1862: Brief an einen jüdischen Kaufmann in Dernau bei Aarweiler

Frankiert mit 6 Kreuzer Freimarke von Thurn und Taxis

Frankiert mit 6 Kreuzer Freimarke von Thurn und Taxis

Brief an Heimann Baer jüdischer Kaufmann Dernau Ahrweiler. Quelle: Matthias Bertram

29.09.2020 - 11:52

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Gelegenheiten muss man beim Schopf packen. So sagte sich Matthias Bertram aus Ahrweiler, als ihm vor kurzem ein frankierter Brief, der 1862 an Heymann Baer in Dernau bei Aarweiler geschickt worden war, angeboten wurde. Es war nicht unbedingt die sehr alte Freimarke des Hauses Thurn und Taxis, die ihn interessierte, sondern der Brief als Zeitdokument jüdischen Lebens im Ahrtal. Als Autor verschiedener zeitgeschichtlicher Dokumentationen zu Judentum, Nationalsozialismus und Zwangsarbeit im Ahrtal und Vorstand des Bürgervereins ehemalige Synagoge Ahrweiler konnte er sich dieses Dokument nicht entgehen lassen.


Der Brief kam von einem Geschäftspartner Herrn Baers, der in Wiesbaden ein Rauchwarengeschäft betrieb (Hirsch Baer & Söhne). Wer war nun dieser Heymann Baer, der 1862 noch in Dernau wohnte, bevor er kurze Zeit später nach Ahrweiler in die Ahrhut Nr. 43 zog:

Heimann, manchmal auch Heymann geschrieben, kam 1820 in Dernau als Sohn von Moses Baer und Helene Baer geb. Heymann zur Welt. Seinen Vornamen erhielt er wohl in Anlehnung an den seit 1808 geltenden Familiennamen seiner Mutter. Dieser Name ist entstand aus dem Hebräischen „Le Chaim“ und steht für Gesundheit/Wohlergehen. Urkundlich erwähnt wird Heimann in 1850. Er war zu der Zeit als Händler in Rödingen, Kreis Düren und unterrichtete gegen ein Entgelt die jüdischen Kinder der Region in der neuen Synagoge des Ortes. Der Landschaftsverband Rheinland zeigt heute in diesem Haus eine Dauerausstellung zum Thema „Jüdisches Leben im Rheinland“.

Nach seiner Heirat mit Johanna Abraham/Manes aus Bendorf zog er zurück nach Dernau, um in den 60iger Jahren, nach der Geburt von vier Kindern, nach Ahrweiler in die Ahrhutstr. 43 umzuziehen. Als Geschäftsmann war Heimann gut vernetzt, auch nach dem Umzug nach Ahrweiler saß er als Verwaltungsrat im Dernauer Creditverein. Noch 1880 beschloss dieser Creditverein, seine Guthaben bei dem Ahrweiler Kaufmann Baer anlegen zu lassen. Dies verwundert insofern, da es schon seit 1865 im Kreis eine öffentliche Sparkasse gab.

Neben dem Weinhandel war Herr Baer im Import und Export von Waren tätig, wie wir in einer Annonce aus dem 1860er Jahren sehen, die bekannt gibt, dass französischer Roggen feinster Qualität eingetroffen ist und in Dernau und Marienthal erhältlich ist. Im Zusammenhang mit Wein warnte der Weinhändler Baer seine jüdischen Glaubensgenossen in einer anderen Anzeige aus 1868 vor nicht koscheren Inhaltsstoffen mancher Weine und Schnäpse.

Einer seiner Söhne, Abraham Baer, übernahm später die väterliche Weinhandlung. Abraham war nach dem Wegzug des Weinhändlers Friedrich Wilhelm Heymann aus der Niederhut (heute Restaurant La Perla), nach Siegburg, von 1898 bis 1926 Vorsteher der jüdischen Gemeinde Ahrweiler und als solcher sehr aktiv auch im sozialen Bereich.

Im Jahre 1907 und 1910 war er Kassenführer des Komitees zur Errichtung eines Israelitischen Krankenhauses in Bad Neuenahr. Dieses Krankenhaus wurde in 1910 eingeweiht.

Vater Heimann Baer starb in Ahrweiler im Juni 1898. Seine Grabstelle auf dem Ahrweiler jüdischen Friedhof ist nicht mehr unmittelbar zu erkennen.

Viele weitere Details zum jüdischen Leben in Ahrweiler, Neuenahr und Dernau finden sich in dem Buch von Matthias Bertram „… in einem anderen Lande. Geschichte Leben und Lebenswege von Juden im Rheinland. ISBN: 978-3-95631-333-2.

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juergen mueller:
Ja, nicht nur in bekannten Problemvierteln sondern auch in Rübenach lodert es. Wer, was sich von einer solchen Aktion was verspricht (oder nicht), wird es wohl selbst nicht wissen. Man kann nur spekulieren, wen und was denjenigen zu einem solchen Vorgehen antreibt. Registriert man, was sich an Jugend...
S. E. K. :
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