Performancekunst auf dem Ahrweiler Marktplatz
In der Schwebe gehalten
Zwölf Künstler aus China, Frankreich und Deutschland verblüfften und regten zum Nachdenken an
Ahrweiler. Beinahe geräuschlos und ohne jedes Ankündigungstamtam begann ein Dutzend Künstler am Sonntagnachmittag den Ahrweiler Marktplatz zu bespielen. Während Menschen über den Platz schlenderten, auf Bänken ausruhten und Freude an dem sommerlich warmen Maitag hatten oder sich in der Außengastronomie und auf den Stufen des Weinbrunnens niederließen, produzierten die Kulturschaffenden mit ihrem Körpereinsatz und wenigen Requisiten lebende Bilder, die sie überwiegend aus dem Moment heraus entwickelten. Die zwölf Performancekünstler, das sind drei chinesische, eine französische und acht deutsche vom europäischen Performancekunst-Netzwerk PAErsche, die während ihres sechstägigen Festivals „Punktgenau“ zu Gast im ArtLab des Kunstpavillons Burgbrohl sind, einschließlich dessen ebenfalls beteiligten künstlerischen Leiterin Karin Meiner. Wie die Künstler aus dem In- und Ausland am zentralen Ort drei Stunden lang nicht alltägliche Akzente setzten, verblüfft. Als eine der wenigen in die Ohren gehenden Aktionen zieht Rolf Hinterecker einen Blechkoffer scheppernd übers Pflaster, um danach festzustellen, unter dem Pflaster liegt nicht der Strand. Stattdessen findet er im Schmutzfänger unterm weggeschobenen Kanaldeckel: Zigarettenkippen und mindestens eine Münze. So kommt zutage, was Zeitgenossen gedankenlos dem Untergrund „anvertraut“ haben. Später steht Hinterecker reglos auf einem Tisch. Weil einer immer den Überblick haben muss, die Lage unter Kontrolle? Ist demnach Christiane Obermayr, die anfangs mit einem Thymianzweig im Mund an wechselnden Stellen verharrt und dann unter besagtem Tisch sitzt, der Kontrolle verlustig gegangen? Und an welcher Jahrhundert-Näharbeit sitzt Karin Meiner, die zwei lange Stoffbahnen zusammennäht, darunter eine weiße aus Betttüchern der Klinik für Psychiatrie in Andernach?
Geschichten erahnen
Man ist versucht, die Bilder wie Illustrationen aus einem fremdsprachigen Märchenbuch zu behandeln, deren Geschichten man nicht lesen, sondern erahnen muss. Da lässt sich trefflich fantasieren, dass Boris Nieslony, Leiter von PAErsche, deshalb überall mit seinem Senkblei unterwegs ist, weil ihn ein Fluch dazu verdammt hat, alles latent Rätselhafte auszuloten. Oder will er gerade mit seinem Tun eröffnen, wie vermessen es ist, die Welt rein rational zu erklären? Zu einem anderen Zeitpunkt liegt er ausdauernd auf den Steinen und nimmt aus einer Tasse einzelne Getreidekörner, die er auf seine Schläfe und in die Ohrmuschel legt. Vergeblich sucht eine Zuschauerin in ihrer Erinnerung nach einem Mythos, dem dieses Handeln zuzuordnen wäre. Vieles wirkt in der Schwebe gehalten zwischen Ritual und Magie. Mancher Kopf neugieriger Passanten arbeitet da ohne Auftrag fieberhaft an Sinnschöpfung. Petra Deus, im grünen wehenden Seidenkleid eine wahre Augenweide, versteht sich jedenfalls als Botschafterin für den Wert des Wassers. Sogar Jesus habe vom lebendigen Wasser gesprochen, führt sie im Gespräch an. Deus ist dabei zu beobachten, wie sie mit drei Gießkannen gleichzeitig hantiert. Sie trägt sie, hält sie hoch, transportiert sie, indem sie eine mit dem Fuß vorschiebt. Zuletzt wandelt sie, ein sichelförmiges Stück Wassermelonenschale auf dem Kopf balancierend, wie eine grünliche Mondgöttin über den Platz. Sanmu Chan aber hockt bei der Papierbahn, bemüht, eine Hand in den mit Wasser gefüllten Plastikhandschuh zu schieben.
Was ist Performance?
Zwar ist Performance derzeit in der Kunstszene sehr begeht, aber in Ahrweiler fragten viele teils befremdet, öfter aber interessiert: „Performance? Was ist das?“ Es gab unauffällige Beobachter in zweiter Reihe, Kinder, die mit unverhohlenem Staunen das Geschehen verfolgten, Menschen, die anderen halfen, etwas zu verstehen. Einer sagte: „Das hat mit Achtsamkeit zu tun, so langsam, wie die sich bewegen, wir sollen auf etwas hingewiesen werden.“ Da heißt es, die angebotenen Bilder nutzen, um in einen Dialog mit ihnen zu treten. Wenn man Meiner nähend mit ausgebreiteter Stoffbahn, die Füße in einer Schüssel Wasser, sieht, fällt einem vielleicht das privat wirkende Tun im öffentlichen Raum auf. Wenn sie sich das Tuch über den Kopf zieht, wirkt sie im Bannkreis von St. Laurentius plötzlich madonnenhaft. Es entstehen irritierende Eindrücke, so auch, wenn Künstlerin To Yeuk kauernd Zeitung in Stücke reißt oder sich die goldene Kaffeekanne der liegenden Ute-Marie Paul und die blaue Gießkanne der stehenden Marita Bullmann, die ansonsten originellen Umgang mit den Wasser gefüllten Handschuhen pflegt, aufeinander zubewegen.
Mal muten die stehenden oder bewegten „Bilder“ bizarr an, mal ernst, witzig, poetisch, auch meditativ, wie drei zunehmend in den Bann gezogene Zuschauerinnen fanden. Anders als ihre eher aufführenden Kollegen sah Delphine Richer ihre Aufgabe in der Kontaktaufnahme mit dem Publikum. Das machte sich seinen eigenen Reim auf das Gesehene oder entspannte einfach bei der zumeist in Zeitlupe sich vollziehenden Aktionen. Wer mehr (wissen) wollte, konnte die Protagonisten fragen und erfuhr Erstaunliches. Thomas Reul etwa knüpfte mit Nieslony nicht etwa beliebige Papierstreifen zum wehenden Band, sondern lauter Sätze über Todesfälle von Immigranten auf ihrer Flucht. Und für Nanxi Liu aus Hongkong war ihr Umgang mit einem roten Luftballon eindeutig politisch motiviert. „Rot steht für China“, sagte sie. Da gewinnt der Vorgang, bei dem sie ihr Gesicht gänzlich in den Ballon drückt, sodass Nase und Mund, also ihre Kommunikations- und Lebenssysteme, abgeschnitten sind, eine ungeahnte Brisanz. HG
Sechs der Künstler gleichzeitig in Aktion. Foto: unknown
Rolf Hinterecker bei seiner kleinen Erkundung des unterirdischen Ahrweiler. Foto: unknown
