Allgemeine Berichte | 08.08.2025

Spaß für fünf Mark: Gerade für Kinder war die Kirmes in Sinzig immer der Höhepunkt des ganzen Jahres!

Erinnerungen an die Sinziger Kirmes

Die Kirmes in Sinzig ist für alle Altersklassen ein Fest: Aber ganz besonders für die Pänz! Foto: ROB

Sinzig. Sinziger Kirmes – das waren für uns Sinziger Pänz vor mehr als einem halben Jahrhundert ganz hohe Feiertage. Den Kirmestagen fieberte man heftig entgegen. Übrigens hat es dem großen Bernd einiges Leid bereitet, dass die Kirmes – als Herzensangelegenheit vieler Sinziger – einige Jahre „durch Corona sabotiert wurde“. Beste Gelegenheit also, das Rad der Zeit noch einmal mehr als ein halbes Jahrhundert zurückzudrehen.

Bereits in der Vorwoche wurde mit großer Nervosität die Ankunft der ersten Wagen der Schausteller erwartet. Natürlich lungerten wir in großer Zahl „mit dem Rädchen“, aus allen Teilen der Stadt angereist, in der Innenstadt herum. Zum Hintergrund: Die Kirmes fiel in ihrer jüngeren Geschichte fast immer komplett in die Zeit der Sommerferien von Rheinland-Pfalz. „Wir hatten also Zeit und waren neugierig“ – um es ganz einfach zu formulieren. Die Wohnwagen der Schausteller boten da schon einiges. Immerhin falteten sich besondere Exemplare schon in den Sechzigerjahren auf dem neuen Standplatz auseinander. Schon erstaunlich, dass da einfach ein Wohnzimmer ausgefahren werden konnte. Noch mal einen Tick interessanter war natürlich die Technik der verschiedenen Fahrgeschäfte. Deren Aufbau wurde mit platt gedrückter Nase aus allernächster Nähe begutachtet. Und das fahrende Volk konnte mit den Sinziger Pänz freundlich umgehen. Nur wenn wir den Aufbauarbeiten störend zu nahe kamen, gab es „klare Ansagen“. Reichte völlig – denn vor den muskelbepackten und tätowierten Aufbauhelfern hatte man einen Heidenrespekt.

Glück, Geschickund Hartnäckigkeit

Besonders groß war das Aufgebot in Sachen Bauaufsicht der Pänz am Freitagnachmittag vor der Kirmes. Denn dass viele Fahrgeschäfte Testfahrten durchführten, war allgemein bekannt. Und dafür brauchte es dann auch schon mal Fahrgäste. Wir fühlten uns aber nicht als Dummies, sondern jubelten nur „Freifahrt!“. Einige wenige schafften es dann auch mit Glück, Geschick und Hartnäckigkeit, schon vor der Kirmes alle Fahrgeschäfte getestet zu haben. Das waren die Kings – vor allem, wenn neue Fahrgeschäfte dazukamen.

Innerhalb der Szene der Sinziger Pänz spielte die historische Dimension des Volksfestes keine Rolle – aber die persönliche finanzielle Situation schon. Da wurde das mühsam ersparte Finanzbudget überschlagen, mögliche Kirmesgeldzuwendungen von Onkeln und Tanten hochgerechnet. Als kleine Finanzminister verspekulierten wir uns in dieser Hinsicht auch schon mal heftig. Dem Nachwuchs von heute sei versichert: Regelmäßiges Taschengeld war in jenen Zeiten eine absolute Ausnahme. Haupteinnahmequelle waren kleine Nebenjobs. Ich selbst trug regelmäßig das Amtsblättchen aus, ebenso wie Illustrierte – und auch Werbung. Schlecht bezahlter Job, aber er spielte die eine oder andere Mark in die stets leeren Kassen unternehmungslustiger Jungs.

