BLICK aktuell im Interview mit den Kindertagesstätten der Lebenshilfe
Hygienevorgaben sind kaum einzuhalten
Vertraulicher Kontakt aus der Ferne & Notbetreuung vor Ort: In den Kitas St. Veit,
der Integrativen Kita und dem Wichtelhaus blieben die Gruppenräume nie leer
Mayen. Die Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz sind seit dem 17. März aufgrund der Corona-Infektionsgefahr geschlossen. Ohne eine große Vorankündigung wurde der Alltag von Erzieherinnen, Erziehern und Kindern von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen und es galt, sich schnellstens auf die neue Situation einzustellen. Bisher gibt es noch keine Perspektiven, wann und unter welchen Bedingungen sie wieder geöffnet werden können.
Seit mittlerweile fast zwei Monaten sind die vertrauten Strukturen und Abläufe nicht mehr vorhanden und der Alltag von Kindern und Erziehern musste neu organisiert werden. Dies stellte alle Beteiligten vor große Herausforderungen: Kinder, Eltern und Erzieher. In der Zwischenzeit berichten die Medien immer wieder über die Belastungen, denen die Familien aktuell ausgesetzt sind – auch durch den Spagat zwischen Home Office und Kinderbetreuung.
BLICK aktuell wollte einmal die andere Seite beleuchten und bat die Kindertagesstätten der Lebenshilfe um ein schriftliches Interview.
BLICK aktuell: Seit über sechs Wochen sind die vertrauten Strukturen und Abläufe über den Haufen geworfen und der Alltag musste neu organisiert werden. Welche Änderungen gab es in Ihrem Alltag als Erzieher/in?
Natascha Lentes: Wir hatten von Beginn an in unseren Einrichtungen Notgruppen für dringende Betreuungsfälle eingerichtet, sodass wir von Anfang an weiter in unseren Häusern aktiv waren. Der Alltag war dennoch von einem auf den anderen Tag völlig verändert. Wir mussten schauen und entscheiden, welche Eltern zu den sogenannten systemrelevanten Berufen gehören und welche Kinder in die Notbetreuung „durften“.
BLICK aktuell: Halten Sie Kontakt zu den zuhause bleibenden Kindern und deren Familien? Wenn ja, auf welche Weise?
Natascha Lentes: Von Beginn an hatten wir engen Kontakt mit Eltern und Kindern. Durch regelmäßige Telefonate konnten wir mit Eltern und den Kindern in persönlichem Kontakt bleiben. Darüber hinaus packten wir mehrfach Päckchen und Briefe mit Ostergeschenken, Ausmalbildern, Fotos, Liedern und Texten und brachten diese zu Hause vorbei (natürlich kontaktlos).
Insbesondere in den sozial benachteiligten Familien ist es wichtig, diese nicht alleine zu lassen und weiterhin als pädagogische Unterstützung zu agieren.
BLICK aktuell: Viele Eltern beklagen, dass die Kinder unausgelastet seien und ihnen der Kontakt zu anderen Kindern fehlt. Wie würden Sie als Erzieher/in die Situation einschätzen? Haben Sie Tipps oder Ratschläge für die Eltern, wie diese ihren Kindern die Zeit etwas erleichtern können?
Natascha Lentes: Es gibt tolle Online-Plattformen des Ministeriums, auf den immer wieder neue Bastel- und Spieletipps hochgeladen werden, die wir an die Eltern weitergeleitet haben. Dort gibt es auch immer wieder pädagogische Kinderfilme und tolle kreative Ideen. In der Kita St. Veit haben wir ein großes Transparent gemalt: „Wir vermissen Euch“. In einem Brief an die Kinder haben wir Ausmalbilder versandt und die Kinder aufgefordert, uns ihre gemalten Werke von außen an den Zaun zu heften. Das wird ganz fleißig angenommen und es entsteht in schöner Austausch. Jeden Morgen sammeln wir nun die tollen Gemälde der Kinder ein und hängen sie gut sichtbar von innen an die Fenster der Turnhalle. Auf den Bildern sind teilweise ganz tolle und berührende Botschaften der Kleinen. So bleiben wir auch in der Zeit der sozialen Distanzierung wichtige Begleiter im Alltag der Kinder.
BLICK aktuell: Inwieweit halten Sie es für vorstellbar, dass die Hygiene- und Abstandsvorschriften im Kindergartenalltag integriert und eingehalten werden können, wenn die Kitas wieder öffnen dürfen?
Natascha Lentes: Ich halte es für äußerst schwierig, Hygiene- und Abstandsvorschriften im Kindergartenalltag einzuhalten. Die Kleinen suchen natürlich unsere Nähe. Ob beim Trösten, Füttern oder im Spiel – wir sehen jetzt schon in den Notgruppen, dass das Einhalten der Distanz fast nicht umsetzbar ist. Sowohl unter den Kindern als auch im Kontakt zu den Pädagoginnen und Pädagogen. Auch das Tragen eines Mundschutzes meiner KollegInnen ist schwierig, da die Mimik nicht sichtbar ist und so gerade bei Kleinstkinder (U3) die non-verbale Kommunikation nicht stattfinden kann. Sie reagieren verunsichert und verängstigt. Auch andere empfohlenen Hygienemaßnahmen wie das Niesen in die Armbeuge etc. sind von Kleinkindern nicht zu erwarten.
BLICK aktuell: Welche langfristigen Veränderungen wünschen Sie sich für Ihren Berufsstand mit Blick auf das, was wir in der Corona-Krise gerade erleben?
Natascha Lentes: Wir sind ja in engem Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen der anderen Träger und Einrichtungen. Wir stehen alle vor denselben Herausforderungen. Die Arbeit der vergangenen Wochen hat mir gezeigt, welche enormen Leistungen die Erzieherinnen und Erzieher tagtäglich vollbringen. Wir lieben die Arbeit mit den Kindern – sehen aber auch deutlich, welchem Risiko wir uns auch selber in der Arbeit aussetzen. Mit kreativen und teilweise improvisierten Schutzmaßnahmen versuchen wir uns und nicht zuletzt unsere eigenen Familien vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Ich hoffe sehr, dass endlich der gesellschaftliche Stellenwert des Berufes der Erzieherin steigt. Auch wir sind systemrelevant und leisten einen ganz wichtigen Beitrag um das tägliche Leben am Laufen zu halten. -KBL-
Mutmachende Botschaften senden
die Kita-Kinder an alle Passanten.
