Allgemeine Berichte | 13.05.2019

Irina und Reinhard Pohlmann nehmen Straßenhunde auf

Im Einsatz für die Ärmsten der Armen auf den Straßen Rumäniens und Ungarns

Engel für die Straßentiere von Rumänien und Ungarn: Reinhard und Irina Pohlmann. Fotos: privat

Region. Menschen, die etwas mehr haben, als sie selbst zum Leben brauchen, machen Urlaub, kaufen Dinge. Sie renovieren, obwohl die Wohnung eigentlich noch wirklich gut in Schuss ist, lassen den Vorgarten neu anlegen, machen Wellness, gehen essen und investieren in Statussymbole, wie den neuesten SUV. Es muss alles gepflegt und erhalten werden - damit das Eine funktioniert, das Andere repräsentativ bleibt. Aber macht das Sinn? Die eigentliche Leere fordert immer neue Anschaffungen, neue Reize - wenn auch nur kulinarischer Natur - und damit vorübergehende Momente vermeintlichen Glücks. Und am Ende „freuen sich vielleicht noch ein paar Erben über ein bisschen Hinterlassenschaft und das war’s dann“, schmunzelt Irina Pohlmann, die mit ihrem Mann Reinhard seit vielen Jahren einen ganz anderen Weg geht. Besitz und Status sind den beiden nicht wichtig - auch nicht, was „die Anderen“ sagen. Das Ehepaar hilft den Ärmsten der Armen auf den Straßen von Rumänien und Ungarn, Hunden, die sie hungernd und teils schwer verletzt in Straßengräben, an Ortsrändern, in der Nähe von Müllkippen und an verlassenen Plätzen finden. Halb verhungerte Mütter mit verkrüppelten Gliedern, die kaum in der Lage sind, sich selbst durchzubringen, geschweige denn, ihre Welpen zu ernähren. Alte und kranke Hunde, oftmals blind, die von ihren Besitzern kurzerhand ausgesetzt werden, weil sie nach einem elenden Leben an der Kette nicht mehr anschlagen, wenn sich ungebetene Gäste nähern. „Leider ist das in osteuropäischen Ländern noch ein häufiges Bild“, berichtet Reinhard Pohlmann und meint damit die Kettenhaltung: „Die Tiere haben dabei oft nicht mal einen notdürftigen Wetterschutz, sind extremer Hitze wie auch Kälte schutzlos ausgesetzt.“ Eine Hundehütte sei Luxus. In ihrer Not versuchen viele Kettenhunde Erdlöcher zu graben, die ihnen Schutz vor Hitze und Niederschlag bieten sollen, doch nicht selten reicht der Bewegungsspielraum nicht aus oder der Boden ist so steinhart, dass aus dem Vorhaben nicht mehr wird, als eine Kuhle. In der Regel leben die geschundenen Vierbeiner von ein paar vorgeworfenen Essensresten ihrer Menschen. Es ist noch immer ein Bild des Elends in Osteuropa, das auch in Deutschland lange nicht unüblich war, heute jedoch den Tierschutz entschieden auf den Plan rufen würde. Liebe erfahren die Tiere Zeit ihres Lebens nicht. Ihre alleinige Aufgabe ist es, den Besitzern ein vermeintliches Gefühl von Sicherheit zu geben. „Das ist natürlich totaler Blödsinn“, kann Reinhard Pohlmann nur den Kopf schüttlen: „Wenn jemand ernsthaft was vor hat, war ein Hund noch nie ein Hindernis. Und außerdem: Was soll ein Hund schon ausrichten, der an einer Kette liegt?“ Wenn die Tiere älter werden und die ersten Wehwehchen einsetzen, haben sie in der Regel ausgedient: „Viele werden ganz einfach entsorgt“, berichtet Irina Pohlmann und verzieht dabei keine Miene. Sie und Reinhard Pohlmann haben einen Weg gefunden, mit dem unermesslichen Leid, das sie nahezu täglich sehen, umzugehen, wie auch mit der Ignoranz der anderen - und an beidem nicht zu zerbrechen. „Wir tun einfach nach Kräften, was wir können“, berichtet die 37-Jährige, „jeder Hund, den wir mitnehmen, ist in Sicherheit.“ In Ungarn, Nahe der Grenze zu Rumänien bewohnen die beiden gemeinsam mit ihren derzeit 80 Schützlingen ein Haus mit einem riesengroßen Anwesen. Für die Tiere ist es ein Himmel nach der Hölle. Hier erfahren sie zum ersten Mal, dass Menschen zugewandt und liebevoll sein können, dass von ihnen Schutz ausgeht und keine Gefahr. Wer das große Glück hat, beim Ehepaar Pohlmann zu landen, muss nie wieder hungern.

