Aus „Remagener Verse und Geschichten“
„Kugel und Stern“ - eine Fabel
Hochmütig - wie es schien - musterte die gleißende Christbaumkugel von ihrem - wohl gerechterweise - hervorragenden Platz aus die übrige „Baum-Schmuck-Gesellschaft“, die sich inmitten der Weihnachtstanne so unpassend fröhlich gebärdete und sie selbst mit all ihrem Glanze bisher noch nicht einmal wahrzunehmen schien - als gehöre sie nicht dazu. Dabei blendete sie wohl den Menschen, der sie am prächtigsten Ast des Christbaumes ins rechte Licht rückte, während äußerlich vielleicht etwas unscheinbarere Anhängsel mit einem Platz an den inneren oder rückwärtigen Zweigen vorlieb nehmen mussten. Es war also wie so oft im menschlichen Leben. Und die distinguierte Kugel reckte und drehte sich und glitzerte über die Maßen in all ihrer Eitelkeit - bis die Kerzen des Baumes erloschen - und sie war - ohne fremdes Licht - wie die anderen, doch hatte sich ihr vordergründigster Wunsch erfüllt. Da war es wie ein Wispern, als riefe eine leise Stimme nach ihr, die aus dem Inneren des geschmückten Baumes zu kommen schien, wo die gewöhnlichen Stücke ihren wohl geringeren Auftrag zu erfüllen hatten - und da sah sie ihn: einen alten Schweifstern, ein wenig silbrig-blass, sicher sehr bejahrt und gar zehn Weihnachtszeiten älter als sie.
Dies war nun kein angemessener Umgang für die ob ihres Stolzes doch recht einsame Christbaumkugel, die doch so gerne ihr eigenes Loblied gesungen hörte - doch er war wohl der Einzige, der es wagte, sich - wenn auch recht unziemlich - bemerkbar zu machen - wenn er doch bloß nicht so blass bliebe ... Sie selbst versuchte - doch in der Dunkelheit vergebens - ihn mit allem äußeren Blendwerk anzublitzen, doch er blieb unbeeindruckt - und Hochmut kommt vor dem Fall! „Warum“, so fragte der weise Stern, „warum um des kleinen Christ in der Krippe Willen - gebärdest Du Dich so eitel und verbirgst Dein hohles, leeres Innerstes, das in Düsternis liegt? Du blendest mit Deiner Schale, die doch rein gar nichts aushält, so zerbrechlich sie ist. Warum nur gehabst Du Dich so? Da lobe ich mir den Menschen, der mich vor Zeiten mit einem handfesten Körper aus stabiler Pappe geschaffen - und doch ist mein Schöpfer Deinem Glanze erlegen. Verschwendest Du keine Gedanken an Deine Namensvettern, die missratenen Angehörigen Deiner Sippe? An Deine Artgenossen, die töten und morden überall in dieser Welt?“
Die Kugel schwieg betroffen, denn ihre brutalen Geschwister hatte sie längst aus den Augen verloren. Sie lauschte in ihr Innerstes - doch es kam keine Antwort. Beschämt wollte sie sich an einen unauffälligeren Christbaumplatz zurückziehen, doch Menschenhände hatten ihr nach eigenem Willen die Schokoladenseite zugewiesen - und es gab kein Entrinnen, denn sie war gebunden. Es blieb die glänzende Fassade, die nun schon erste Trübungen aufzuweisen schien - doch, wie sah‘s da drinnen aus? Wer selbst bemerkt und erkennt schon seine eigene Leere?
Aufmerksam - ja bestürzt - hatte der Christbaum zugehört. Da schüttelte es ihn ob der erfahrenen Unbill, die Kugel stürzte und zerbarst in tausend kleine Splitter - in denen sich doch immer noch der alte Pappstern ein wenig spiegelte - und verlorene Tannennadeln deckten die zerplatzte Eitelkeit zu. So erwachte die Christbaumkugel aus tiefem Traum - aus einem Albtraum, wie es schien. Fortan, so gelobte die Geläuterte, würde sie niemandem mehr nach seiner Fassade beurteilen, da doch alle Wesen im Innersten zum Guten geschaffen sein - müssten ...
Und so sollte auch für uns alle gelten: „Dä Minsch ansech es jood!“
Willi Ockenfels
Die Original-Olivenholzkrippe eines israelischen Schnitzers, direkt in Bethlehem, dem Christ-Geburtsort, erworben, ist wohl ein Symbol des Friedens, doch konnte man selbst zeitlich nur knapp einem christfeindlichen Anschlag unversehrt entkommen. So mag die nachfolgende Fabel trotz aller äußerlichen Differenzen „Kugel und Stern“ versöhnen ...Foto: privat
