Den Blick auf Behinderte lenken – eine sinnvolle Aufgabe
Jörg Holzem zu Gast in der Grundschule Löf
Der Behindertensportler ließ Kinder an seinem Leben im Rollstuhl teilhaben
Löf. Die Anspannung der Schüler/innen war förmlich zu spüren, als sie Jörg Holzem zum ersten Mal begegneten. Leise und schüchtern nahmen sie in der Turnhalle im Halbkreis vor dem Rollstuhlfahrer Platz. Dieser brach aber schnell das Eis und nahm ihnen die Angst: „Ihr müsst keine Angst haben und dürft mich alles fragen.“ Wer nicht fragt bleibt dumm, und da die Jungs und Mädchen neugierig waren, wurde es ein interessanter und humorvoller Gedankenaustausch.
Als Gast der Grundschule Löf und des Sportvereins Hatzenport-Löf erzählte Jörg Holzem die Geschichte seines Lebens und ließ die Kinder, sowie die Leiterin der Schule Sarah Lindner und den Vorsitzenden des Sportvereins Manfred Lietz, daran teilhaben. Im Alter von 23 Jahren hatte der gelernte Forstwirt einen schweren Unfall bei Baumfällarbeiten. Der heute 47jährige wurde dabei so schwer verletzt, dass er querschnittsgelähmt blieb. Freimütig erzählte er von der schwierigen Anfangszeit, als er lernen musste mit einem Rollstuhl zu leben und um zu gehen, da flossen auch manchmal die Tränen. Starken Halt gab ihm seine Frau, die er im Rollstuhl sitzend heiratete. Das Paar bekam zwei Kinder, der Sohn ist 11 Jahre – die Tochter 13 Jahre. „Meine Kinder kennen mich nicht anders“, erklärte Jörg Holzem.
Anstoß durch die eigenen Kinder
Diese und ihr unbeschwerter Umgang mit seinem Handicap, brachten ihn auf die Idee zur Aktion „Leben im Rollstuhl“, denn: „Kinder und Jugendliche sollen erleben, das man auch als Behinderter zufrieden sein kann.“ Trotzdem musste er bekennen, dass das nicht immer einfach war.
Heute präsentiert er sich als Mensch, der seine Berufung gefunden hat. Dabei hat ihm auch der Sport geholfen, denn er wurde eine Größe im Sport der Behinderten, spielte erfolgreich Rollstuhl-Rugby bei der RSG Koblenz. Mit seiner Mannschaft gewann er den Europapokal und die Champions League, war zehn Jahre lang aktiv in der Nationalmannschaft – auch als deren Kapitän - und nahm an der Paralympischen Spielen 2004 in Athen (7. Platz) und 2008 in Peking (6. Platz) teil. Dem Rollstuhl-Rugby ist er bis heute treu geblieben. Die Kinder lauschten seinen informativen Ausführungen: „Die meisten Unfälle, die eine Querschnittslähmung mit sich bringen, passieren durch Motorrad-, Auto- oder Badeunfälle“, erklärte Jörg Holzem.
Anschaulich und offen berichtetete Jörg Holzem den Kindern
Darauf wussten viele Schüler/innen von Vorfällen zu berichten, die sie selbst oder Familienangehörige erlebt hatten. Der Behindertensportler informierte sie über den Grad seiner Behinderung, veranschaulichte dies mit Kabelsträngen, um das Durchtrennen der Nerven zu demonstrieren: „Ich musste umdenken, denn ich habe kein Gefühl in den Beinen und meiner linken Hand. Da ist es mir anfangs passiert, dass ich mich mit heißen Kaffee verbrannt habe, weil ich nichts spürte.“
Auf die Frage: „Wie ziehen Sie sich an?“ zeigte er, wie er dies mit Hilfsmitteln schafft, aber gab auch zu, gerne Hilfe in Anspruch zu nehmen:
Die Kinder erhielten praktische Einblicke in die Lebensrealität
„Ich habe viele Telefonnummern in meinem Handy gespeichert. Zum Beispiel wenn ich zum Bäcker möchte, aber keine Chance habe in die Bäckerei zu kommen, dann rufe ich an und bekomme herausgebracht, was ich möchte. Ich muss alles gut planen und organisieren!“ Wissbegierig schauten die Kinder zu, als Jörg Holzem die Funktion eines Rollstuhls erklärte und seine Beweglichkeit zeigte. Weil sich die Schüler/innen sich nicht vorstellen konnten, wie das mit dem Autofahren klappt, demonstrierte er dies vor der Schule. Voller Spannung betrachteten sie das Manöver, ließen sich zeigen, wie er sich ins Auto zog, den Rollstuhl demontierte und einlud. Dann das Ganze wieder rückwärts.
Auf zwei sehr wichtige Utensilien machte er aufmerksam: den Behindertenausweis und den Parkausweis. Diese wichtigen Dokumente erleichtern sein Leben, unter anderem bei der Parkplatzsuche. Und weil die Kinder mit eigenen Augen gesehen hatten, wie schwierig dieses Manöver ist, werden sie an einem Behindertenparkplatz immer daran denken, dass dort nur Menschen mit körperlichen Einschränkungen parken dürfen. Am Ende der Veranstaltung durften die Schüler und Schülerinnen Rollstühle verschiedenster Ausführungen fahren und die Technik ausprobieren.
Seit 2017 ist Jörg Holzem, der in Arft in der Eifel wohnt, mit seiner Aktion „Leben im Rollstuhl“ an den Schulen und bei Vereinen in Rheinland-Pfalz unterwegs. Er will Berührungsängste abbauen, den Blick auf Behinderte lenken und zeigen, dass ein weitgehend normales Leben möglich ist - er will Mut machen!Dabei widmet er sich dieser sinnvollen Aufgabe mit sehr viel positivem Denken, das machte den Kindern den Umgang mit ihm und seinem Schicksal sehr leicht. Sie nahmen eine ganze Menge Erfahrungen mit in ihr Leben.
EP
Am Ende durften die Schüler und Schülerinnen Rollstühle verschiedenster Ausführungen und deren Technik testen. Foto EP
Mit Kabelsträngen veranschaulichte Jörg Holzem den Grad seiner Behinderung. Foto EP
