Ein Novum im Rheinbacher Pfarrheim
Konfetti-Slam brachte Karneval für Aspekte-Zuschauer ins Rheinland
„Rheinbach liest“ gelang eine großartige Premiere mit Grimme Preisträger Jörg Thadeusz als Moderator und einer Mischung aus Musik, Witz und Büttenreden
Rheinbach. Karneval für „Aspekte“-Zuschauer ist auch im fastelovendsverrückten Rheinland ein Novum, doch im Rheinbach Pfarrheim war die Premiere von „Konfetti-Slam“ ein großartiger Erfolg. Was nicht zuletzt an dem Moderator lag, denn kein geringerer als Grimmepreisträger Jörg Thadeusz führte durch das Programm eines außergewöhnlichen Abends mit Musik, Witz und Büttenreden der etwas anderen Art. Glasklar hatte Thadeusz schon gleich zu Beginn erkannt: Wenn kulturinteressierte Menschen zu einer Karnevalsveranstaltung gehen, dann ist ihr rotes Kostüm mit spitzer Mütze wahrscheinlich nur eine tiefgründige Improvisation über Zwerge.
Dank hochkarätiger Künstler aus der Poetry-Slam- und der Musikszene gelang das anspruchsvolles Experiment mit Elementen des Karnevals, das sich mit dem Phänomen mal lustig, mal kritisch auseinandersetzte. Als „Seepferdchen-Absolvent aus dem Weilerfeld“ berichtete etwa Gerd Engel, Vorstandsmitglied des Vereins zur Leseförderung, von seinen Versuchen, mit etwas Lustigem aus Rheinbach und Meckenheim einen Auftritt zu ergattern. Leider habe das nur zu tonnenweise Multi-Frucht-Joghurt und neuen Kleidern für seine Frau geführt. Ihm war nämlich gesagt worden, die „15 Minuten bei Thadeusz“ bekomme nur, wer massenhaft Plakate und Flyer verteile.
Die Mauer nach Mexenheim
Allerdings hatte er angeblich Donald Trump beim Mexikaner in Rheinbach einen Tequila trinken sehen. Das war er schon an sich erstaunlich, doch als der amerikanische Präsident Rheinbachs Bürgermeister Stefan Raetz angeboten habe, die Tomburg-Ruine als Trump-Tower wiederaufzubauen, sei es endgültig skurril geworden. Denn der Bürgermeister habe nur den Bau einer Mauer nach Mexenheim gewünscht.
Ausdrucksstark und wortgewandt präsentierte sich anschließend Schauspielstudentin Ella Anschein aus Siegburg dem Publikum. Sie sinnierte über die Würde und das Selbstbewusstsein junger Frauen und nahm die Zuhörer auf eine poetische Gedankenreise mit und träumte sich im verführerischen Duft des Vordermannes im Bus in eine zarte Liebe hinein. Was am Ende lediglich zur Erkenntnis führte: „An fremden Männern riecht man nicht!“
Ständig muss man fröhlich sein
Wenn der frühere Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki eine Büttenrede verfasst hätte, dann hätte sie wahrscheinlich so kritikastisch geklungen wie bei Slam-Poet Julius Esser aus Bonn: „Ständig muss man fröhlich sein und kippt Kölsch in sich hinein“. In seinem Gedicht „Mademoiselle Karneval“ führte er aus, warum seine Liebe für die fünfte Jahreszeit erkaltet sei: „Sie haben Dich auf laut gedreht und Dir die Seele ausgetrieben.“ Auch Poetry Slammer Florian Kalff konnte es kaum glauben, dass bekleidungstechnisch erstaunliche Ähnlichkeiten im Sortiment einer Erotikmesse und eines Karnevalsladens zu finden seien.
Die humoristischen Wortbeiträge im Pfarrzentrum ergänzte Musik von Christian Padberg, der als „Dad’s Phonkey“ mit seiner Stimme nicht nur ein ganzes Klassik-Orchester intonierte, sondern auch eine bayerische Trachtenkapelle, einen Blues- und Gospelchor und einen indianischen Stammestanz. Ihm wurde dabei eine Ehre zuteil, die sonst nur wenige für sich beanspruchen können, denn kein geringerer als „Kammerdiener Thadeusz“ reichte ihm die verschiedenen Kostüme an. Der Fernsehstar war sichtlich beeindruckt, dass sich das Publikum als vollkommen „geländegängig“ entpuppte und zur Musik der Bonner Band „Bulle Wuh“ mit dem Rheinbacher Sascha Hardt als Sänger zu Stimmungsliedern ausgelassen mittanzte. „Euphorischer Dankbarkeitsapplaus“ für das Orgateam von „Rheinbach liest“ war der verdiente Lohn für einen gelungenen Alternativkarneval.
JOST
