Allgemeine Berichte | 12.07.2021, 15:32 Uhr

Wissenschaftliche Studie zum „Lager Rebstock“ vorgestellt

„Innovative Formen der Erinnerungskultur finden“

„Menschen zur dehumanisierten Arbeitsressource herabgewürdigt“

Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden des Bürgervereins Synagoge, Thomas Rheindorf. Fotos: DU

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Marienthal/Dernau. Schon seit Jahren sind die bei Marienthal und Dernau 1944 existierenden Lager „Rebstock“ und Lager „Rebstock – Stephan“ – beides Außenlager des KZ Buchenwald – Gegenstand vielfältiger Forschungen und Diskussionen. So stellte der Bad Breisiger Militärhistoriker und Buchautor Wolfgang Gückelhorn im November 2016 seine Forschungsergebnisse im „Ahrwein Forum“ der Kreisstadt vor. Knapp ein Jahr später wurde in Marienthal die in Trägerschaft des Bürgervereins Synagoge e.V. sehende Erinnerungsstätte Lager Rebstock offiziell eröffnet. Fast zeitgleich äußerte der in Bad Neuenahr-Ahrweiler lebende und aus Dernau stammende Heimatforscher Matthias Bertram nach intensiven Eigenrecherchen Zweifel an einigen der bis dahin ermittelten Daten zu den „Rebstock“-Lagern. Bertram veröffentlichte später hierüber auch Bücher und Aufsätze. Im Januar 2018 kam es schließlich zu einem „Faktencheck“ in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler, bei dem Gückelhorn und Bertram ihre Forschungsergebnisse vorstellten. Für Klarheit und belastbare Resultate sorgte der „Faktencheck“ jedoch nicht.

Landeszentrale für politische Bildung gab Studie in Auftrag

Eine zu „Rebstock“ von der Landeszentrale Politische Bildung Rheinland-Pfalz (LpB) herausgegebene Broschüre aus der Reihe „Blätter zum Land“ (Band 70), die auf den Forschungen von Wolfgang Gückelhorn basierte, wurde im Sommer 2018 mit der Begründung „inhaltlicher Fehler und methodischer Mängel“ eingezogen. Die LpB beauftragte schließlich den Historiker Prof. Dr. Manfred Grieger (Gifhorn) mit einer wissenschaftlichen Studie zu den „Rebstock“-Lagern, die jetzt im Helmut-Gies-Bürgerzentrum der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In Buchform auf fast 200 Seiten hat Grieger nun die aktuellsten, wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema zusammengefasst. Dabei wird deutlich, dass die „Rebstock“-Geschichte von rücksichtsloser Ausbeutung und Zwang der dort gegen ihren Willen lebenden und arbeitenden Menschen geprägt war. Am 1. September 1944 trafen 300 jüdische Konzentrationslager-Häftlinge des Konzentrations-Außenlagers Natzweiler in Dernau ein. Sie kamen in Barracken auf der Bahntrasse oberhalb von Dernau unter, die von 367 niederländischen Zwangsarbeitern aus dem „Durchgangslager Amersfoort“ errichtet worden waren. Untergebracht waren die Niederländer in Brück/Ahr.

Zwangsarbeiter litten an schweren Erkrankungen

Von einem Stacheldraht umschlossen, stand das Lager „Rebstock/Stephan“ unter SS-Bewachung. Am 2. September 1944 nahmen 287 jüdische Zwangsarbeiter die Arbeit, 13 Männer wurden als Kranke geführt. Schon am 5. September war mehr als ein Achtel der Männer nicht mehr arbeitsfähig. Einen Ruhetag gab es nicht, viele der Menschen litten an Erkrankungen wie beispielsweise Geschwüren an den Gliedmaßen, die medizinische Versorgung und Behandlung war unzureichend, wie der französische Häftlingsarzt Dr. Verbe zu Protokoll gab. Hinzu kam mangelhafte Verpflegung. Insgesamt 20 Tage befanden sich die 300 jüdischen Häftlinge in Dernau, bevor sie ins Außenlager Dora bei Nordhausen verlegt wurden. Die von den Häftlingen verrichtete Zwangsarbeit umfasste Montagearbeiten an Fertigungsteilen für die bekannten „V2“-Raketen, aber auch Bauarbeiten innerhalb des Tunnels. Auch Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald wurden im Rahmen mehrerer Transporte ins Lager „Rebstock“ gebracht (21.08.1944/30 Personen, 04.09.1944/176 Personen, 14.09.1944/200 Personen). Diese verbrachte man nach ihrem Aufenthalt in Dernau/Marienthal entweder ins Hauptlager Buchenwald, oder ins Außenlager „A-dorf“ des Konzentrationslagers Mittelbau in Thüringen.

