Vom hohen Norden ins Ahrtal
Helfen, ohne viel „zu schnacken“
Walporzheim. „Wer braucht noch Weizenmehl? Wer noch Marmelade?“ Hartmut Bock aus Berne bei Oldenburg steht im Transporter der Oldenburger Tafel e.V. und hat viele wertvolle Ware an Bord für die Menschen im Ahrtal. Zum achten oder neunten Mal - so ganz genau weiß er es nicht mehr - ist er dort und ist immer wieder ergriffen von der Katastrophe und ihren Folgen, aber vor allen von den warmherzigen und vielfach bescheidenen Menschen nach solch einem Schicksal. Dem ehemaligen Fernfahrer, der 37 Jahre lange Strecken gefahren ist, scheint die lange Fahrt von fast fünf Stunden nichts auszumachen, er hat Erfahrung und mittlerweile das nötige großflächige Netzwerk, denn nur so funktioniert alles im Bereich der Helfer. Jetzt steht er in der Tür des Transporters und verteilt an diejenigen, die sich mit der Verpflegung für die Helfer und vor allem für die Betroffene einsetzen: in Walporzheim ist das Tobi vom Versorgungszelt, Moni von der Waffelschmiede am Baustoffzelt und Angelika vom Café mit Herz, die jeden Freitag an der Ecke Schützenstraße/ Hochstadenstraße in Ahrweiler steht. Sie alle haben sich irgendwann - ebenso wie Hartmut Bock - einfach aus eigenem Ansatz bereit erklärt, ins Ahrtal zu fahren und sind seitdem nicht nur für die Verpflegung zuständig und verwöhnen die Menschen mit Leckereien, sondern haben auch ein offenes Ohr für alle Sorgen und Nöte.
Auch Hartmut Bock hat vieles gesehen und erlebt in dieser Zeit, die er jetzt schon an die Ahr fährt. „Das erste Mal bin ich mit dem Ersten Vorsitzenden der Oldenburger Tafel, Knut Behrends gefahren. Immer wieder hielten wir an und gaben den Helfern der ersten Stunde oder den Betroffenen Lebensmittel, denn einen richtigen Anlaufpunkt hatten wir am Anfang noch nicht.“ Wie er zu seinem Engagement gekommen ist und sich für die Flutopfer einsetzt? „Ich habe mich seit 2018 für Foodsharing eingesetzt und für die Oldenburger Tafel Waren abgeholt, die Touren wurden immer umfangreicher und als ich merkte, dass wir das mit unserer kleinen Rente nicht stemmen konnten, musste ich mir einen Minijob suchen, zunächst fuhr ich für ein Zahnlabor, dann als Chauffeur, das half dann zunächst. Durch den Leiter der Tafel bekam ich Kontakt zu einer Großbäckerei, wo ich Brot und Brötchen abholte. Etwas später wurde die Idee ‚Tafel hilft Tafel‘ geboren. Dann hörte ich im Juli von der Flutkatastrophe im Ahrtal. Ich versuchte, Kontakte zu den zuständigen Behörden zu bekommen, einige konnte ich erreichen, auf andere warte ich heute noch. Dann fand ich über Facebook die ‚unverwüstliche‘ Karin Hartmann, die mir den Kontakt zur engagierten Sabrina Wasser erstellte und durch sie hatte ich dann alle Lieferanschriften für die erste Tour zusammen. Seitdem habe ich mit Unterstützung verschiedener Firmen wie Bahlsen, Meica, Rügenwalder Mühle sowie der Oldenburger Spendengruppe e.V., ‚Hermas Spendenbox hilft‘, Delmenhorster Tafel e.V., Bremer Tafel e.V. und vielen privaten Spendern angefangen, die Spenden zwischen Nettersheim und Bad Neuenahr-Ahrweiler zu verteilen. Durch die freiwillige Unterstützung von Thomas Huckemeyer wurden auch Fahrten während der Woche möglich. Ich habe viele Menschen und deren Schicksale kennengelernt. Es geht mir jedes Mal sehr nahe und das lässt mich immer wieder kommen.“
Das hört man auch von anderen Helfern immer wieder, wie von Angelika, die neben ihrem wöchentlichen Café mit Herz in der Schützenstraße noch eine Nikolausfeier für (angemeldete) Kinder organisiert hat und für die kleinen Betroffenen hat Hartmut Bock sogar noch Weihnachtsgeschenke aus dem hohen Norden mitgebracht bekommen hat.
Übrigens: niemand der erwähnten Helfer wollten seinen Namen in der Zeitung lesen, das geschah auch nur durch die Anregung vieler Betroffener, die sich damit - mehr ist vielen nicht mehr geblieben - bei diesen und allen nicht genannten Helfern hier im Ahrtal bedanken. Danke an alle Helfer, die sich immer und immer wieder von dem Helfervirus anstecken lassen und von nah und fern ins Ahrtal zum Helfen - in welcher Form auch immer - kommen und auch an die, die ihren Urlaub und ihre Freizeit für die Betroffenen in den Flutgebieten geopfert haben und es immer noch tun.
Hartmut Bock hat sogar noch Weihnachtsgeschenke aus dem hohen Norden mitgebracht.
