„Die netten Koketten“ begeistern das Publikum in Rheinbach
Große Sehnsucht nach Neandertalern
Erfolgreiche Premiere des Programms „Eine kleine Sehnsucht“ mit Liedern und Gedichten aus den 20er und 30er Jahren
Rheinbach. Der Kulturverein „Rheinbach Liest“ hatte geladen und in der Galerie Alexandra B. zwischen der bei Flaneuren beliebten Weiherstraße und dem malerischen Altstadtplatz ist wieder mal jeder Stuhl besetzt. Die in Köln lebende Schauspielerin Charlotte Welling (32) bittet den älteren Herrn in der ersten Reihe gleich zu Beginn kokett: „Ach lege deine Wange doch mal an meine Wange …“. Ihre Klavier- und Gesangspartnerin Valerie Barth (27) begleitet das schöne Couplet Friedrich Holländers nach einem Gedicht von Kurt Tucholsky mit ganz viel Gefühl auf dem antiken Instrument, das Galeriebesitzerin Alexandra Brandt extra im Hinblick auf diese Art von Kultur in ihr großzügig geschnittenes Geschäftslokal gestellt hat.
Um es gleich vorweg zu sagen: Die Premiere des Liedprogramms der „netten Koketten“, wie sich die beiden Künstlerinnen als Duo nennen, wird zu einem kaum zu beschreibenden Erfolg. Zwei tolle Stimmen und eine großartige und vielfältige Liedauswahl! Im Mittelpunkt stehen Chansons und Schlager, „die es nicht verdient haben, vergessen zu werden“, so die Halbbelgierin Welling gleich zu Beginn. Da ist zuvorderst der Komponist und Textdichter Friedrich Hollaender, dem Valerie Barth während eines Kostümwechsels ihrer Bühnenpartnerin mit der Interpretation des Liedes „Eine kleine Sehnsucht“ ein echtes Denkmal setzt. Anmutig singt sie die wehmütigen Zeilen – unvergängliche Kunst, die in den Händen weniger begabter Komponisten zu Kitsch geworden wäre. So aber geht das Lied auch nach fast 100 Jahren direkt ins Herz. Nicht minder, wenn Charlotte Welling mit der genau richtigen Mischung aus Verruchtheit und Verzweiflung singt: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“. Doch der große Hollaender konnte auch anders sein: witzig und sprachlich pointiert bis zur letzten Silbe. Welling brilliert sowohl bei den nicht ganz ernst gemeinten Klagen der „zersägten Dame“ als auch bei „Die Kleptomanin“, bei denen sie so gekonnt mit dem Publikum spielt – einschließlich der Entwendung diverser Taschen –, sodass dieses aus dem Lachen kaum noch herauskommt.
Höhepunkt vor der Pause ist sicher „Der Neandertaler“, ein Lied des Berliner Kabarettisten Günter Neumann, Gründer der legendären Truppe „Die Insulaner“ (1947). Bei den Koketten klingt die gesungene Bitte nach einem echten Mann mit „Meisterringerkörper“ und Beschützerinstinkt, den man „kämmen kann auf seinem Schulterblatt“, krachend und witzig wie im Original. Augenzwinkernd unemanzipiert bekennen die beiden, so einem „Tarzan“ wüschen sie „gerne den Lendenschurz“.
Nach der Pause klingen zunächst nachdenkliche Töne durch den Raum: mit Georg Kreislers „Was willst du noch mehr?“, „Was sagt man zu den Menschen, wenn man traurig ist?“ und Hollaenders „Wenn ich mir was wünschen dürfte“, mit dem Marlene Dietrich ihre eigene Melancholie singend auf den Punkt brachte, sowie dem Ringelnatz-Gedicht „Und auf einmal steht es neben dir“. Barth und Welling überzeugen auch hier mit Tiefe im Ausdruck. Überhaupt glänzen die Künstlerinnen sowohl mit Professionalität und Können, als auch mit sympathischer Leidenschaft für ihr Sujet und einer Ehrlichkeit, die auch in den Zwischenmoderationen deutlich wird, wenn sie ungezwungen von eigenen Erlebnissen berichten und damit wie nebenbei auf die Aktualität der Lieder verweisen. Als Valerie Barth „Lilli Marleen“ ansagt, Lale Andersens internationalem Erfolg, spürt man, dass die Sehnsucht auf eine glückliche Heimkehr und dem Fortbestand der Liebe nicht nur über Grenzen, sondern auch über Generationen hinweg berühren kann. Nach diesem Solo ist der Applaus besonders herzlich und warm.
Das Programm ist von vorne bis hinten perfekt komponiert und einfach großer Genuss. Am Ende gibt es mit „Egon“ und „Wenn die beste Freundin“ wieder etwas zum Schmunzeln und Lachen. Und bei einer Zugabe („Nur nicht aus Liebe weinen“) bleibt es nicht. Das verhindern stehende Ovationen und nicht enden wollender Applaus. Die beiden Künstlerinnen sind sichtlich gerührt, werden sie in diesem Moment doch für monatelange Arbeit belohnt. „Ihr habt uns heute durch dieses Programm getragen“, ruft Welling den Rheinbachern zu. Und an Rheinbach Liest und die Gastgeberin Alexandra Brandt gewandt: „Danke für Ihr Vertrauen!“ Dass für die Aktion „Rheinbach liest vor“ großzügig gespendet wird, tritt angesichts der künstlerischen Höchstleistung beinahe in den Hintergrund. Die Besucher gehen mit einem Lächeln auf dem Gesicht nach Hause. Daher sei die Empfehlung, frei nach Georg Kreisler, erlaubt: Geben Sie acht, wenn „Die netten Koketten“ in Ihrer Nähe spielen, … alles andere wäre unvernünftig.
Mehr unter rheinbach-liest.de sowie die-netten-koketten.de
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