Krankenhaus Maria Hilf Bad Neuenahr-Ahrweiler
Hoher Arzneimittelgebrauch birgt oftmals gesundheitliche Risiken
In einer Telefonsprechstunde zum Thema Mehrfachmedikation berieten die Fachärzte für Geriatrie Anrufer zu ihren Medikamentenplänen
Bad Neuenahr-Ahrweiler. „Die meisten Patienten riefen uns heute Abend an, weil sie wissen wollten, ob sie die zahlreichen Tabletten, die ihnen ihr Hausarzt und die Fachärzte verschrieben haben, bedenkenlos einnehmen können“, so Dr. Thomas Lepping. Der Chefarzt der Abteilung für Akutgeriatrie und Frührehabilitation hatte Anfang Februar eine Telefonsprechstunde zum Thema Mehrfachmedikation angeboten. Anrufen konnte jeder, der Fragen zu seinen Medikamenten hatte. Und das waren viele, vor allem ältere Menschen, die sich am Telefon von Dr. Lepping und den Oberärzten Volker Leven und Peter Maas beraten ließen. Denn gerade betagten Patienten verschreiben die Haus- und Fachärzte häufig zahlreiche Medikamente, weil sie unter verschiedenen behandlungsbedürftigen Erkrankungen leiden. Dieser hohe Arzneimittelgebrauch birgt jedoch oftmals gesundheitliche Risiken, „denn gerade bei älteren Menschen können unerwünschte Neben- und Wechselwirkungen, sogar Vergiftungsreaktionen auftreten“, so Dr. Lepping. Er wird regelmäßig zu Patienten in die Notaufnahme gerufen, die wegen Symptomen eingeliefert wurden, die durch Polypharmazie, so die wissenschaftliche Bezeichnung der Mehrfachmedikation, verursacht werden. Das sind beispielsweise akute Verwirrtheitszustände, die durch sogenannte Diuretika entstehen können. Diese Medikament entwässern und bewirken, dass auch Elektrolyte ausgeschwemmt werden. Aber auch Schwindel, Gangunsicherheit und Übelkeit können durch die Medikation entstehen. Vielfach wurden die Patienten wegen dieser Symptome schon untersucht, die Ärzte konnten aber keine Ursache finden. „Wenn sie dann in unser Haus kommen, schauen wir uns zuerst ihren Medikamentenplan an und stellen fest, dass die Symptome wahrscheinlich durch die Polypharmazie verursacht werden“, so Dr. Lepping. Die Geriater reduzieren dann die Medikamente: Der Patient erhält nur noch Tabletten für die Erkrankungen, die zwingend behandelt werden müssen. „In der Regel geht es den Patienten danach erheblich besser“, so Leppings Erfahrung.
Nötige "Entrümpelung" des Medikamentenplans
Damit es gar nicht erst zu einer Einlieferung in die Notaufnahme kommt, haben die Geriater die Telefonsprechstunde angeboten. Sie ließen sich von den Anrufern die Liste ihrer Arzneimittel vorlesen, die sie dann überprüften. „Einige hatten einen guten Medikamentenplan, an dem gar nichts auszusetzen war“, so Lepping. Diese Anrufer konnte er beruhigen. Es gab aber auch die, die schon ahnten, dass ihr Plan entrümpelt werden muss. Bei einem Patienten zum Beispiel stellte Dr. Lepping fest, dass er zwei identische Medikamente mit unterschiedlichem Namen einnahm, zwei weitere Präparate erzeugen Wechselwirkungen. „Ich habe den Patienten darauf hingewiesen und ihn gebeten, seinen Medikamentenplan mit seinem Hausarzt zu besprechen“, so Dr. Lepping, denn mehr als eine Empfehlung kann und darf er als Arzt am Telefon nicht aussprechen.
Auch eine weitere Anruferin verwies er an ihren Hausarzt. Sie war vor Monaten an einer Magenschleimhautentzündung erkrankt. Die Tabletten, die ihr deshalb verordnet worden waren, nahm sie immer noch ein, obwohl die Erkrankung inzwischen abgeklungen war. „Ihr empfahl ich, die Dosis zu halbieren und das weitere Vorgehen mit ihrem behandelnden Arzt zu besprechen“, so Dr. Lepping. Während der Telefonsprechstunde erkundigten sich Dr. Lepping und seine Kollegen bei den Anrufern zusätzlich nach der Dosierung der Medikamente, die sie einnehmen, denn auch sie kann ein Problem darstellen. Der Grund dafür seien die Veränderungen im Körper eines älteren Menschen. „So lässt die Funktion der Nieren und der Leber, die für den Abbau und die Ausscheidung von Stoffwechselprodukten im Körper zuständig sind, mit zunehmendem Alter nach“, sagt Dr. Lepping. Deshalb verändern sich der Arzneimittelstoffwechsel und die -ausscheidung im fortgeschrittenen Lebensalter. Das führe zu einer erhöhten Arzneistoffkonzentration im Körper und oftmals zu starken Nebenwirkungen. „Ältere Menschen sind empfindlicher, und das sollte bei der Verordnung von Medikamenten unbedingt berücksichtigt werden, manchmal reicht ihnen eine Dosis, die wir Kindern geben würden“, so Dr. Lepping.
