Ausstellung im Foyer des Rheinbacher Rathauses
Frauen auf der Flucht sind immer zwischen den Fronten und in Gefahr
Rheinbach. „Zwischen den Fronten - Frauen auf der Flucht von und nach Europa“: So lautet der Titel einer Ausstellung, die anlässlich des Internationalen Tags „Nein zu Gewalt an Frauen“ im Foyer des Rheinbacher Rathauses eröffnet wurde. Thematisiert werden darin die Schicksale von Frauen und Mädchen, die gezwungen waren und sind, aus ihrer Heimat zu fliehen. Angst sei der ständige Begleiter von Frauen auf der Flucht, erläuterte Annelene Adolphs vom „Europaverein Gesellschaftspolitische Bildungsgemeinschaft“, die die Ausbildung nach einer Idee der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Stolberg konzipiert hatte.
Nach Studien des Flüchtlingshilfswerks der UN seien derzeit mehr als 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Ein Drittel aller Flüchtlinge seien Frauen und Mädchen. Sie würden bedroht von Gewalt, Krankheit und existenziellen Nöten, sie lebten in Angst um ihre Kinder und schauten einer ungewissen Zukunft entgegen. Doch im Bewusstsein der Öffentlichkeit fänden Frauen auf der Flucht selten oder gar nicht statt. „Dabei gehörten sie - damals wie heute - oft schon in ihrem patriarchalisch aufgestellten Herkunftsland zu den benachteiligten Gruppen“, wusste Adolphs. Und wenn sie nicht dort schon schutzlos Repressalien ausgeliefert gewesen seien, so erführen sie spätestens auf der Flucht, welchen geringen Wert ein Frauenleben habe.
Seit Jahrtausenden habe sich nichts für Frauen auf der Flucht verändert, sie blieben stets aufs Neue Opfer vielschichtiger Gewalt. Als Flüchtling seien Frauen weitaus mehr gefährdet als zu irgendeiner anderen Zeit ihres Lebens. Sie seien dabei den Unbilden einer langen Flucht ins Exil, der Schikane der Gleichgültigkeit von Behörden und der Gefahr des sexuellen Missbrauchs ausgesetzt. Manche von ihnen müssten, kaum erwachsen, über Nacht die Mutter ersetzen, die Familie ernähren, die Geschwister unterweisen und beschützen. „Diese Frauen und Mädchen, die fast immer zwischen den Fronten stehen, sind der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht - nicht die Kämpferinnen oder die Widerständlerinnen“, machte Adolphs klar. Die Frauen dieser Ausstellung müssten sich ihrem Schicksal stellen und es aus eigener Kraft meistern.
Doch Migration und Flucht sei kein neues Problem, sondern schon seit Jahrtausenden an der Tagesordnung. So spürt die Ausstellung über einen Zeitraum von fast 2000 Jahren flüchtenden Frauen und ihren Geschichten nach. Sie vermittelt die Geschichte der Vertreibung aus dem gewohnten Umfeld und berichtet von der Flucht in eine vermeintlich bessere Welt, bei der der Europäische Kontinent heutzutage das Ziel und zu früherer Zeit der Ausgangspunkt der Wanderbewegung war.
Die Rheinbacher Gleichstellungsbeauftragte Mechthild Schneider erinnerte in diesem Zusammenhang besonders an das 19. Jahrhundert, in dem Hunderttausende von Deutschen und anderen Europäern als „Auswanderer“ ihr Glück in den Vereinigten Staaten suchten. „Heute wären das sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge“, wies sie auf eine unterschiedliche Wahrnehmung hin. Doch niemand verlasse freiwillig seine Heimat, immer zwinge die Not oder die Angst um die Unversehrtheit zu diesem schweren Schritt.
Nicht neu sei auch die Instrumentalisierung der Religion zur Festigung oder Herstellung von Macht. Und auch Vergewaltigungen als Mittel der Kriegsführung seien keine Geschichte aus längst vergangenen Epochen. Die Geschehnisse wiederholten sich über die Zeitalter hinweg, und die Verbrechen und ihre Folgen blieben fast immer sowohl undokumentiert als auch ungesühnt.
„Letztlich müssen die globalen Probleme lokal gelöst werden“, bemerkte Bürgermeister Stefan Raetz, wofür es sogar schon das neue Wort „Glokalisierung“ gebe. Vor Ort könne es sich niemand leisten zu versagen, es müsse umsichtig gehandelt werden.
„Das Thema Flucht ist aktueller denn je“, wusste auch Susann Heilmann vom Flüchtlingshelferkreis Rheinbach, der als Mitveranstalter auftrat. Zumal noch viele aus der eigenen Familie Geschichten über die Flucht infolge des Zweiten Weltkrieges kennen würden. Auch damals schon sei die Rolle der Frauen eine hervorragende gewesen, viele hätten aber auch ihr Leben gelassen. Sie plädierte dafür, der Lebensleistung aller geflüchteten Frauen mehr Respekt zu zollen.
Dazu zählt auch Ingeborg von Westermann, die im Anschluss ihre eigene lange Fluchtgeschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs in bewegenden Worten schilderte und die Not und Verzweiflung eines Menschen fernab der Heimat in auswegloser Situation zumindest ein bisschen nachfühlbar machte.
JOST
