Rheinbach liest e. V.
„John Maynard war unser Steuermann …“
Abschluss der Lyriktage in Rheinbach mit unvergesslichem Balladenabend
Rheinbach. Sprachlos und teilweise ergriffen, in jedem Fall absolut begeistert waren die Besucher des Balladenabends „Wer ist John Maynard?“ zum Abschluss der Lyriktage im Windschatten des Hexenturms. Gerade erst hatte der grimmige Herr (Lothar Tolksdorf) aus Adelbert von Chamissos Ballade im kaltblütigen Lehrling (Monika Sobetzko) den „rechten Barbier“ gefunden, da setzte schon der elf-jährige Jannik Nagel mit einer virtuos gespielten Blockflöte bei der Sinfonia Quarta von Bartolomeo Montalbano ein. Gemeinsam mit seinem kongenialen zwölfjährigen Klavierbegleiter Paul Tintelnot gehörte er zu den acht ausgewählten Schülern der Musikschule Meckenheim-Rheinbach-Swisttal, die das Projekt-Ensemble „Zeilenglut“ bei ihrem Balladenprogramm im Innenhof der Grundschule St. Martin musikalisch unterstützten. Die Jüngste, Almut Nagel, war gerade einmal sieben Jahre alt und riss das Publikum mit ihrem „The little negro“ am Klavier zu einem Beifallssturm hin.
In seinem Grußwort hatte Filialdirektor Stephan Moos von der Kreissparkasse Köln, Unterstützerin der Lyriktage, gesagt, Gedichte „wollen Menschen treffen, die sich berühren und inspirieren lassen“. Auftrag ausgeführt: Denn die künstlerische Umsetzung des Balladenthemas durch die 28-jährige Schauspielerin Monika Sobetzko und dem 46-jährigen Bornheimer Literaturkabarettisten Lothar Tolksdorf übertraf alle Erwartungen.
So lebendig, so variantenreich, so präzise in der teils szenischen Dramaturgie wurden die Balladen dargeboten. Tolksdorf zeigte neben seinem komischen Talent, dass er auch die ernste Spielart beherrscht. Zwei traditionelle Balladenvertonungen (Goethes Zauberlehrling und Erlkönig) wurden dabei von dem Benjamin des Ensembles Zeilenglut beigesteuert, dem 17-jährigen Schüler Florian Schweinitz. Und dies mit Hingabe, Sicherheit und inhaltlichen Nuancierung. Begleitet wurde der ehemalige Waldorfschüler aus Alfter von seiner Gesangslehrerin Christiane Cohen am Klavier.
„Ich frage mich, woran es liegt, dass sich ein Mensch wie Florian so für Balladen begeistert, seine Altersgenossen aber offenbar nicht im gleichen Maße“, äußerte Gerd Engel vom Lyriktage-Veranstalter Rheinbach Liest e. V. nachdenklich.
Unter den gut 50 Gästen hatten sich die jungen Zuhörer nämlich rar gemacht. Umso positiver war die Resonanz, bei denen, die gekommen waren. Dem elfjährigen Joscha gefiel besonders das „Riesenspielzeug“ von Adelbert von Chamisso, das von Monika Sobetzko mit Sonnenbrille und Mini-Keyboard-Rhythmus als Hip-Hop-Parodie dargeboten wurde. Schwester Pia fand daneben auch Conrad Ferdinand Meyers „Mit zwei Worten“ richtig gut. Durch die Inszenierung als Mini-Kammerspiel wurde die gar nicht so einfache Ballade auch für die 10-Jährige verständlich. Mutter Kirsten beeindruckte, „welch ungewöhnlichen Zugänge zu den Gedichten einem ermöglicht wurden. Und das wird sich durch Mundpropaganda bis zum nächsten Mal herumsprechen.“
Sabine Post von Rheinbach Liest, Musikschulleiter Karl Hempel und die zahlreich anwesenden Musiklehrer zogen nach dem Balladenabend ebenfalls ein positives Fazit über die Zusammenarbeit: „Dieser unvergessliche Abend aus Lyrik und Musik, die Atmosphäre in dem malerischen Hofgarten und die Programmqualität verlangen nach einer Wiederholung.“
Verbesserungswürdig erschien allein das Wetter.
Die Abendkühle und der böige Wind waren schuld, dass die zweite Halbzeit nicht unter freiem Himmel, sondern unter der Stuckdecke der historischen Aula stattfand. Die Frage, wer John Maynard ist, hatten Sobetzko und Tolksdorf da bereits in einer Weise beantwortet, die manchem Tränen der Ergriffenheit in die Augen getrieben hatte. Ein Abend für große Rezitationskunst. Chapeau.
