Der Geschichtsverein Unkel stellte seinen 29. „Geschichtsboten“ im Pax-Heim vor
Ergebnisse einer sechsjährigen Forschungsarbeit
Unkel. In das Pax-Heim und damit an den Originalschauplatz hatte der Geschichtsverein um seine beiden Vorsitzenden Piet Bovy und Werner Geißler zur Vorstellung des 29. Unkeler Geschichtsbotens „Der Wittgenstein’sche Hof und seine Nachfolgebauten bis zum heutigen Pax-Heim“ eingeladen. Und diese Präsentation stieß auf ungemein großes Interesse. „Wir waren hier schon häufiger zu Gast und treffen auch heute wieder auf eine Atmosphäre , die uns wie immer gut tut“, so der 2. Vorsitzende, der neben zahlreichen Unkelern auch den Geschäftsführer der Pax-Gesellschaft, Fabrizio Capobianco, begrüßen konnte.
Die stattliche Reihe der Geschichtsboten zu bestimmten Sachthemen, wie Kirmes oder Gasthäusern, Personen, wie Stefan Andres oder Leonard Reinirkens, und über Theaterstücke des Vereins würde noch von den Schriften zu den gehaltene Vorträgen ergänzt, hob Stadtarchivar Wilfried Meitzner hervor. „Mit der 29. Ausgabe widmete sich Piet Bovy mit dem Pax-Heim, einem der beherrschenden Gebäuden an der Rheinfront, nach akribischen Forschungen erstmals einem einzelnen Haus von historischer Bedeutung für Unkel. Eine entsprechende Würdigung verdienen aber durchaus noch weitere Gebäude der Stadt“, erklärte er. Dabei sei der Autor zu überraschenden Ergebnissen über die Familie Seydlitz gekommen und ihre Bedeutung für die Wirtschaftsgeschichte der Region gekommen, so der Archivar.
Dessen Vorgänger, Rudolf Vollmer, hatte dem aus Maastricht stammenden Piet Bovy den Anstoß für seine Forschungen gegeben. „Ich habe hier einen Brief eines Unkelers an einen Hubert Seydlitz aus deiner Heimatstadt“, hatte dieser im Herbst 2013 zu dem Vorsitzenden gesagt. Sein Interesse war geweckt und wuchs um so mehr, als er feststellen musste, dass es kaum Informationen über diesen Hubert Seydlitz gab, bis ihn ein Bekannter auf eine Suchmaschine des niederländischen Forschungsministeriums aufmerksam machte, in dem alle Berichte historischer Art zu finden sind. „So bin ich auf den Salzsieder Hubert Seydlitz (1802-69) gestoßen, der als ältester Sohn des Kaufmanns Franz Heinrich Seydlitz in Köln geboren ist und dessen aus Maastricht stammender Großvater Jakob in Köln ein gutgehendes Salzhandel- und Kolonialgeschäft betrieben hat“, berichtete Piet Bovy. Dieser habe 1808 seinen geschäftstüchtigen Freund Peter Heinrich Merkens (1777-1854) als Partner gewinnen können. Als Jakob Seydlitz 1810 starb, übernahm seine inzwischen verwitwete Schwiegertochter Margarethe seine Stelle als Teilhaberin. Ihr Sohn Hubert habe dann 1824 die 23-jährige Merkens-Tochter Johanna, französisch Jeanette, Rufname Nettchen, geheiratet.
„Über den bis dahin ziemlich unbekannten Hubert Seydlitz, der mich auch zu einem Exkurs über den internationalen Salzhandel und das preußische Salzdebitssystem seiner Firma veranlasst hat, bin ich auf seinen Schwiegervater, eben den Kölner Unternehmer Peter Heinrich Merkens gestoßen, den Sohn eines einfachen Bäckers aus dem evangelisch-reformierten Mülheim“, so der Autor. Als junger Kommis eines Kölner Handelshauses habe Merkens als Hilfslehrer an einem Kölner Töchterinstitut gearbeitet und sich dort in die erst 16-jährige Lisette von Coels (1783-1842) verliebt, die Stieftochter des Kölner Bürgermeisters Johann Jakob von Wittgenstein (1754-1823), die er 1799 aus dem französischen Köln in das preußische Altena entführt und gegen den Willen der Brauteltern dort geheiratet habe. „Wittgenstein ist der erste, dem mit Sicherheit das Ursprungs-Gebäude des Pax-Heims an der Rheinpromenade als Sommerresidenz zugeschrieben werden kann. Das geht aus einer Auflistung der Schäden hervor, die österreichische Soldaten bei ihrer Einquartierung in herrschaftlichen Häusern Unkels angerichtet hatten, zu denen eben auch der am Rhein gelegene Gutshof zwischen Kirch- und Pützgasse sowie Rheinuferweg gehört hat“, berichtete Piet Bovy.
