DIE VERHÄNGNISVOLLE G. SCHICHTE
Heute: Die verhängnisvollen Krisen
von A.F. Haffenloher
Das Verhängnis begann, als G. meine Autobiographie las und sagte, ich solle sie so umarbeiten, dass ich selbst darin vorkomme.
Erst jetzt fiel mir auf, dass die Hauptperson meiner Autobiographie ein Mann namens Baltz war, den ich kaum kannte, und der sein Geld damit verdiente, indem er behauptete, der Tod sei ein angeborener Charakterzug. Er behauptete das in geschlossenen Räumen und nahm vorher Eintritt.
Entschlossen warf G. mein Werk in den Papierkorb und ich stürzte augenblicklich in eine Krise. G. stürzte sich sofort hinterher, doch es war nur eine sehr kleine Krise, und wir passten nicht beide hinein.
Am Abend überdachte ich mein Leben und kam zu dem Schluss, dass es sich bei meinem Dasein lediglich um ein weißes unbeschriebenes Blatt handelte.
G. widersprach und sagte, es handele sich bei meinem Leben keinesfalls um ein weißes Blatt, sondern um ein schmutziges, zerknittertes, mit Kaffeeflecken übersätes, wenn auch unbeschriebenes.
Das war hart und ich stürzte augenblicklich in eine Krise.
G. tippte sich an die Stirn und dachte nicht daran, mir zu folgen.
Mit eigener Kraft zog ich mich wieder heraus, schüttelte mich und beschloss noch am selben Tag, das schmutzige, zerknitterte Blatt zu beschreiben. Wie sonst sollte ich überleben?
Ich spannte das Blatt in die Schreibmaschine und begann: Wenn sich ein junges hübsches Mädchen in einem Topf mit süßem Senf wohler fühlt als in einem Topf mit grüner Tunke, hat sie dann ein Problem?
Kann man den wahren Sinn des Lebens vielleicht nur in Helsinki erfahren? Warum kann man gute Tischsitten nicht per Handy erledigen und braucht man dazu unbedingt einen Wasserball? Warum heißt es Sinzig am Rhein obwohl Sinzig gar nicht am Rhein liegt, sondern Düsseldorf, Köln und Remagen?
Warum ist Remagen die einzige Stadt in Deutschland, die dauernd von der Post verblüfft wird, weil sie ständig unverhofft seinen Standort wechselt? Und wo sind all die hübschen Mädchen, wenn ich an einen überfüllten Badestrand gehe? Wo?
Resigniert nahm ich zur Kenntnis, dass mein Leben ein einziges großes Fragezeichen war. Auf die einfachsten Fragen wusste ich keine Antwort. Zumindest heute nicht. Die Frage, die mich am meisten quälte, lautete: Wer bin ich?
Ich ging in die Küche und fand G. rührend. Rührend stand sie am Herd und war unruhig. G, sagte ich, wer bin ich?
Jeder Mensch kann irgendwas ganz besonders gut, sagte G. In einem leisen, ja fast zärtlichem Tonfall. Und du, du kannst ganz besonders gut unglücklich sein.
Dann brach sie in lautes Gelächter aus, gab mir einen Brief und sagte, bring den sofort zur Post in Remagen. Da stürzte ich in eine Krise.
