Absolventinnenausstellung des Instituts für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz
„Kunst braucht Zeit und Lebendigkeit“
Interkulturalität prägt die Ausstellung „Umgangsformen“
Montabaur. „Umgangsformen“ – unter diesem Titel präsentiert das Institut für Künstlerische Keramik und Glas der Hochschule Koblenz Werke ihrer vier Absolventinnen Marian Aazer, Maryam Aghaalikhani, Elly Ediger und Wei Chen im Kunst-, Kultur- und Naturzentrum B-05, Im Stadtwald 2. Am Freitag, 12. Juli zwischen 17 und 19 Uhr, Samstag, 13. Juli zwischen 14 und 19 Uhr und am Sonntag, 14. Juli, zwischen 11 und 19 Uhr steht die Ausstellung allen Interessierten offen. Die Zufahrt zum B-05 ist zur Zeit nur von Horressen aus möglich, die Abfahrt B49 Horressen ist gesperrt.
Der Leiter des Instituts, Professor Jens Gussek, stellte zunächst die Arbeiten der Iranerin Marym Aghaalikhani (Bunker 5) vor. Sie stellten einen vielschichtigen Kommentar zur Situation ihres Landes dar, aus der Ferne. Als Bildmotiv wählt sie die iranische Währung. Geldscheine seien der Papier gewordene Ausdruck des Wertes einer Währung, und eben auch der ganz haptische Beleg für den Wertverlust im Falle der iranischen Währung. Diesen Wertverlust übertrage Aghaalikhani in die ausgeblichenen und ausgewaschenen Leinwände. „Da ist etwas, was verschwindet, undeutlich wird. Der Wertverlust ist nicht nur der schmerzhafte Verlust von Kaufkraft, er geht einher mit dem Verlust der Würde, des Stolzes, der Kultur. Es schwindet auch die Hoffnung auf ein besseres Leben im Allgemeinen. Es ist ein trauriger Prozess, in dem sich Resignation breitmacht.“ Parallel dazu seien die Motive auch zum Teil Porträts.
Selbstreflexion und Heimat
Selbstreflexion ist das große Thema bei der Ägypterin Marian Aazer (Bunker 6 und 7). „Sie sieht die Beschäftigung mit sich selbst nicht als narzisstische Handlung, nicht als Erfahrungsbericht einer Fremden in einem fremden Land, nicht als feministisches oder politisches Projekt, sondern als essenziellen Prozess des Künstlers an sich, der sich und die Welt befragt, um in Bilder übersetzte Anregungen zu formulieren, die als Fragestellungen universellen Charakter besitzen.“ Aazer berichte vom Anderssein in der Gruppe, von der Einsamkeit in der Gemeinschaft, von dem Blick des Einzelnen auf gesellschaftliche Gruppierungen und zurück. „Selbstreflexion ist aber eben oft auch das Fragenstellen und Sich-Infrage-Stellen, um das Leben-Wollen und manchmal auch das Leben-Müssen.“ Die Bedeutung einer Sammlung von Wörtern und Sätzen verdeutliche sich durch die Form eines Buches, löse sich aber gleichzeitig in ihrer transparenten Ausformung wieder teilweise auf. In ihrer Abfolge erzeugten die Wörter und Sätze eher einen poetischen Klang als eine Handlungsanweisung. „Sie jongliert hier spielerisch zwischen Banalität und der ihr oft innewohnenden philosophischen Substanz und deren Relevanz. Das Buch an sich ist nicht als Taschenbuch gedacht, sondern als plastisches Werk“, charakterisierte Professor Gussek. In einer anderen Arbeit (im Bunker 6) formuliere Aazer ihre Gedanken über den Begriff „Heimat“. Dabei versteht sie sich nicht als Heimatlose in einem Land fern der Heimat. Sie betrachtet sich eher als Bürgerin der ganzen Welt, die „Heimat“ in sich trage, und für die das große H der Bushaltestelle genauso „Home“ bedeute und auch „Zuhause“ sein könnte. „Da, wo sie ihre Schuhe auszieht. Sie bezieht sich weniger auf den Schmerz der Fremden, und eher auf die Freiheit der Sich-Bewegenden. Die, die reisen kann – gedanklich und tatsächlich.“
Händisches
Lehrbeauftragter Thomas Kohl begann seine Worte mit der Würdigung des „Charmes und des Zaubers“ der Interkulturalität, die das Institut präge. Diese lasse sich bereits durch die sehr assoziativen Namen der Künstlerinnen ablesen. Elly Ediger verbreite mit einer kohlezeichnenden Beschreibung („a dream deferred again“, Bunker 6) „mit einer ganz offensichtlichen Unsicherheit Gewissheit“. „Sie zeigt Bilder, die in ihrer Endgültigkeit uns versuchen, festzulegen. Gleichzeitig entzieht sie sich dem wieder.“ In dieser Spannung stünden laut Kohl Künstler allgemein. „Wir glauben, den Zugriff auf eine Wirklichkeit zu haben. Gleichzeitig entzieht sie sich wieder. Manifest, unveränderlich – wir haben uns festgelegt.“ Elly Ediger habe sich festgelegt. „Die Bilder sind fertig. Und schon sind sie wieder weg.“ Diese „Mischung aus Ephemeren und Konkreten“ ist in dem hellen Raum, in dem Raum der Kohlezeichnungen (Bunker 6), abgebildet. Das Zweite, was das Institut, und so auch die beiden von ihm besprochenen Künstlerinnen auszeichne, sei das Händische. „Es gibt kaum eine Hochschulausbildung, die so handwerklich geprägt ist. .Die Hand, das Erfassen im besten Sinne des Wortes, spielt dabei eine Rolle.“
Atmosphäre und Assoziationen
Wei Chen mache das gleiche Angebot, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise. Sie liefere einen noch dunkleren Raum. „All die Assoziationen, die wir mit Dunkelheit verbinden, sind elementare Bestandteile dieser Arbeit. Und trotzdem ist dieser Raum fragil und poetisch. Der Raum ist leise und still, und kommt dann gleich langsam. Und dann hat er es in sich“, weckte Kohl die Neugierde und Aufmerksamkeit der Vernissage-Besucher. Für die Erschließung der Kunst plädierte Kohl im Gespräch mit BLICK aktuell, das Atmosphärische und die Assoziationen auf sich wirken zu lassen. Dazu brauche es vor allem Zeit und vor allem Lebendigkeit. „Es nützt nichts, wenn man devot vor den Arbeiten steht und wartet, dass etwas passiert, sondern man muss ein bisschen was investieren. Man muss ein bisschen drumherumgehen, man muss auch skeptisch sein oder zornig, oder es darf eine Sympathie von den Arbeiten ausgehen, oder auch ein Ekel.“ Wer seine Assoziationen und seine Gefühlswelt aktiviere, erfahre eine Stimulanz. „Die verwirrt vielleicht manchmal auch. Aber das ist die eigentliche Qualität der Arbeiten – die nichtsprachliche Atmosphäre, die sie hinterlassen.“
„A dream deferred again“ von Elly Ediger.
„The Tube“ von Marian Aazer.