Historische Entwicklung des Pax-Hauses
Damit war er beim heutigen Pax-Heim angekommen, dessen bauhistorische Entwicklung der Forscher nicht zuletzt anhand alter Zeichnungen und Stiche im ersten Teil des Geschichtsbotens nachvollzieht. Zu sehen ist der Vorgängerbau schon auf der Federzeichnung der Unkeler Rheinfront von Wenzel Hollar aus dem Jahr 1637 als ein niedriges, langgestrecktes Fachwerkgebäude, das damals noch hinter der Stadtmauer lag. Zu dem Anwesen zählten neben dem landwirtschaftlich genutzten Langhaus am Rheinufer mit Kammern für das Gesinde und dem früheren Querflügel neben dem ehemaligen Winneckenhaus auch ein hochwassersicheres Gebäude an der Kirchstraße, mit hohem Giebel, das der Familie des Besitzers vorbehalten war. „Auf der Rheinansicht von Rodkin 1733 ist der alte Fachwerkbau einem deutlich höheren, steinernen Neubau gewichen, der viele Fenster zum Fluss sowie ein Walmdach mit Gauben besitzt. Diese sind zwar auf der Ansicht von Depuis knapp 50 Jahre später verschwunden, tauchen aber 1789 auf dem Druck von Thelott neben drei Schornsteinen wieder auf“, so Piet Bovy. Aus dem ursprünglich landwirtschaftlich genutzten Gebäude sei ein zweigeschossiges Wohnhaus geworden, erklärte er, um dann auf die Baugeschichte bis zum Umbau zum heutigen Pax-Heim einzugehen, bei dem das ehemaligen Winneken-Haus integriert wurde.
Interessant ist, dass immer Töchter das Landgut geerbt haben. So hatte Johann Jakob von Wittgenstein 1791 die verwitwete Theresia de Haen (1758-1835) geheiratet, die das Anwesen am Rheinufer wohl mit in die Ehe gebracht hat. Ihre Tochter aus erster Ehe Geheimrat Joseph von Coels, Elisabeth von Coels, erbte den Gutshof nach dem Tod der Mutter „und ihr Mann Peter Heinrich Merkens bauten diesen durch viele Grundstücksankäufe zu einen landwirtschaftlich prosperierenden Unternehmen aus“, erklärte der Autor. Neben großen Ländereien besaß Merkens auch noch zwei weitere Häuser im Unkeler Ortskern, zu denen das heutige „Weinhaus zur Traube“ zählte. Als Elisabeth von Coels 1842 starb, erbte ihre Tochter Johanna Merkens dass gesamte Unkeler Anwesen. Deren Ehemann, Hubert Seydlitz vergrößerte wie schon sein Schwiegervater den Betrieb. Von den sechs Kindern des Ehepaars lebte nur Tochter Sibylla (1832-84) in Unkel, die 1870 den Arzt Matthias Kirchartz geheiratet hatte, mit dem sie in dem Gutshof am Rhein lebte, der ihr nach dem Tod der Mutter zugesprochen wurde. „Da sie keine Kinder hatte, endet mit ihr die Vererbung des Wittgenstein’schen Landgutes über die weibliche Linie. Nach ihrem frühen Tod wohnte ihr Mann noch 22 Jahre dort, bevor das gesamte Anwesen, zu dem rund 200 über Unkel, Heister, Scheuren, Bruchhausen und Rheinbreitbach verstreute, landwirtschaftlich genutzte Grundstücke zählten, von der Erbengemeinschaft über eine ‚Unkeler Bodenverwertungsgesellschaft mbH“ 1909 verkauft wurde“, schloss Piet Bovy seinen Bericht über den Wandel des Anwesens vom Wittgenstein’schen Sommersitz über ein großes, landwirtschaftliches Gut zur Arztpraxis bis hin zum Pax-Gästehaus. Erworben werden kann der 29. Geschichtsboten wie immer für 5 Euro im Geschäft von Stefan Florian-Schädlich, Frankfurter Straße 25, und im Vorteil-Center. DL
