In der evangelischen Kirche Oberwinter gedachte man der Opfer des Holocausts
Erinnern und Aufstehen gegen Judenhass und Rassismus
Redner bezogen Position gegen neuen Antisemitismus - Ute Metternich referierte zur Geschichte der Juden im Hafenort
Oberwinter. Gedenkstätten, Museen und Kirchen erinnerten zum Holocaust-Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus und an die Befreiung der Menschen im Konzentrationslager Auschwitz vor 75 Jahren. Auch in Oberwinter hatte die dortige evangelische Kirchengemeinde in Kooperation mit dem Rathausverein dies kurzfristig getan, denn Pfarrer Michael Schankweiler, Synodalbeauftragter für das Christlich-Jüdische Gespräch, befand: „Zum Holocaust-Gedenktag müsste es doch irgendwo im Kirchenkreis Koblenz eine Veranstaltung geben.“
Dazu begrüßten Moritz Kalejs, Pastor im Ehrenamt, der auch moderierte, und der Vereinsvorsitzende Hans Metternich. „Ich wünschte, sagen zu können, die Deutschen hätten aus der Geschichte gelernt, aber ich kann es nicht“, zitierte Kalejs aus Frank-Walter Steinmeiers Rede in Yad Vashem. Doch der Bundespräsident habe nicht nur aufgefordert zu gedenken, sondern sich offen gegen alle Formen von neuem Antisemitismus aufzulehnen.
„Schabbeslämpchen“ entzündet
Vorab hatte Heinz Wilms eine schöne Schilderung von Ferdinand Stausberg wiedergegeben. Schön, weil sie den unbefangenen Umgang der Kinder ungeachtet ihres unterschiedlichen Glaubens zeigt. Der Junge war in den 1870ern in Oberwinter mit dem „Judde Jül“ befreundet, für dessen Familie er am Sabbat das „Schabbeslämpchen“ anzündete. Metternich erzählte, dass erst der Besuch des Professors Michael Levy, Urenkel von Julius, angeregt habe, das jüdische Leben im Hafenort zu erforschen. Metternichs Frau Ute ging dem 15 Jahre lang nach und schrieb das Buch „Abendstern und Schabbeslämpchen“.
Juden in Oberwinter sind bereits 1320 belegt. Auch in späteren Jahrhunderten lebten sie im Ort. 1858 bildeten sie mit 22 Personen bei 888 Katholiken und 406 Protestanten knapp drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Den Broterwerb bestritten sie als Metzger, Viehhändler, später Kaufmann und Köchin, hielten vermutlich etwas Vieh und Weinberge. Ihre Kinder wurden durch Wanderlehrer unterrichtet, die Synagoge besuchten sie in Remagen. Beerdigungen erfolgten in Oberwinter und in Rolandseck. Die Referentin ging auf die Familien Aron, David/Wolff, Levy und Meyer ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele auf der Suche nach besseren Berufschancen ab in die Städte, auch nach Amerika. „Während der NS-Verfolgung erhielten sie in Oberwinter Hilfe, aber es gab auch Denunziationen“, so Ute Metternich.
Politik muss handeln
Zwischen den Wortbeiträgen halfen Musikeinspielungen, wie John Williams „Remembrance“ aus dem Film „Schindlers Liste“, dem Gehörten nachzuspüren. Doch die kurze „360°“-Dokumentation des WDR „Inside Auschwitz“, in der drei überlebende Frauen – Anita Lasker-Wallfisch, Philomena Franz und Walentyna Nikodem – erzählen, wühlte auf. Eindringliche Worte fand Pfarrer Schankweiler, als er über „Der Holocaust – stete Mahnung zur Humanität“ sprach. Er erinnerte an die „fabrikmäßige Massenvernichtung“ und warnte drastisch: „Weil der Mensch im Guten und im Bösen so ist, wie er ist, müssen wir auch heute mit dem Schlimmsten rechnen“. Laut einer Studie finde eine Normalisierung von Judenfeindlichkeit statt, beschleunigt durch das Internet. Missgunst, Vorurteile, blanker Hass gegen Menschen anderer Hautfarbe, Religion und sexueller Orientierung breiteten sich aus.
Besonders leicht ließen sich die Unzufriedenen, von gesellschaftlichen Prozessen Abgehängten aufhetzen. Die Politik müsse handeln, so Schankweiler, „da soziale Verwerfungen wie Armut und Hunger meist Kriegen, Völkermord, Flucht und Pogromen vorausgehen“. Sein Appell: „Wir müssen unsere Stimme gegen Judenhass, Menschenhass und Völkermord erheben.“ Nach dem Verlesen von Namen der aus Oberwinter stammenden Opfer, erzählte Ortsvorsteherin Angela Linden-Berresheim von ihrer Familie mit einer halbjüdischen Großmutter. Außerdem sprachen Sabine Gilles seitens der katholischen Kirche, Klaus Liewald vom Ahrweilerer Bürgerverein Synagoge, Richard Keuler vom Kultur- und Heimatverein Niederzissen und Pfarrer in Ruhe Wilfried Neusel. HG
Zu Beginn des Sabbats entzündete man in jüdischen Haushalten die Sabbatlampe.
