Friedliches Miteinander in der Kita Johannesnest in Meckenheim
Integration kann funktionieren
Grund für den Erfolg: eine offene Haltung, und zwar gegenüber jeder Nationalität und den Angehörigen aller Religionen
Meckenheim. Trotz des regnerischen Wetters herrscht eine gute Stimmung im Kindergarten Johannesnest. Seit 1971 findet man die Kindertagesstätte in der Gelsdorfer Straße in Meckenheim. Hier treffen sich jeden Tag 60 Kinder aus mindestens elf verschiedenen Ländern. Blickt man derzeit auf das politische Geschehen in Mitteleuropa, so würde man vermuten, dass es im Johannesnest hoch hergeht. Aber nichts dergleichen ist der Fall. In dem Kindergarten, der bis Juli 2008 in der Trägerschaft der katholischen Kirche war, herrscht ein friedliches Miteinander. Kinder im Alter von etwa einem Jahr bis ins Vorschulalter spielen zufrieden in ihren Gruppen. Tatsächlich können hier bereits Kinder ab einem Alter von vier Monaten betreut werden. Insgesamt sechs Vollzeitkräfte, zwei Teilzeitkräfte und Praktikantinnen kümmern sich um das Wohlergehen der Kleinen. Hier, wo viele verschiedene Nationen, Religionen und Erziehungsstile aufeinanderprallen, gäbe es theoretisch genügend Zündstoff für Streit und Zank. Stattdessen findet man eine entspannte Atmosphäre, in der die Kinder optimale Entwicklungsmöglichkeiten haben.
Offene Haltung gegenüber jeder Nationalität und aller Religionen
Die Leiterin Svea Bögelmann nennt viele Gründe für diesen Erfolg. In erster Linie führt sie eine offene Haltung an, und zwar gegenüber jeder Nationalität und den Angehörigen aller Religionen, die hier ins Familienzentrum kommen. Vielfach sind die ersten Kontakte mit Vorbehalten und Zurückhaltung behaftet. Migranten sind oft unsicher, haben Sprachprobleme und oft genug auch Ablehnung erfahren. Hier treffen sie auf einen Bereich, in dem alle gleich sind und wo man sie Willkommen heißt. Die Kinder, gleich welcher Nation, finden sich schnell in unserer Kultur und im Tagesgeschehen des Kindergartens zurecht. Für alle Kinder gelten die gleichen Regeln. Trotzdem werden natürlich die individuellen Voraussetzungen der Einzelnen nicht übersehen. Auf der Weltkarte dürfen sie beispielsweise bald wieder ihre Herkunftsländer und ihre Bilder mit Schnüren verbinden. So wird anschaulich, dass viele Kinder und Familien weite Wege auf sich genommen haben, bis sie hier angekommen sind. Auch das stärkt die Basis für ein gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Verhaltensweisen oder Gebräuche.
Für alle Kinder gilt der gleiche Tagesablauf
Gleichgültig, ob Katholik, Protestant, Muslim, Orthodox oder sonstige Religion: Für alle Kinder einer Gruppe gilt ein geregelter Tagesablauf, inklusive des allwöchentlichen gemeinsamen gesunden Frühstücks. Süßigkeiten sind beim „Tigerfrühstück“ tabu. Die Schützlinge des Johannesnestes lernen mit Genuss Obst, Gemüse, unterschiedliche Brotsorten, Aufschnitt und Käse kennen. Religiöse Essensvorschriften werden ebenso respektiert, wie besondere Elternwünsche oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten berücksichtigt werden. Die Kinder, die bestimmte Nahrungsmittel nicht zu sich nehmen dürfen, werden pädagogisch geschickt angeleitet, wie sie an der üppigen Tafel satt werden, ohne dass sie gegen die Regeln ihres Glaubens verstoßen. Auch vegetarisch lebende Familien nehmen dieses Angebot gerne an. Die gesunde Ernährung ist nur einer der Schwerpunkte der Erziehungsarbeit hier. Besonderen Wert wird auch auf Bewegung gelegt. Angesichts des allseits kritisierten Bewegungsmangels, der schon bei den Kleinsten festgestellt wird, ist die Haltung dieser Einrichtung lobenswert. Wenn nicht gerade ein Sturm tobt, können die Kinder jeden Tag die Spielangebote auf dem großen Außengelände nutzen – auch bei Schmuddelwetter. Dass Sprache und Integration weitere Schwerpunkte in einem Kindergarten mit mindestens elf Nationen darstellen, versteht sich von selbst. Es ist ein erklärtes Ziel, den Kindern zu einem sinnvollen Sprachgebrauch zu verhelfen. So sind sie auch in der Lage, Konflikte ohne Fäuste, sondern durch Kommunikation zu lösen.
Partizipation für ein friedliches Miteinander
Partizipation heißt das Zauberwort, das ebenfalls nachhaltig zu einem friedlichen Miteinander beiträgt. Die Kinder lernen nicht nur, dass sie sich untereinander einigen müssen, anstatt zu streiten. Sie erfahren ebenfalls, dass ihre Meinung gefragt ist. Demokratie gibt es hier nämlich auch für die Kleinen in ihrem kleinen Rahmen. So durften die Kinder einer Gruppe selbst darüber abstimmen, wie ihr Nebenraum neu gestaltet werden sollte. Sie lernen so nicht nur, dass ihre Meinung gefragt ist, sondern auch, dass sie Mehrheitsentscheidungen akzeptieren müssen. Gerade weil im Johannesnest all das ohne Ansehen der Herkunft oder Religion geschieht, fühlen sich die Kinder wohl und kommen bestens zurecht. Hier funktioniert Integration tatsächlich ohne großes Wenn und Aber. Trotzdem werden die üblichen Aufgaben eines Kindergartens nicht vernachlässigt. Anleitung zum Basteln, Spielen, Singen und Entdecken haben hier ebenso ihren Platz, wie die gezielte Vorbereitung auf den Schulstart. Nicht erst im letzten Vorschuljahr liegt das Augenmerk auf einem guten Start der Kinder in den neuen Lebensabschnitt. Auch im Jahr davor lernen die Kinder hier bereits spielerisch die Bedeutung und das Aussehen der Zahlen von eins bis zehn kennen. Das erleichtert ihnen den Umgang mit dem nächsten großen Schritt, den Buchstaben. All das nehmen die Kleinen hier fast im Vorbeigehen mit. Weil großer Wert darauf gelegt wird, dass die Kinder altersgerecht lernen, wird kein Kind überfordert oder benachteiligt. Jedes Kind hat die Gelegenheit, sich mit seinen individuellen Kenntnissen einzubringen. So profitieren alle optimal vom gemeinschaftlichen, vorschulischen Lernen. Seit 2008 befindet sich die Kindertagesstätte in der Trägerschaft der Caritas und hat sich in dieser Zeit zum Familienzentrum gemausert. Wo früher ausschließlich Kinder betreut wurden, heißt man heute die ganze Familie willkommen. Im Angebot des Veranstaltungsprogramms findet man Eltern-Kind-Kurse, viele musische Angebote von Singen über Tanzen bis Musizieren, Kinderturnen, offenes Elterncafé, Bücherabende, Rückenschule, Entspannungskurse und Erziehungsberatung. Alle diese Angebote unterstützen das aktive Miteinander der Kinder ebenso wie das der Eltern untereinander. Kein Wunder also, dass man hier auch bei regnerischem Wetter auf eine gute Stimmung trifft.
Petra Lenthe
Morgens wartet ein gemütlicher Gruppenraum auf die ganz Kleinen.
Hier wird mit allen Sinnen gelernt.
