Hans Herrmann - 90 Jahre jung
‚Hans im Glück‘ hat viele Unfälle überlebt
Der „rasende Konditor“ war (fast) immer vorne mit dabei
Adenau. Man nennt ihn auch „Hans im Glück“, denn in der Zeit, als der „rasende Konditor“, wie man ihn auch nannte, Rennen fuhr, verunglückten jedes Jahr bis zu vier Formel 1-Rennfahrer tödlich. Hans Herrmann überlebte. Er wurde Ende Februar 90 Jahre ‚jung‘.
Im Frühjahr 2016 traf ich Hans Herrmann in Stuttgart anlässlich der Eröffnung einer Motorsportbilder-Galerie im Stuttgarter Steigenberger Hotel. Mein Freund Conny Constantin hatte eingeladen. Es war ein netter unterhaltsamer Abend mit Hans Herrmann und er hielt lange aus!!
Persönliche Erinnerungen
1954 kam Mercedes zurück in die Formel 1 und es gab gleich einen Doppelsieg in der französischen Champagner-Metropole Reims. Der legendäre Argentinier J. M. Fangio (fünfmaliger Weltmeister) gewann vor dem Deutschen Karl Kling und Hans Herrmann, gerade mal 26 Jahre alt, fuhr die schnellste Runde. Deutschland, noch gebeutelt vom 2. Weltkrieg, jubelte, zumal am selben Tag die Mannschaft mit Fritz Walter auch noch Fußball-Weltmeister wurde. Ich war damals 13 Jahre alt und wollte unbedingt Rennfahrer werden (was später mein Vater nicht zuließ - man wurde erst mit 21 volljährig).
1956 sah ich Hans Herrmann erstmals persönlich auf dem Nürburgring.
Er fuhr in der damals auch von F1-Fahrern besetzten 1,5 Liter Sportwagenklasse einen Porsche Spyder und gewann. Ich bekam ein Autogramm und bin heute noch stolz darauf.
Als Rennfan erlebte ich weitere Rennen mit Hans Herrmann, so
- 1957 GP von Deutschland (Maserati F1),
- 1958 GP von Deutschland (Maserati F1 und Borgward 1,5),
- 1958 Großer Bergpreis von Deutschland (Borgward 1,5),
- 1958 1.000 km Rennen Nürburgring (Porsche),
- 1960 GP der Solitude (Porsche F2),
- 1961 GP der Niederlande (Porsche F1),
- 1962 1.000 km Rennen Nürburgring (Porsche 718 WRS),
- 1968 1.000 km-Rennen Nürburgring (Porsche 907),
- 1969 1.000 km Rennen Nürburgring (Porsche 908/2),
- 1970 1.000 km Rennen Nürburgring (Porsche 908/3)
und natürlich viele Oldtimer-Veranstaltungen, wo Hans Herrmann mit historischen Fahrzeugen am Start war.
Hans Herrmann war (fast) immer vorne mit dabei - bis zu seinem Sieg 1970 beim 24h-Rennen von Le Mans. Danach zog er sich vom Rennsport zurück und fuhr bei historischen Rennsportveranstaltungen Rennfahrzeuge aus seiner früheren Zeit (überwiegend Mercedes F1 oder Porsche F1).
Bei den vielen Starts bei den 1.000 km Rennen erreichte Hans Herrmann immer wieder Podestplätze - aber einen Sieg gab es nicht!
Der Mensch
90 Jahre alt und dabei noch so fit zu sein - das ist schon beneidenswert. „Natürlich bin ich mit dem eigenen Auto zur Essener Techno Klassica gekommen“, so der Altstar.
Auf dem Stand von Conny Constantin, wo gerade das neueste Porträt von Hans Herrmann ausgestellt wurde, gemalt von einem russischen Künstler aus St. Petersburg, wurden Nachdrucke des Bildes signiert. Einer der Käufer Heinz Rosier aus Fröndenberg, ein begeisterter Herrmann-Fan. Fotos mit Bild, Künstler und Hans Herrmann, alle sind zufrieden - und Hans Herrmann freut sich, dass er im Mittelpunkt steht.
Begeistert berichtet er von einem Zusammentreffen mit Sebastian Vettel. „Das ist ein super Typ“, so Hans Herrmann über den 60 Jahre jüngeren Ausnahmefahrer. Dazwischen liegen ja Welten, wenn man bedenkt, dass man 1954 noch mit einem Polo-Hemd und einem offenen Sturzhelm fuhr und heute allein die Sicherheitskleidung mehr an die eines Astronauten erinnert. Heute überleben Rennfahrer spektakuläre Stürze und früher endeten diese fast immer tödlich.
Im ehrwürdigen Stuttgarter WAC-Autoclub sitzt meine Frau neben Hans Herrmann, während ich einen Vortrag halte. Hans Herrmann isst „Kutteln“. „Die bekomme ich zu Hause nicht“, so Hans Herrmann. Allein schon an der Auswahl des Essens merkt man die „Bodenständigkeit“ des Altstars.
Übrigens mit über 80 Jahren war er noch Unternehmer und betrieb mit seiner Frau Marlene ein Autozubehörgeschäft. Seine beiden Söhne sind anderweitig erfolgreich.
Ich habe von Hans Herrmann im Verlaufe von über 60 Jahren mehrere Autogramme bekommen. Sie sind heute noch lesbar und ein Vergleich mit früher zeigt, dass sie sich kaum verändert haben - da sollten sich die Stars von heute mal ein Beispiel nehmen. Was man heute als Autogramm bekommt, ist „Gekrickel“.
Benzingespräche
Der Abend mit Hans Herrmann und anderen Gästen war unterhaltsam und der Trollinger Wein schmeckte auch! Dabei war auch Herbert Völker, ein bekannter Motorsporthistoriker und Autor eines Buches über Hans Herrmann. Bernhard Völker hatte ich 1956 erstmals am Nürburgring kennengelernt und später sahen wir uns bei verschiedenen Motorsportveranstaltungen.
Immer dann, wenn wir bei den ‚Benzingesprächen‘ zu bestimmten Rennen kamen und Hans Herrmann auch nicht mehr wusste, ob er das Rennen gewonnen hatte, dann kam die Aussage: “Da müssen Sie Herrn Völker fragen“ . Ja, es war wirklich so, dass der Historiker Völker die Rennsportzeit von Hans Herrmann besser kannte als er selbst.
Resümee
Einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer ist mit 90 Jahren jung geblieben. Er hat Rennfahrzeuge fast aller Marken (Porsche, Mercedes, Borgward, Ferrari, Abarth, Maserati, BRM, u. a.) in der Formel 1, bei Sportwagen-Rundstrecken und Bergrennen gefahren. Er hat - was damals selten war - überlebt. „Hans im Glück“ - ein außergewöhnlicher Mensch. Klaus Ridder
