Bewegende Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Selters

Gedenken an den Tag der Schande: Die Synagoge sollte 1938 abbrennen

Selterser gedenken ihrer ermordeten Nachbarn – Schüler untermalen das mit Schaubildern, die Gänsehaut hervorrufen

13.11.2018 - 10:25

Selters. Zum 80. Mal jährte sich der Tag der Schande, die Reichspogromnacht. Wie in jedem Jahr wurde auch in diesem Jahr wieder der Opfer dieses Verbrechens gedacht. Dazu hatte die Stadt Selters die Bürger an den Gedenkstein neben der evangelischen Kirche eingeladen. Immer mehr Menschen beteiligen sich an dieser Gedenkfeier und verleihen damit der Veranstaltung einen würdigen Rahmen. In politisch unruhigen Zeiten, angeheizt durch rechtsextreme Strömungen, ist dieses auch ein Statement, den Anfängen zu wehren.



Damit die Schande sich nicht wiederholt


In die Einladung zu dieser Gedenkfeier hatte die Stadt Selters ein Zitat von Max Mannheimer gestellt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah, aber dafür, dass es nicht wieder geschieht.“ Max Mannheimer wurde in die Konzentrationslager von Dachau, Theresienstadt, Warschau und Auschwitz deportiert. Am Gedenkstein herrschte eine würdevolle Stille, die durch die Beleuchtung und die vielen Kerzen, die fast jeder der annähernd 100 Besucher in den Händen hielt, eindrucksvoll bekräftigt wurde.

Eröffnet wurde die Gedenkfeier durch ein jüdisches Klagelied, welches Pfarrer Michael Schweitzer auf der Querflöte spielte. Ein Schüler der Klasse 10c der IGS Selters erinnerte mit berührenden Worten an das Geschehen am 9./10. November 1938 in Selters. Als die Synagoge in Selters in Flammen aufging, bekam die Feuerwehr den Befehl, die Synagoge abbrennen zu lassen, es sollten lediglich die umstehenden Häuser vor den Flammen geschützt werden. Weiterhin wurden Schaufenster jüdischer Geschäfte eingeworfen, Grabsteine umgeworfen und Häuser jüdischer Familien mit dem Judenstern beschmiert.

Stadtbürgermeister Rolf Jung zitierte dann aus einem Text von Nikolaus von Flüe (1417-1487), dem Schutzpatron der Schweiz, der die Kultur der Liebe, nicht des Hasses, propagierte: „Ich unterstütze die Kultur des Hinhörens, nicht des Behauptens, des Wohlwollens, nicht des Verurteilens.“


Bewegende Darbietung


Sehr eindringlich und zugleich bewegend waren die Menschenstandbilder, die von den Schülern der Klasse 10c der IGS Selters gestellt wurden. Untermalt wurden die Standbilder durch Aussagen, die von den Nazis in der Reichspogromnacht gebrüllt wurden: „Reißt sie an den Haaren aus den Häusern“, oder „Erstickt an eurer Angst“ und „Brennt eure Dreckshäuser nieder.“ Zwischen jedem neuen Standbild ertönte leise ein Gong, die Darstellung der Zehntklässler ging unter die Haut. Das Engagement der Klasse 10c beruht auf dem Mitwirken ihrer Klassenlehrerin, Katharina Kubatzki, sowie dem Historiker Dr. Uli Jungbluth und Niko Fass. Diakon Dieter Wittemann erinnerte in seiner kurzen Ansprache an die schrecklichen Ereignisse während des Dritten Reiches, Vertreibung und Verfolgung habe es immer gegeben, jedoch müsse man sich dem energisch entgegenstellen.


Dem Mord der Mitbürger gedenken


Danach begaben sich die Besucher der Gedenkfeier zu den Häusern der Rheinstrasse 27 und 41. In der Rheinstrasse 27 lebten die Brüder Arthur und Sigfried Michel, sie betrieben eine Lederhandlung und wurden in der Reichspogromnacht deportiert und in Minsk ermordet. In der Rheinstrasse 41 wohnte Karl-Julius Sonnenberg, der ebenfalls deportiert, und in das KZ nach Bergen-Belsen gebracht wurde. Vor den jeweiligen Häusern erinnerten Schüler an die jüdischen Mitbürger aus Selters und deren Schicksale.

Anschließend kehrten die Teilnehmer der Gedenkfeier wieder zurück zur evangelischen Kirche, um die Gedenkfeier fortzusetzen. Die Gedenkfeier fand einen eindrucksvollen Abschluss, als Diakon Wittemann das „Vater unser“ gemeinsam mit den Besuchern betete und Pfarrer Schweitzer dieses Gebet auf Aramäisch folgen ließ. Den Segen, erteilt von Diakon Wittemann, übersetzte Pfarrer Schweitzer ins Hebräische. Das war ein würdiger Abschluss einer Veranstaltung, die viele Besucher nachdenklich nach Hause gehen ließ.

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