Gequält und ausgebeutet

Direkt im Lager „Rebstock“, so die Studie von Professor Grieger, starb kein KL-Häftling. Eine Erkenntnis, die mit einigen früheren Recherche-Ergebnissen und Veröffentlichungen nicht deckungsgleich ist, wo zum Teil von systematischen Tötungen geschrieben wurde. Jedoch standen Todesfälle eindeutig mit „Rebstock“ in Verbindung. So starb Roberto Girard im Zuständigkeitsbereich der Staatspolizei Koblenz nach seinem Transport zur Festung Ehrenbreitstein. Ihm hatte man im Zusammenhang mit Arbeiten bei Marienthal „Sabotage“ vorgeworfen. Mieczeslaw Slonski verstarb nach seiner Rückkehr nach Buchenwald an Lungentuberkulose, André Steibel und Louis Sailer erlagen – ebenfalls in Buchenwald – ihrer Herzschwäche, eitriger Rippenfellentzündung und Lungenentzündung. Dass ihre Gesundheit vor allem im Außenkommando „Rebstock“ untergraben worden sein dürfte, kann dabei unterstellt werden. Die Lagerverhältnisse in Marienthal und Dernau konfrontierten mit historischen Menschenrechtsverletzungen des Konzentrationslager-Systems, die in aller Regel unterhalb der Tötungsschwelle blieben. Aber hier wurden Menschen aus verschiedenen europäischen Staaten, darunter auch Juden, gequält, wirtschaftlich ausgebeutet und zur quasi dehumanisierten Arbeitsressource herabgewürdigt.

Multimediale Elemente für die Erinnerungskultur

Auch über die Begrifflichkeiten, ob für Rebstock die Bezeichnung „Konzentrationslager“ oder „Außenlager des Konzentrationslagers“ passender ist, gab es im Vorfeld immer wieder Diskussionen, die Professor Grieger jetzt ausräumte. Beide Bezeichnungen, so der Wissenschaftler, sind faktisch zutreffend. Für die Zukunft der Gedenkstätte Lager „Rebstock“ in Marienthal schlägt Manfred Grieger unter anderem eine Korrektur der Gedenktafel auf den neuesten wissenschaftlichen Stand, aber auch eine stärkere Berücksichtigung der Konzentrationslager-Geschichte in der „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ samt einer sachgerechten Verankerung der Thematik in deren Führungen vor. Überlegenswert sei zudem eine Informationsvermittlung mittels internetfähiger Multimedia-Präsentationen vor Ort. „Um nicht zu erstarren, sondern innovative Formen zu finden, steht die Erinnerungskultur vor einem generationellen Übergang, wobei lokalen Initiativen eine eminent wichtige Bedeutung zukommt“, so Grieger.

Die in Buchform erschienene Studie zu den „Rebstock“-Lagern kann kostenlos bei der LpB-Rheinland-Pfalz in Mainz bestellt werden (www.politische-bildung-rlp.de).

Professor Manfred Grieger stellte in Ahrweiler seine Studie zu den „Rebstock“-Lagern vor.

Professor Manfred Grieger stellte in Ahrweiler seine Studie zu den „Rebstock“-Lagern vor.

Begrüßung durch den ersten Vorsitzenden des Bürgervereins Synagoge, Thomas Rheindorf. Fotos: DU

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