Allgemeine Berichte | 27.04.2020

Die Schönstätter Marienschule und ihre Erfahrungen mit dem Lernen „auf Distanz“

Kreativität im Umgang mit zahlreichen Herausforderungen ist gefragt

Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler sind teilweise anders, aber nicht schlechter

BLICK aktuell: 1. Waren Sie auf die Schulschließung vorbereitet?

Schönstätter Marienschule: Ja und Nein – durch vorausgehende Schulschließungen in anderen Bundesländern und aufgrund der Berichterstattung in den Medien haben wir uns gedanklich schon mit einer bevorstehenden Schulschließung auseinandergesetzt.

Allerdings kam die offizielle Anweisung zur Schulschließung und die damit verbundenen Ausführungsbestimmungen erst nach Unterrichtsschluss am Freitagnachmittag, dementsprechend konnten wir Eltern und Schülerinnen auch erst anschließend informieren.

Grundsätzlich braucht es bei aller guten Vorbereitung auch eine große Portion Verständnis, Improvisationstalent und Kreativität, sowohl vonseiten der Schülerinnen und deren Familien als auch der Schule. Es war eine Herausforderung für alle Beteiligten, sich über nur ein Wochenende komplett auf eine andere Art des Arbeitens und Lernens umzustellen.

BLICK aktuell: 2. War es problematisch, ein passendes Programm/Tool zu finden, mit dem Sie das Home-Schooling, angepasst an alle technischen Voraussetzungen der Schüler, durchführen konnten?

Schönstätter Marienschule: Das war für uns weniger ein Problem, da wir bereits seit 2017/18 mit der App Cocuun arbeiten. Diese App stammt von der Firma Exec-Software-GmbH und ist mit der Datenschutz Grundverordnung konform - ein großes Plus! Sie wurde in einem Schülerinnenprojekt auf unsere Bedürfnisse angepasst, in der Praxis geprüft und wird auch kontinuierlich weiterentwickelt. Somit hatten wir bereits ein Tool, welches auf einer sinnvollen und in vielen Klassenstufen erprobten Struktur basiert. Fehlende Gruppen konnten zeitnah integriert werden. Der Zugriff erfolgt per Smartphone, Tablet oder PC.

Natürlich bestand die Notwendigkeit, die unterschiedlichen technischen Voraussetzungen der Schülerinnen, Eltern und der Lehrer zu berücksichtigen und diese bei Fragen und Problemen zu unterstützen. Wir haben den Support erweitert und sind unseren Schülerinnen und Lehrern des Cocuun-Teams sehr dankbar, dass sie viele Arbeiten aus dem Homeoffice heraus freiwillig und teilweise sogar unaufgefordert übernommen haben, was uns sehr entlastet hat.

So konnten die Schülerinnen schon am ersten Tag der Schulschließung mit Unterrichtsmaterial versorgt werden und mit den Lehrern in digitalen Austausch treten.

BLICK aktuell: 3. Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag als Lehrer geändert?

Schönstätter Marienschule: Dies hängt sehr von der Funktion innerhalb der Schule ab. Für einige war und ist es sicherlich eine Herausforderung, sich an die neue Unterrichtsform zu gewöhnen und in der Kürze der Zeit das Familienleben mit der neuen Arbeitssituation in Einklang zu bringen. Vor allem fehlt der direkte Austausch im Klassenraum, der „face-to-face-Kontakt“ mit den Schülerinnen. Außerdem ist da die Sorge um das allgemeine Wohlbefinden unserer Schülerinnen: Wie kommen sie mit dieser emotional aufwühlenden Ausnahmesituation und sicherlich für viele auch beängstigenden Lage klar? Für einige bedeutet die derzeitige Situation ja nicht nur alles rund um das Homeschooling zu meistern. Die mögliche Sorge um Erkrankte oder über finanzielle Nöte der eigenen Familien dürfen dabei nicht vergessen werden.

BLICK aktuell: Wie sieht nun der Arbeitsalltag eines Lehrers konkret aus?

Schönstätter Marienschule: D. Speier, MSS-LEITUNG, Lehrerin für Geschichte, Französisch und Italienisch: Aus den täglich normalen 6-8 Unterrichtsstunden bzw. Arbeitsstunden in der Schule und den üblichen Vorbereitungen für den nächsten Schultag am heimischen Schreibtisch ist zumindest in den ersten zwei Wochen der Schulschließung für mich ein 12-14 Stunden Arbeitstag geworden. Unterrichtsplanung und -material mussten umstrukturiert, für das Homeschooling angepasst und allgemeine Informationen schnellstmöglich an Kollegen, Eltern, Schülerinnen weitergeben werden. Hinzu kamen schriftliche (über Mail oder unsere Schul-App) oder telefonische Anfragen seitens Schülerinnen und Eltern. Nebenbei fanden eine „Dienstbesprechung auf Distanz“ und der digitale Austausch mit Klassen- und Stammkurslehrern über das weitere Vorgehen bzw. bezüglich Absprachen in bestimmten Klassen statt. Ab der dritten Woche nahmen die Anzahl an Anfragen etwas ab, hinzu kamen aber nun die Korrekturen einer Vielzahl von Schülerinnenprodukten aus dem Homeoffice und die Arbeit an der Umsetzung weiterer Bestimmungen. Nebenbei galt es, die gewohnten familiären Strukturen neu zu organisieren. Diese Ausnahmesituation hat aber einmal mehr gezeigt, dass wir an unserer Schule ein tolles Team von Kollegen sind, sodass wir gemeinsam die neuen Herausforderungen meistern konnten und in Zukunft bestimmt auch weiterhin meistern können.

