Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus
„Es gibt keinen Schlussstrich, es gibt nur Aufarbeitung“
Im Rheinbach Rathaus-Foyer stand das Konzentrationslager Malyj Trostenez, in dem vor 77 Jahren auch 27 aus Rheinbach deportierte Juden ermordet wurden, im Mittelpunkt
Rheinbach. Das Konzentrationslager Auschwitz ist auch 74 Jahre nach seiner Befreiung am 27. Januar 1945 durch russische Streitkräfte tief im Bewusstsein der Menschheit eingebrannt, dieses Datum wurde in Deutschland zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus bestimmt. Während Auschwitz zum Symbol des Bösen und zum Inbegriff des Holocausts wurde, ist ein anderes Konzentrationslager fast in Vergessenheit geraten, obwohl es besonders schwer mit dem Schicksal der jüdischen Mitbürger aus Rheinbach und den Nachbargemeinden im linksrheinischen Teil des Rhein-Sieg-Kreises verbunden ist. Im Konzentrationslager Malyj Trostenez bei Minsk (Weißrussland) wurden vor 77 Jahren 27 der 36 aus Rheinbach deportierten Juden kaltblütig von NS-Schergen ermordet. Ihrem Schicksal und dem von weiteren 1200 Menschen aus der Region widmet der Verein NS-Dokumentationszentrum Bonn eine eindrucksvolle Ausstellung, die derzeit im Foyer des Rheinbacher Rathauses für Beklemmung sorgt. Konsequenterweise stand daher ausnahmsweise dieses Konzentrationslager in Zentrum der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Rheinbacher Rathaus-Foyer.
Judith Stapf machte die Veranstaltung unvergesslich
Diese berührte wahrlich alle Sinne und brannte sich tief in die Herzen der zahlreichen Anwesenden ein, nicht nur wegen der Ansprachen von Bürgermeister Stefan Raetz, dem CDU-Landtagsabgeordneten Oliver Krauß und von Peter Mohr, dem unermüdlichen Mahner wider das Vergessen, sondern vor allem wegen der Wortbeiträge von Schülern der Jahrgangsstufe neun der Gesamtschule Rheinbach sowie des Städtischen Gymnasiums Rheinbach. Absolut unvergesslich machte jedoch Judith Stapf die Veranstaltung. Die gebürtige Rheinbacherin ist nämlich nicht nur eine begnadete Violinistin, sie ist durch die persönliche Begegnung mit dem Holocaust-Überlebenden Jerzy Gross zu einer stillen Kämpferin gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung geworden. Mit dem musikalischen Thema aus dem Kinofilm „Schindlers Liste“, komponiert von John Williams, sorgte sie für einen bewegenden Auftakt. Als Zehnjährige hatte sie dieses Stück zum ersten Mal gehört und aus Interesse für den Hintergrund des Stücks, Kontakt gesucht zu dem Holocaust-Überlebendenden Jerzy Gross, ein Violinist, der einst von Oskar Schindler vor der Ermordung im Vernichtungslager bewahrt worden war. Aus dem mehrjährigen Austausch zwischen Stapf und Gross entstand das Buch „Spiel mir das Lied vom Leben – Judith und der Junge von Schindlers Liste“ von Angela Krumpen. Dieses Buch und die darin geschilderten Geschehnisse nahmen die sieben Schüler der Jahrgangsstufe neun der Gesamtschule Rheinbach als Vorlage für ihre Wortbeiträge, die sie mit Lehrerin Eva Knips erarbeitet hatten. „Denn wenn Jerzys Geschichte nicht vergessen werden soll, dann müssen wir sie weitererzählen.“
Kein Entrinnen vor der Schreckensherrschaft
Auch eine Gruppe von Schülern aus dem Städtischen Gymnasium Rheinbach hatte sich unter Leitung von Lutz Stichl mit dem Thema beschäftigt und vor allem die Ausweglosigkeit der Lage für die Juden und andere Verfolgte beleuchtet. „Es gab kein Entrinnen, keine Möglichkeit zur Flucht vor der Schreckensherrschaft.“ Auch in Rheinbach habe man das Regime der Gewalt gespürt: den Leuten sei verboten worden, in jüdischen Geschäften zu kaufen und überhaupt Kontakt zu Juden zu haben. Die Juden sollten aus dem Leben in Deutschland komplett eliminiert werden. „Doch das Schlimmste an der Shoah ist, dass es Menschen waren wie du und ich.“
Daran knüpfte auch Oliver Krauß in seiner Ansprache an und bemerkte, damals seien sechs Millionen Mitmenschen Opfer eines öffentlichen Ereignisses geworden, denn die Judenverfolgung sei vor aller Augen geschehen. Selbst in der Schule seien damals die jüdischen Kinder von ihren Lehrern beschimpft und geächtet, von ihren Mitschülern ausgestoßen und mit Steinen beworfen worden. Die „Endlösung der Judenfrage“ sei mit bestialischer Konsequenz verfolgt worden, was Hannah Arendt als beispiellosen Zivilisationsbruch gebrandmarkt habe. Er erinnerte an den eiskalten Zynismus der menschenverachtenden Versuche an Gefangenen in Auschwitz, aber auch an den Namen der Rheinbacher Juden, die Opfer des Nationalsozialismus wurden.
Es gibt keinen Schlussstrich, es gibt nur Aufarbeitung
Umso unfassbarer sei es, dass heute wieder im Bundestag gegen „Kopftuchmädchen und sonstige Taugenichts“ gehetzt werde. „Mehr als empörend ist es, wenn das Wort ‚Jude‘ wieder als Beschimpfung gemeint wird und über die Schulhöfe geht. Diese Stimmen sind unerträglich. Sie sind viel zu sehr schon wieder da. Das Aufschrecken darüber gehört am heutigen Gedenktag – im Angesicht der Opfer deutscher Geschichte – dazu.“ Doch die Beteiligung der Schüler an dieser Veranstaltung zeige, dass es kein Vergessen gebe, und sei daher von besonderer Wichtigkeit.
„Es gibt keinen Schlussstrich, es gibt nur Aufarbeitung“, ergänzte Bürgermeister Stefan Raetz in seiner Ansprache und machte noch einmal deutlich: „So etwas darf niemals wieder geschehen.“ Leider sei das Thema des Rechtsextremismus wieder stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, das Gedankengut sei immer noch verbreitet. Deshalb müsse man frühzeitig Vorsorgemaßnahmen gegen das Wiedererstarken ergreifen, plädierte er dafür, dieser Entwicklung nicht tatenlos zuzusehen, sondern dagegen aufzustehen.
JOST
Sieben Schüler der Gesamtschule Rheinbach hatten sich ihre Gedanken zu den schrecklichen Gräueln der Nazi-Herrschaft gemacht und trugen sie bei der Gedenkveranstaltung im Foyer des Rheinbach Rathauses vor. Foto: Volker Jost
Die Violinistin Judith Stapf machte die Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus im Rheinbach Rathaus-Foyer für die Zuhörer unvergesslich. Fotos: -JOST- Foto: Volker Jost