Die medizinische Versorgung ist kostspielig

Am Anfang steht immer der Besuch beim Tierarzt: „Wir haben inzwischen sehr gute Ärzte, mit denen wir zusammenarbeiten“, berichtet Reinhard Pohlmann. Egal, was den Tieren fehlt - er und Ehefrau Irina geben keines von ihnen auf und investieren ihr privates Geld in Behandlungen, bei denen häufig auch Operationen nötig sind. „Der einzelne Eingriff ist in Ungarn und Rumänien im Verhältnis zu deutschen Preisen sicherlich günstiger“, erklärt Pohlmann, der aus dem Kreis Neuwied stammt, „aber die Gesamtsumme der Behandlungskosten bringt uns manchmal schon sehr an die Grenzen.“ Reinhard Pohlmann hat sich selbst noch nie als „Tierschützer“ bezeichnet, dennoch ist er es mehr als viele, die dieses Attribut stolz vor sich hertragen. Wenn er von seien Erfahrungen aus all den Jahren erzählt, ist das zuweilen schwer zu ertragen. Auch wenn seinen Hunden ein neues Leben bevorsteht - die Umstände, unter denen er sie seit über 25 Jahren findet und aufliest, sind in der Regel mehr als erbärmlich. Reinhard Pohlmann erinnert sich noch an jeden Einzelnen seiner lieben Streuner. Den ersten, „Kuvas“, fand er mitten auf dem Marktplatz von Mateszalka in Ungarn. „Da lag der große Hund und keiner beachtete ihn, die Leute gingen achtlos an ihm vorbei“, erinnert er sich. Als er sich dem großen Mischling näherte, sah Pohlmann, dass dessen Pfote komplett zerfetzt war. „Kuvas war vermutlich in eine Falle geraten, das passiert leider oft“, erinnert sich der Reinhard Pohlmann, der sich um sein gesellschaftliches Resümee keine Gedanken macht. Er sei gleich gegangen und habe sein Auto geholt, sei auf den Marktplatz gefahren und habe Kuvas eingeladen. Nach einer aufwendigen OP und der anschließenden Heilungsphase, blieb der Hund bis zum Ende seines Lebens an seiner Seite. Tiere, die besonders viel „Glück“ haben, sind der osteuropäischen Gesellschaft immerhin eine Euthanasie wert. „Ich erinnere mich an eine Situation, als ich mit Hunden bei einem netten Tierarzt war, und ein paar kleine Welpen in seinem Behandlungsraum liegen sah“, berichtet Reinhard Pohlmann. Er habe sich gewundert, dass die alle so brav da lagen. „Der Arzt bot mir einen der goldigen Kerle an“, erinnert er sich und da sein Nachbar zu der Zeit auch auf der Suche nach einem Welpen war, wies der Hundefreund auf ein weiteres Tier und fragte, ob er auch dieses mitnehmen dürfe. „Zu spät“, lautete die nüchterne Antwort des Tierarztes, „die Kleinen hatten alle schon ihre Spritzen bekommen - sie lagen bereits im Sterben. Bis auf den einen.“ Dieses Ereignis wird Reinhard Pohlmann nie vergessen.

Den harten Überlebenskampf der Straßentiere verschärfen viele Menschen noch bewusst und absichtlich: Immer wieder werden die hilflosen Hunde und Katzen mit Tritten und Schlägen traktiert, man schießt auf sie, legt Gift aus, stellt Fallen auf. Die Armut der Menschen dient meist der Rechtfertigung dieses Verhaltens: Nicht vorhandene Empathie und ein hohes Maß an Brutalität vieler, die ihren Frust an noch Schwächeren auslassen, sind vielleicht Folgen der Armut - Rechtfertigung wohl kaum. Ein Spaziergang kostet ebenso wenig wie ein paar Streicheleinheiten, selbst wenn das Essen für alle knapp ist. Institutionen wie die katholische Kirche haben keine geringe Schuld an der Misere - noch heute lehrt sie ihre Schäflein, dass Tiere keine Seele haben. Es ist ein fatales Gemisch aus Dummheit, Ignoranz und Arroganz, das den Tieren in vielen Ländern der Welt das Leben zur Hölle macht - viel weniger die Armut. Ihr Elend im Osten Europas verdanken die Streuner nicht zuletzt einer verfehlten Europapolitik, die, wie so oft, viel zu weit entfernt ist von den Dingen, über die sie zu entscheiden hat. So kommt es, dass viele Menschen in Ostblockländern aus dem Leid der Straßentiere Kapital schlagen: Rund 50 Euro pro Hund, der in eine der städtischen Tötungsstationen eingeliefert wird, ist für viele Menschen ein mehr als lukratives Geschäft - niemand dort ist daher an einer nachhaltigen Lösung des Problems interessiert. Und in den Tötungsstationen? Werden die Tiere vergast oder mit Schaufeln erschlagen. Viele sterben langsam und qualvoll - denn einen Hund zu erschlagen ist nicht so einfach.

Geld- und Futterspenden sind willkommen

Irina und Reinhard Pohlmann freuen sich sehr über jede noch so kleine finanzielle Unterstützung auf folgendes Konto: Irina Pohlmann, IBAN RO 68 BRDE 310 SV 615 622 731 00, SWIFT BRDEROBU

Die Haustener Tierschützerin Uta Schrömges hat eine Futtersammelstelle für Irina und Reinhard Pohlmann eingerichtet. Hier können Futterspenden jederzeit abgegeben werden: Mayener Straße 4, 56745 Hausten. Familie Kick aus Neustadt Wied hilft bei der Vermittlung der liebenswerten Hunde und ist unter Tel. (0 26 83) 32 36 0 zu erreichen.

Nach einem Leben an der Kette: Alte Hunde werden unbrauchbar - gerade wenn sie erblinden und nicht mehr anschlagen. Sie werden ausgesetzt und sich selbst überlassen.

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Irina Pohlmann hat Hündin Dana aus einem rumänischen Tierheim geholt. Tiere wie sie haben dort keine Chance mehr auf ein Zuhause.

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