Fußball zum Kirmes-Auftakt

Die Kirmes selbst begann dann am Samstag – für heutige Zeitgenossen völlig überraschend – mit Fußball. Denn die Sechzigerjahre waren noch die großen Zeiten des SC Rhein-Ahr Sinzig in der Rheinlandliga. Lieblingsgegner seinerzeit: der Lokalrivale SC 07 Bad Neuenahr. Und die Verantwortlichen beider Vereine schafften es sehr oft, just dieses Lokalduell am Nachmittag des Kirmessamstags stattfinden zu lassen. Das 1964 eingeweihte Rhein-Ahr-Stadion war mit bis zu 2.000 Zuschauern richtig gut gefüllt. Ein Erfolg der Schwarz-Gelben war dann der richtige emotionale Kirmesaufgalopp. Der kleine Bernd Linnarz war in seiner kindlichen Seele übrigens mit dem neuen Stadion nicht zufrieden. Wenn man schon astronomische Summen für ein neues Stadion ausgibt, dann bitte doch mit Rasenplatz und Tartanbahn – und nicht mit Asche! Dies auch als gut gemeinter Rat für die Aufbaupläne nach der Flut vom Juli 2021. Für das Fußballgucken zeichnete „de Bap“ verantwortlich.

Dann folgte der Samstagabend – die Regie führte „De Mam“. In der Familie Linnarz mit fünf Pänz galt die einfache Regel: Wer in die Schule geht, darf auch Samstagabend mit zur Kirmes. Die Möglichkeit, am späten Abend noch in die Lichterwelt der Kirmes abzutauchen, war eine schlichte Sensation.

Kirmeswurst war Muss

Und begann mit Schlangestehen. Denn eine Kirmeswurst „vom Waigl“ war ein absolutes Muss – leider für alle Sinziger. Warum diese Wurst so extrem lecker im knusprigen Brötchen schmeckte, sei dahingestellt. Nach zugesteckten Informationen der Familie Waigl kam immer nur die beste Metzgerwurst auf den Grill. In riesigen Pfannen – meist in einer der Hofeinfahrten der Bachovenstraße – brutzelten die Würste vor sich hin. Zu Hunderten wanderten sie von Pfanne zu Pfanne. Das Geheimnis der knusprigen Brötchen erschloss sich zumindest: Die wanderten unter den großen Pfannen in Körben mit und wurden von der Abwärme also regelrecht aufgetoastet. Das Angebot des stets umlagerten Imbissstands hielt sich für heutige Verhältnisse in engen Grenzen: Es gab Wurst im Brötchen – ohne Senf, mit Senf und mit viel Senf!

Da ich ja schon groß war, kamen dröge Zuckeltouren auf dem Kinderkarussell natürlich nicht in die Tüte. Mein Liebling war über Jahre die Raketenbahn. Einige Fahrten auf der Schmetterlingsbahn wurden aber von „de Mam“ gesponsert. Dass die Fliehkraftverhältnisse dieser Kirmesinstitution dafür gesorgt hatten, dass sich Männlein und Weiblein in der Barbarossastadt näherkamen, erschloss sich mir viel später. Also: Für alle Sinziger, die im Mai oder Juni geboren sind – mal genau nachrechnen. Der Samstagabend riss auf jeden Fall schon ein dickes Loch in den Kirmeshaushalt. Die Rettung war oft der Sonntag. Denn aus allen Richtungen trudelte die bucklige Verwandtschaft ein – zum Kaffeetrinken und zum Kirmesbummel mit Familie. Einige Onkel erwiesen sich aber als extrem knauserig. Eine Mark war viel wert, aber kein Finanzschatz. Ein Heiermann (also ein Fünfmarkstück) kam da schon besser. Die katholischen Tanten aus Remagen waren da ein anderes Kaliber – vor allem, wenn der Kirmestermin nahe am 20. August lag. Da hatte der kleine Bernd Namenstag und konnte auf einen Vorschuss in Form von Scheinen hoffen. Die ausdrücklich nicht auf der Kirmes für schnödes Vergnügen verjubelt werden durften. Nur: Am Mittwoch nach der Kirmes war der Sinziger Panz als solcher absolut pleite. Einziger Trost: Es blieb ja ein ganzes Jahr, um die Finanzlage wieder in den Griff zu bekommen.