Sr. Christamaria, Cocuun-Team und Mensaleitung, Lehrerin für Informatik, Mathematik und Religion: Die Schulschließung erfordert sehr viel Kreativität im Umgang mit den zahlreichen Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Denn neben dem eigentlichen Homeschooling entsteht tatsächlich eine Vielzahl neuer „Nebenjobs“.

Für mich bedeutete dies v.a. die Ausweitung des Supports und den rasanten Ausbau unseres Kommunikationstools Cocuun, damit alle Schülerinnen und Lehrer unserer Schule möglichst reibungslos eine stabile Onlinelösung nutzen konnten und können. Support bedeutet dabei eine Menge großer und kleiner Probleme lösen, denn auch wenn wir im digitalen Zeitalter leben, bringt jeder sein ganz individuelles Können oder auch Nichtkönnen mit. Zum Glück haben wir ein tolles Team, das sich im Homeoffice fast 24 h rund um die Uhr um alles kümmert, und für mich als Hauptverantwortliche bedeutet es ebenso, immer ansprechbar zu sein.

Meine zweite große Aufgabe war und ist es, für unser Mensapersonal neue Arbeitspläne zu erstellen, damit wir die Angestellten vorerst sinnvoll weiterbeschäftigen konnten. Gute Lösungen durchdenken braucht seine Zeit.

Ansonsten kann ich nur unterstreichen, was meine Kollegin ausführt. Den Kontakt zu den Schülerinnen halten, Arbeitsmaterial für zu Hause erstellen usw., das alles braucht viel mehr Zeit als sonst.

BLICK aktuell: 4. Wie ist Ihr Empfinden und wie sind Ihre Erfahrungen? Kommen die Schülerinnen und Schüler mit dem Homeschooling klar? Haben sich Leistungen verändert? (von beiden gemeinsam beantwortet)

Schönstätter Marienschule: Die meisten Schülerinnen kommen mittlerweile gut zurecht. Bei einigen bedurfte es ein paar Tage, sich auf die neue Situation einzustellen. Die Rückmeldungen sind überwiegend positiv. An dieser Stelle ein großes Lob an alle Schülerinnen für ihre Flexibilität und Kreativität und die tollen Ergebnisse, die viele an die Lehrer übermittelt haben. Ein großes Lob gilt aber auch unserer Elternschaft – die wirklich einen guten „Job“ machen und uns Lehrern eine große Stütze bei der Vermittlung der Unterrichtsinhalte am heimischen Schreibtisch sind.

Allgemein ist es so, dass gute Schülerinnen besser mit dem Homeschooling klar kommen als schwächere. Die Oberstufe bzw. die älteren Schülerinnen der Mittelstufe besser als die Schülerinnen der Unterstufe. Die Möglichkeit, schnell und auf direktem Weg über u. a. Cocuun mit dem betreffenden Lehrer zu kommunizieren, erleichtert es allerdings, Unklarheiten aus der Welt zu schaffen.

Die Leistungen sind teilweise anders, aber nicht schlechter – andere Unterrichtswege bringen auch andere Ergebnisse und neue Chancen.

BLICK aktuell: 5. Könnten Sie sich vorstellen, dass Home-Schooling zu einem festen Bestandteil wird im regulären „normalen“ Schulalltag? (von beiden beantwortet)

Schönstätter Marienschule: Unterstützend, wenn auch in geringerem Umfang auf jeden Fall. Naturgemäß fehlt einfach der direkte Austausch, der grundsätzlich dazu gehört – Gestik und Mimik spielen auch im Unterricht eine große Rolle, diese können allenfalls bei Video-Remote-Meetings mit den Schülerinnen wahrgenommen werden. Ein Lehrer ist ja nicht nur für die Vermittlung des Unterrichtsinhaltes zuständig, sondern auch eine Vertrauensperson, ein Zuhörer, Ratgeber, Erzieher und vieles mehr. Die Schülerinnen brauchen den direkten Dialog mit ihren Mitschülerinnen, dies belegen viele Äußerungen von Schülerinnen uns gegenüber – es fehlt ihnen der tägliche Austausch mit den Mitschülerinnen, der Zusammenhalt in der Klasse.

Gerade für die Unter – und Mittelstufe ist der täglich stattfindende direkte Austausch mit dem Lehrer im Klassenraum essenziell. Für die Oberstufe, die an das eigenständige Lernen gewöhnt werden soll, wäre eine geringerer Prozentsatz an Aufgaben im Homeschooling für bestimmte Bereich des Schulalltages sicherlich denkbar.

BLICK aktuell: 6. Wie bereiten Sie sich auf die Schulöffnung vor?

Schönstätter Marienschule: Wir versuchen die Bestimmungen des Ministeriums an unserer Schule vorzubereiten bzw. umzusetzen. Diese sind zwingend notwendig, um das Risiko einer Erkrankung in der Schüler-/Lehrerschaft so gering wie möglich zu halten. Aber sie sind natürlich zeitaufwendig und (ohne eine Vorlaufzeit,) in der Kürze der Zeit, bevor die Schule wieder geöffnet wird, nur schwer umsetzbar.

Es überwiegt aber v.a. die Vorfreude, unsere Mädchen endlich wiederzusehen und das Schulgebäude zumindest in Teilen wieder mit Leben zu füllen. SPS

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