Allgemeine Berichte | 09.10.2018

Eine Leserin spricht über den Moment, als sie die Diagnose „Brustkrebs“ erhielt

„Es blieb still im Raum“

Als Beate Ort den Befund der Stanzbiopsie erfuhr, wurde die Zeit gestaucht und der Lärm erdrückt

„Es blieb still im Raum“

Ich bin immer offen mit meiner Krebserkrankung umgegangen und habe, um diese Ungeheuerlichkeit zu verarbeiten, welche mich innerhalb weniger Stunden aus meinem gewohnten Alltag in ein anderes Leben katapultiert hat, einige Überlebensstrategien entwickelt. Ich schaffte mir einen Hoffnungsstern. Wie viele andere Menschen wohl auch, bin ich gerne am Meer und nehme die Kraft auf, die das Meer entfaltet und geben kann. Meinem Hoffnungsstern habe ich die Form eines Seesterns gegeben und ein gekauftes Dekoexemplar hat mich, in meiner Handtasche, zu jedem medizinischen Termin begleitet. Meine andere Strategie war das Schreiben. Zeile um Zeile brachte ich auf weißes Papier und dies empfand ich als stärkende Therapie, um mit der beängstigenden Lebenssituation umgehen zu können. Es machte mich stark.

Jetzt lasse ich Sie eintauchen, in einige Gedanken und Erfahrungen. Ich bin mir sicher, dass andere betroffene Krebspatientinnen sich in mehr als einer Zeile wiedererkennen werden. Obwohl eine Krebserkrankung jeder Frau anders begegnet, gleichen sich doch die Gefühle, Ängste und Erfahrungen.

Die Diagnose Mammakarzinom

Irgendwann macht sich jede Krebsdiagnose auf den Weg, um sich bei dem Erkrankten anzukündigen. Als ich den Anruf der radiologischen Praxis entgegennahm, öffnete ich damit der Diagnose Mammakarzinom die Haustür. Die darauffolgenden Monate nahmen all meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Mit dem Hoffnungsstern vor meinen Augen und mit der Angst im Nacken, ging ich zuversichtlich und voller Vertrauen, in das Wissen und in die Kompetenz meiner behandelnden Ärzte, einen Weg, den sich ein Außenstehender nicht vorstellen kann. Die durchgeführte Stanzbiopsie, verbunden mit einigen Tagen Wartezeit, öffnete den Weg für die weitere Vorgehensweise.

Die OP-Besprechung stand an. Das bevorstehende Wochenende und ein darauffolgender Feiertag verlangten allen Beteiligten eine gewisse Flexibilität ab. Fleißige Laborarbeiter hatten sich mittlerweile an die Arbeit gemacht, um die Eigenschaften meines Tumors zu entlarven. Als ich jedoch pünktlich um 11 Uhr zur OP-Besprechung in das Sprechzimmer des Arztes gerufen wurde, lag dieser so wichtige Befund noch nicht vor. Ein junger, freundlicher Arzt saß vor mir, die lächelnde Schwester befand sich auf der anderen Seite des Sprechzimmers. Zu dieser Zeit wurden in der Klinik Umbauarbeiten durchgeführt. Die Bauarbeiter arbeiteten anscheinend mit großem Gerät und somit war der Lärm, den sie verursachten, ohrenbetäubend. Nach wenigen Worten stand der Arzt auf und schloss das geöffnete Fenster, welches in Kippstellung stand. Doch auch diese Maßnahme konnte den Baulärm kaum dämpfen. Irgendwie gelang es dem Arzt dann doch, mir mit lauter Stimme, alle nötigen Erklärungen für die bevorstehende Operation zu erklären.

„Der Befund ist schon da!“

Doch es fehlte noch immer der Befund des entnommenen Gewebes. Noch bestand ja die Hoffnung, dass der Tumor gutartiges Gewebe aufwies. Es sollte doch sicherlich kein Problem sein, eine geplante OP wieder vom OP-Plan zu streichen. Die Schwester erklärte sich bereit, nachzusehen, ob der Befund mittlerweile im Haus sei. Beide gingen davon aus und nachdem die Schwester den Raum verlassen hatte, beantwortete der Arzt geduldig meine wenigen, noch offenen Fragen. Das volle Wartezimmer draußen schien er zu auszublenden. Er nahm sich, ruhig und freundlich, unendlich viel Zeit für mich und für die nächsten Monate sollte er nicht der letzte Arzt sein, der sich viel Zeit für mich nahm.