Voller Terminkalender

Wir hatten in den Sommerferien aber trotz des Kirmesgroßereignisses viel zu tun. Wohlgemerkt in der Prä-Computer- und Prä-Smartphone-Zeit, in der man als Sinziger Panz vor einem halben Jahrhundert aufwuchs. Unser Spielplatz war der Büsch und die Ahr. Im Büsch galt es täglich, das selbst gebaute und gezimmerte Büdchen zu kontrollieren und zu tarnen. Denn es galt die eiserne Regel: Entdeckten es die konkurrierenden Cliquen aus dem Sinziger Osten oder gar aus Westum, dann hatte man gleich zwei Büdchen – eines war kaputt, und das andere zerstört.

Im Sommer war natürlich die Ahr unser Spielplatz und unsere Dammbaustelle. Fische fangen mit der Hand war sozusagen Sport. Die geschuppten Mitbewohner der Ahr wurden allerdings nicht aufgegessen, sondern in einem kleinen Becken gesammelt und am Abend wieder freigelassen. Nach sechs Wochen Sommerferien war dann so mancher Fisch sozusagen handzahm.

Deutlich mehr Kraft erforderte das Steineschleppen beim Dammbau. Wir Jungs aus dem Sinziger Westen schafften es übrigens als Erste, das Kunststück fertigzubringen, unseren Damm über die gesamte Breite der Ahr zu bauen – nicht auf die überlieferte Art und Weise, von einer Seite loszulegen und dann nicht mehr mit der starken Strömung fertig zu werden. Ein Foto des gigantischen Hoover-Damms in den USA – im Lexikon entdeckt – lieferte die Lösung: Wir bauten im Bogen und zogen den Damm an allen Stellen gleichzeitig hoch. Das in der Ahr wachsende Grünzeug diente als Abdichtung. Auch der Damm musste täglich kontrolliert werden. Größter Feind waren Gewittergüsse. Die Ahr stieg und fiel – und der Dammbau begann von Neuem.

In Höhe des einstigen Spessartsteges entstand dann im Sommer unser eigenes Freibad – mit 20-Meter-Bahn und dem Spessartsteg als Sprungturm für die ganz Mutigen. Die Jungs vom THW, die noch am Steg werkelten – und von denen wir uns einige Flöße aus leeren Fässern und Baumstämmen verschnürt, nun sagen wir mal, geliehen hatten – und auch einige ältere Sinziger, die abends als Badegäste kamen, lobten unsere Pfiffigkeit. Hie und da wurde sogar eine Mark zugesteckt. Doch teilte man das alles durch die gesamte Meute, löste sich das Problem „Kirmesgeldmangel“ nicht wirklich.

Bindeglied zwischen Kirmes und Freiluftspielplatz war für uns Otto Marhöfer. Denn „der Ött“ war bei der Stadt für die Organisation der Kirmes verantwortlich – ansonsten aber mit seinem Moped als „Flurschütz“ unterwegs. Und er konnte schimpfen, zetern und abmahnen, dass es eine wahre Wonne war. Unter uns Pänz gab es da eine Menge Respekt. Denn petzte der Flurschütz bei den Eltern, konnte das gerade an den Kirmestagen sehr unangenehme Konsequenzen haben. Doch der Mann war trotz Dauerkonflikt mit uns „Saupänz“ auch Rheinländer. Den Dammbau stufte er irgendwie als sinnvolle Freizeitbeschäftigung ein. Denn solange wir mit Steineschleppen in der Ahr beschäftigt waren, richteten wir ja keinen weiteren Flurschaden an. Und beim Thema Fische war ja ersichtlich, dass wir nicht illegal angelten – Fisch mit der Hand fangen war im seinerzeitigen Fischereigesetz irgendwie wohl nicht vorgesehen.

