Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten in der 800 Jahre alten Haiderbachgemeinde
Historische Festmeile in Deesen versetzte die Besucher in vorige Jahrhunderte zurück
Dreschmaschine, „Hevlad“, Ochsengespann und Waschkübel weckten nostalgische Erinnerungen
Deesen. Fritz ist braun und wiegt 1.000 Kilogramm. Seine Art, das Glanvieh-Rind, ist vom Aussterben bedroht. Aber dem siebenjährigen Fritz geht es noch sehr gut. Wenn er die Ackerschleppe durch Deesen zieht, ist er vor Temperament kaum zu bremsen, bis er endlich wieder bei seinen Artgenossen im Hof steht. Dorthin kommen die Schaulustigen und bestaunen das mächtige Tier. An Fritz’ Seite steht Klaus Krobb: „Ich darf den Fritz führen. Ich mache das schon länger mit ihm zusammen. Wir waren auch in Stebach auf der 800-Jahr-Feier. Fritz kennt das. Er ist schon als Kalb mit der Mutter bei Veranstaltungen mitgegangen, weil er so gutmütig ist. Mittlerweile ist er ja auch Ochse und nicht mehr Stier.“ Besitzer der kleinen Herde auf der historischen Festmeile zur 800-Jahr-Feier in Deesen sind Astrid und Mathias Hoewer aus Siershahn. Sie, wie viele andere, haben historisches Werkzeug, Gerätschaft und auch Lebewesen mit zu der großen Abschlussveranstaltung des Dorfjubiläums in der Haiderbachgemeinde mitgebracht.
Wie auch Walter Bergsch aus Düren, der noch die Kunst des Stellmachens beherrscht. Das ist der Bau von Wagenrädern aus Holz. Hört man Walter Bergschs Beschreibungen zu, bekommt man den Eindruck, es handelt sich um eine Wissenschaft. Nicht nur das Holz für die Wagenspeichen muss millimetergenau in die dafür vorgesehenen Öffnungen passen. Noch größere Bedeutung kommt dem Eisenring zu, der die Radnarbe hält und im offenen Feuer bei 800 Grad geschmiedet wird. Walter Bergsch sagt: „Der Ring ist die Seele von dem Rad!“ Der Hobby-Stellmacher hat sogar schon die Kanonen-Lafetten vor dem Bonner Universitäts-Schlossgebäude restauriert.
Wissen um historische Arbeitsmethoden wird bewahrt
Ob es Ochse Fritz ist, Stellmacher Bergsch und seine Kunst oder die fast auf der ganzen Welt nicht mehr zu findende Hebelade, mit der schwerste gefällte Baumstämme im Wald mechanisch angehoben werden konnten – überall bleiben die Passanten staunend stehen, fragen nach Auskunft oder geben ihr eigenes Wissen über alte Arbeitstechniken wieder, das beim Anblick der historischen Gerätschaften aus tiefen Erinnerungen wieder auftaucht.
„Ist das eine Heflad?“, fragen begeistert einige Männer im gesetzten Alter. Das Gerät starb mit der Motorisierung der Waldwirtschaft im 20. Jahrhundert aus. Erste Erwähnungen und Skizzen liegen vor aus dem Jahr 1715. Erich Kölgen aus Deesen ist noch im Besitz einer Hebelade und zeigte sie in Deesen. Kölgens Großvater war Wagnermeister, sein Vater hat 1929 den Gesellenbrief als Tischler gemacht und in Deesen 1954 ein Sägewerk errichtet. Viele Werkzeuge sind noch erhalten, die es sonst nirgendwo mehr zu sehen gibt. Das sind die große Trummsäge zum Fällen der Bäume, die Hebelade, der alte Häufelpflug für den Kartoffelanbau oder die sichelförmigen Beile zum Behauen der gefällten Bäume. Für jegliche Anwendung bedurfte es großen Geschicks und großer Kraftanstrengung.
Den Segen technisch-mechanischer Neuerungen demonstrierte dagegen die Lanz-Dreschmaschine von 1930, die Heinz-Otto Zantop aus Anhausen nach Deesen mitgebracht hatte. Angetrieben wird das Gerät über eine von einem Deutz-Traktor bewegte Riemenscheibe. Die drei Jutesäcke, die am Auswurf hängen, sind innerhalb weniger Stunden voll mit Roggenkörnern. Die Getreidegarben zum Dreschen liefert – wie vor hundert Jahren – Karsten Güttler mit seinem Kaltblüter-Gespann an und lädt sie mit der Gabel in die Dreschmaschine. Der Mann ist mit seinen Luxemburger Ardennern Maya und Emma viel unterwegs, nimmt auch deutschlandweit an Holzrücke-Wettbewerben teil und bestellt mit den zwei Kaltblütern ein 1.000 Quadratmeter großes Kartoffelfeld – komplett ohne motorisierte Unterstützung. Güttler sagt: „Ich habe Geräte aus den Dreißiger-, Vierziger- und Fünfzigerjahren, mit denen man auf dem Feld und hinter den Pferden gut arbeiten kann.“ Über’s Jahr hinweg erntet er auf diese Weise 1,8 Tonnen vermarktbare, rein biologische Kartoffeln, acht verschiedene Sorten. Sogar das Unkraut wird rein biologisch-mechanisch bekämpft, Kartoffelkäfer werden eingesammelt.
Bürger gestalten ihr 800-Jahr-Fest aktiv mit
Kulinarisch ging es am Sonntag bei den „Dorfmädels“ in der Josefstraße zu. Die treffen sich regelmäßig montagabends zum Flammkuchenbacken und wollten nun auch die Besucher der Jubiläumsfeier in den Genuss kommen lassen. Dazu wurden leckere Weine gereicht. Einer der Flammkuchen hatte den Namen „Schinderhannes“, bezogen auf das vor drei Wochen in Deesen aufgeführte Jubiläums-Theaterstück. Der Schinderhannes-Flammkuchen war mit Blutwurst und heimischen Äpfeln aus Deesen belegt. Auch für Vegetarier gab es ein Flammkuchen-Angebot.
Eine Treckerausstellung, ein Platzkonzert, eine Dorfwäscherei und viele andere Angebote rundeten das Angebot der Deesener Jubiläums-Historienmeile ab und bescherten den Besuchern einen vergnüglichen Nachmittag bei herrlichstem Spätsommer-Sonnenschein.
1.000-Kilo-Ochse Fritz beeindruckte die Besucher durch seine Gutmütigkeit. Geführt wurde er von Klaus Krobb.
Walter Bergsch ist einer der wenigen, die das Stellmacher-Handwerk noch beherrschen.
Auch die Liebhaber alter Traktorentechnik kamen am Festsonntag auf ihre Kosten.
Eine absolute Rarität ist die noch voll funktionsfähige Hebelade von Erich Kölgen, die er hier mit einem Helfer bedient.
