Die Stadt Linz hatte am Volkstrauertag an das Oellers-Mahnmal in den Stadtgarten geladen
Jugend in die Trauerfeier eingebunden
Mit ihrem szenischen Beitrag bezogen Gymnasiasten die aktuelle politische Situation in die Gedenkfeier ein
Linz. Wie alljährlich fand am Volkstrauertag auch in Linz eine Feierstunde im Gedenken an die Kriegsopfer statt, allerdings nicht wie üblich am Ehrenmal auf dem Vorplatz der Marienkirche auf dem Kirchvorplatz. Eingeladen hatte die Stadt dieses Jahr in den Stadtgarten an die mächtige Stein-Skulptur „Das große Massaker“ von Günter Oellers. Nach einem Vortrag des Posaunenchors der Trinitatis-Kirchengemeinde unter Leitung von Erhard Schwartz begrüßte Stadtchef Hans Georg Faust die zahlreichen Teilnehmer, allen voran den Bundestagsabgeordneten Erwin Rüddel, den Ersten Kreisbeigeordneten Michael Mahlert, Pfarrer Christoph Schwaegermann und Diakon Eberhard Roevenstrunk, viele Ratsmitglieder um die Beigeordneten Karl-Heinz Wölbert und Michael Schneider, sowie nicht zuletzt die Schüler der 12. Klasse „Grundkurs Geschichte“ am Martinus-Gymnasium nebst ihrer Fachlehrerin Silvia Charlier und Schulleiter Thomas Schmacke. „Ich bin froh, dass wir diese jungen Leute, die maßgeblich zur Gestaltung der Veranstaltung beitragen, gewinnen konnten“, so Stadtbürgermeister Hans-Georg Faust. Ohne dass das zur Tradition gewordene Gedenken an die Terroropfer der Naziherrschaft aufgegeben würde, käme durch das szenische Spiel der Gymnasiasten die Jugend und ihr Blick auf den Grund, den Volkstrauertag weiterhin zu begehen, zum Tragen.
Die üblichen Trauerfeiern an Gedenkstätten und Mahnmalen würden der älteren Generation am Volkstrauertag die Gewissheit geben, dass die durch Krieg und Terror verloren Angehörigen nicht nur von ihnen, sondern auch von der Gemeinschaft nicht vergessen würden. „Aber die unmittelbar Betroffenen werden immer weniger. Zwar können nachkommende Generationen an Kriegsdenkmälern direkt vor Ort Geschichte erfahren, das aber setzt die Bereitschaft voraus, Zeit zu investieren, damit junge Menschen durch den Besuch von Schlachtfeldern, von Konzentrationslagern und von Holocaustmuseen aus der Geschichte lernen, was unselige Wiederholungen von Gewalt und Terror verhindern kann“, so der Stadtchef. Es sei die Aufgabe von Politik und der älteren Generation, den jungen Menschen zu vermitteln, dass in Zeiten des in Europa wieder aufkommenden Nationalismus, des Rechtspopulismus und eines sich andeutenden Wertewandels nicht Friedensliebe und Gemeinsamkeit die Oberhand gewinnen, sondern das Hervorheben des Trennenden, die Bereitschaft zur egoistischen Durchsetzung der Interessen einzelner Gruppen.
„Streben nach Macht, Geld, Land und nach Ruhm, das Streben nach Deutungshoheit in Kultur und Religion sowie nach Überlegenheit, das sind die eigentlichen Triebfedern, die Menschen in Krieg und Verderben schicken. Auch heute noch sind es Despoten und Diktatoren, fehlgeleitete Politiker und Religionsführer, Populisten und andere Verführer, die für Kriege, Verfolgung, Leid und Tod verantwortlich sind“, so Hans-Georg Faust. Leider seien es dann die ihnen ausgelieferten Menschen, die als vielfach Verführte die wohlfeilen, populistischen Botschaften umsetzen würden, beklagte er.
Eben dies hat Günter Oellers mit der Skulptur „Das Großen Massaker“ versinnbildlicht, deren Aussage sich wie bei vielen Arbeiten des Künstlers erst auf den zweiten Blick erschließt.
Mit Steineklopfen symbolisierten die Schüler dann Maschinengewehrfeuer, bevor sie die Steine auf einen Haufen warfen und damit an die Steinwüsten der bombardierten Städte erinnerten. Entsprechend rezitierten sie ein Gedicht von Günter Kunert: „Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervorgezogen wurde, sagte er; Nie wieder! - Jedenfalls nicht gleich!“ Und schon erinnerte ein Schüler an die Kriege, die Russland seit 1955 geführt hat gegen andere Länder, aber auch gegen Minderheiten und Oppositionelle. Grund für viele, nach Deutschland auszuwandern, erinnerte ein Nachfahre dieser Emigranten, deren Anwesenheit die Republikaner damals zu Hetze und Panikmache veranlasst hatte. Weiter ging es mit Frankreich und dem blutigsten Dekolonialisationskrieg gegen die algerische Befreiungsbewegung 1954-62, in welcher der Großvater eines Schülers als Partisan aktiv gewesen war, bevor er mit Freunden 1960 nach Deutschland floh, in eine freies, sicheres Land.
„Wir könnten noch viele Staaten beklagen, die den Frieden brachen nach 1945, europäische, arabische, afrikanische und nicht zuletzt die USA“, so die Schüler, die sich demonstrativ für ein gemeinsames Deutschland aussprachen. „So viel Leid, so viel Krieg. Er verfolgt uns“, klagten sie, um dann darauf hinzuweisen, dass der Krieg angesichts von Straßenschlachten und Hassparolen gegen Syrer, Afghanen und Afrikaner, von antijüdischen Demonstrationen und offen propagierter NS-Ideologie längst in Deutschland angekommen sei. Die einzig mögliche Reaktion: Nachfragen und recherchieren, zurückblicken und aus der Geschichte lernen, achtsam sein gegen Parolen der Volksverhetzer, Widersprüche aufdecken und vor allem nicht schweigen. „Wir bauen eine Mauer gegen das Vergessen. Wir bauen ein friedliches Deutschland, eine starke Gemeinschaft und sagen: Nie wieder. Nicht mit uns. Packen wir’s an“, beendeten die Schüler des Geschichts-Grundkurses ihren eindrucksvolle Beitrag, in dem sie versicherten, eine Mauer gegen das Vergessen zu bauen.
DL
Am „Großen Massaker“ von Günter Oellers sprachen sich die Gymnasiasten dafür aus, gemeinsam eine Mauer gegen das Vergessen zu bauen.