Nach heutigen Maßstäben war unser Spielen in der Ahr wohl extrem illegal. Heute gäbe es da wohl richtig Ärger. Damals gab es allerdings viele Vorschriften noch gar nicht – und nach Rücksprachen mit einigen Anwälten ist alles, was wir damals trieben, längst verjährt. Deshalb diese Zeilen. Und in Richtung der neuen Landrätin als Chefin der unteren Wasserbehörde bleibt nur festzustellen:

„Lewe Frau Weigand, wir waren jung, wollten Spaß – waren aber auch kreativ und fleißig.“

Klamme Klasse zur Kirmes

Das Grundproblem „Kirmesgeld“ ist in diesen Erinnerungen schon massiv angesprochen worden. Dem Nachwuchs von heute sei nochmals versichert: Regelmäßiges Taschengeld war in jenen Zeiten eine absolute Ausnahme. Der Sonntag mit dem Besuch der buckligen Verwandtschaft war aber doppelte Chance auf Kohle. Zwar war der Kirmesbummel mit Onkeln und Tanten grottig langweilig, aber der bildungsbeflissene Teil der Verwandtschaft stellte schon mal Testfragen zu Sankt Peter und der Stadtgeschichte. Der kleine Bernd kapierte zwar nicht, was der Unsinn sollte, hatte aber in Heimatkunde – für jüngere Sinziger: dieses Fach gab es tatsächlich einmal – aufgepasst und sackte einige Extraprämien ein.

Aber es galt natürlich weiterhin: Es gab zu viel Kirmes für zu wenig Kohle. So wenig Kohle, dass wir uns als Nachwuchs auch nicht von der allgemeinen rheinischen Zockermentalität anstecken ließen, die auf der Kirmes grassierte. Es sei an das Anna-Peter-Spiel erinnert – mit dem Setzen eines Groschens auf den Leuchtfeld-Tisch. Gesammelte Gewinnkarten brachten Preise. Heute würde so etwas wohl als illegales Glücksspiel nicht mehr durchgehen. Gipfel des Ganzen: Auf der Kirmes wurde an einem leicht abgewandelten Roulettetisch auch richtig gezockt. Ein gewichtiger älterer Herr machte den Croupier. Selbst Willy Engel – ein halbes Jahrhundert Urgestein bei der Stadtverwaltung – kann sich nicht mehr erinnern, wie so etwas möglich war. „Ganz andere Zeiten halt.“

„Gewinne,Gewinne, Gewinne!“

Lose kaufen war trotz der Dauerbeschallung „Gewinne, Gewinne, Gewinne!“ ebenfalls verpönt. Beim Blumenstand zockte man aber ausnahmsweise einmal. „De Mam“ freute sich riesig über eine erbeutete Zimmerpflanze. Im Hause Linnarz gibt es heute noch Grünzeug, dessen Vorfahren – wenn sie denn ablegerzeugend waren – aus diesen frühen Kirmestagen stammen.

Heute ist das große Höhenfeuerwerk am Kirmesdienstag selbstverständlich. Zu unseren Kindertagen aber nicht immer. Bis in die frühen Sechziger wurde geballert, was das Zeug hielt – da gab es etliche Jahre ohne Abschlussfeuerwerk oder nur mit sporadischer Aufführung. Erst Mitte der Siebziger wurde diese Tradition wieder fest etabliert. Die Feuerwerksfinanzierung stand wohl auf ähnlich wackeligen Füßen wie das Kirmesbudget von uns Pänz.

BL

Die Kirmes in Sinzig ist für alle Altersklassen ein Fest: Aber ganz besonders für die Pänz! Foto: ROB

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