seines Versöhnungswerkes und hatte jetzt in der ehemaligen Synagoge in Niederzissen durch die Vorstellung des Buches „Kindertransport“ eine besondere Note. Sein Freund David Herschler, Historiker und Schwiegersohn der aus Niederzissen stammenden Karoline Leven-Berger, hat sein Leben in dem Buch niedergeschrieben, das seit wenigen Tagen auch in einer deutschen Fassung vorliegt.

David Herschler stellte die Beweggründe und die Zusammenarbeit mit Ralph Mollerick vor. Für ihn als Historiker sind die ganzen Umstände und Hintergründe des Kindertransportes von hohem Interesse. Darüber hinaus ist nach seiner Einschätzung die Geschichte Ralph Mollericks oder Wolfgang Möllerichs, wie er als Achtjähriger in Deutschland hieß, unauslöschlich mit der Geschichte des Holocaust verknüpft. Obwohl Herschler als auch Mollerick ihre Erläuterungen in Englisch vortrugen, verstanden alle Anwesenden, auch durch die an Hand gegebenen wortwörtlichen deutschen Übersetzungen, ihre vielen persönlichen und emotionalen Ausführungen.

Mit dem Buch wollen beide unteren anderem auch die Vorstellung fördern, dass Bildung entscheidend sei, das Leben zu meistern und die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Dies unterstreicht auch der Eintrag Mollericks ins Gästebuch. So schreibt er, dass es seine Botschaft ist, alle Bildung aufzunehmen, die man bekommen kann. Sein Vater habe ihm schon gesagt, niemand könne einem das Erlernte wegnehmen.

So freuten sich beide, dass auch viele junge Besucher bei der Buchvorstellung und Lesung anwesend waren und sich rege am anschließenden Austausch beteiligten, bei dem Brigitte Decker als Dolmetscherin half. Für Ralph Mollerick ist es sehr wichtig, besonders mit Schülern und jungen Menschen zu sprechen und seine Botschaft zu vermitteln. So genoss er im Anschluss das persönliche Gespräch mit Schülern. Alle Besucher fühlten sich bereichert und spürten, dass Ralph Mollerick seinen Frieden gefunden hat.

Das Buch“ Kindertransport“ – Die Lebensgeschichte von Ralph Mollerick, kann über den Kultur- und Heimatverein Niederzissen, Telefon (0 26 36) 64 82 oder E-Mail: info@khv-niederzissen.de bestellt werden.

Überlebender Ralph Mollerick wurde in einem Kindertransport nach England geschickt.Fotos: privat

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