Als die Schwester wieder eintrat, unterbrachen wir Zurückgelassenen unser Gespräch. Zeitgleich nahmen wir den weißen Umschlag in ihrer Hand wahr. Sie legte ihn schweigend zwischen uns auf den Tisch. Es blieb still im Raum. Niemand wollte etwas sagen. Wir schwiegen. Alle drei. Dringlichkeit und Schnelligkeit gehören bei einer Krebserkrankung zusammen. Somit schien das Befundergebnis schon klar zu sein. Der Arzt sah mich an, machte aber weiterhin keine Anstalten, nach dem Umschlag zu greifen. In unregelmäßigem Takt hämmerten die Baumaschinen weiter. Laut. Erbarmungslos. Schlag für Schlag. Dann, von einer Sekunde auf die andere, verstummte der Baulärm. Die eingetretene Stille machte die Situation für mich noch beängstigender. „Der Befund ist schon da!“

Leise drang die Stimme des Arztes zu mir durch. Ich fühlte mich plötzlich von Traurigkeit eingehüllt. Mit leiser Stimme sprach er weiter. „Wir wissen, was dort stehen wird. Den Umschlag müssten wir nicht mehr öffnen.“ Klare Worte, ohne jegliche Beschönigung. Weiterhin Stille zwischen uns. Wann war ich jemals so sprachlos gewesen? Mein Blick starr auf den weißen Umschlag gerichtet. Dieser unscheinbare Umschlag, der meine Zukunft enthielt. Wo um alles in der Welt waren die Bauarbeiter geblieben? Ich wünschte mir plötzlich sehnlichst den Lärm wieder her.

Der Arzt griff langsam zum Umschlag. Ich sah, wie seine Finger die Klebestellen des Papiers auseinanderzogen und hoffte weiterhin auf zurückkehrenden Lärm. Vielleicht konnte der Baulärm den Augenblick noch etwas hinauszögern, in dem mir der Arzt mit Worten den Befund mitteilte. Die Zeit schien ausgesetzt zu haben und mir kam der Gedanke, dass die Bauarbeiter vielleicht in ihre wohlverdiente Mittagspause gegangen waren.

In mir wucherte der Krebs und andere gingen einfach in die Mittagspause? Wie viele Mittagspausen sollten mir jetzt wohl noch bleiben? Konnte man die Zeit einfach anhalten? Für den Augenblick und in alle Ewigkeit? Sprach man diese Worte nicht in der Kirche? Der Umschlag riss auf und in dem gleichen Moment setzte der Baulärm wieder ein. Die Zeit lief weiter und der junge Arzt erklärte mir mit lauter Stimme, welche Eigenschaften mein Tumor aufwies. Seine leise Stimme hatte ich mehr gemocht.

Der Tumor verhieß nichts Gutes. Die Worte kamen klar in meinem Kopf an, unerbittlich drangen sie in meine Ohren und klebten sich in meinem Kopf fest. Nachdem es nichts mehr zu sagen gab, verließ ich das Sprechzimmer. Mein Blick fiel auf die riesige Uhr, die im Warteraum an der Wand gegenüber hing. Ihre Zeiger standen auf sieben Minuten vor zwölf. Was für ein Glück, dass die Zeiger nicht auf fünf vor zwölf stehen, dachte ich noch und genoss für einen kurzen Moment die Ironie, die ich empfand. Doch die Ironie wurde recht schnell durch einen erschreckenden Gedanken ersetzt. Was, wenn die Uhr zwei Minuten nachging? Dann wäre die richtige Zeit ja doch schon fünf vor zwölf. War das meine Prognose? Fünf vor...? Der Baulärm verstummte. Mittagszeit. Mahlzeit!

Ich hätte nicht so viel Angst haben müssen

so viel Angst haben müssen

Heute, nachdem einige Jahre vergangen sind, denke ich oft, dass ich gar nicht soviel Angst hätte haben müssen. Angst vor einigen Therapien und Behandlungen. Angst auch davor, vielleicht nicht mehr viel Lebenszeit zu haben. Doch die Antwort darauf ist eindeutig.

An Krebs zu erkranken, bringt Angst mit sich und die sollte man auch zulassen. Doch neben dieser Angst sollte man sich Energieinseln und Bereiche schaffen, in denen die Angst ausgeblendet wird. Es wird immer Menschen im eigenen Umfeld geben, mit denen dies gelingt und manchmal müssen wir diese Menschen im Wunder des Lebens gar nicht suchen, denn sie tauchen plötzlich neben einem auf. Für mich zählt zu diesen Menschen der Arzt, der in einem Befundgespräch den Satz aussprach, der mich durch die darauffolgenden Monate begleitete: „Sie müssen diese Therapie machen, damit sie danach als gesunder Mensch weiterleben können!“

Mit den besten Wünschen

für Ihre Gesundheit

Beate Ort,

Oberzissen

Alle Beiträge zum Themenmonat Brustkrebs gibt es hier.

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