Bürgerverein Meckenheim: Dr. Richmann referiert zu Strom- und Gasmärkten
Licht im Dschungel der Strom- und Gaspreisbildung in Europa
Meckenheim. In einer Veranstaltung des Bürgervereins Meckenheim referierte Diplom-Volkswirt Dr. Alfred Richmann - langjährige Führungskraft bei ESSO und der DIHK sowie Geschäftsführer des Verbandes industrieller Gaskunden - über die Funktionsweise der Strom- und Gasmärkte in Deutschland und Europa.
Etwa 50 Teilnehmer erweiterten mit ihren vielen Fragen die Veranstaltung zu einem kleinen Kolloquium, das in der Tat eine „Schneise des Verstehens“ in den Dschungel einer Thematik entstehen ließ, die uns in Zeiten extremer Preissteigerungen derzeit alle bewegt.
Der zuerst behandelte Themenkreis Erdgas ist durch umfangreiche Infrastrukturen an Speichern und Pipelines sowie neuerdings LNG-Netzen gekennzeichnet. Die Versorgung Europas ist dennoch viel zu wenig diversifiziert und hängt nur an drei großen Versorgern: Russland, Norwegen und den Niederlanden. Die Gas-Abhängigkeit Deutschlands war bisher mit gut 55% allein von Russland besonders eklatant. Der komplette Ausfall russischen Gases treibt daher die Gaspreise in bisher unbekannte Höhen. Dieses Phänomen tritt derzeit auf den Termin- und Spot-Märkten der europäischen Gas- (und Strom-) Börsen prägnant zutage. Eine Analyse der Mechanismen der Preisbildung und die Funktionalität der Börsen rundete zusammen mit einer Bewertung der von der Bundesregierung angestrebten Gaspreis-Bremse den ersten Vortragsteil ab.
Auf dem Strom-Sektor zeigt sich besonders deutlich, wie die wachsende Nachfrage das Angebot bestimmt (und nicht umgekehrt). Die sekundengenaue Bereitstellung des Stroms ist zwingende Voraussetzung, um Zusammenbrüche oder auch nur zeitlich begrenzte Ausfälle der Stromnetze zu verhindern. Mit Erstaunen wurde hierbei von den Zuhörern aufgenommen, dass diese Anforderungen an die Strombereitstellung für Industrie und Privathaushalte bei einer Soll-Netzfrequenz von 50 Hz nur geringste Schwankungen im Bereich von Hundertstelsekunden erlaubt. Diese beiden grundlegenden Anforderungen an die internationale Stromwirtschaft werden sehr häufig ignoriert, unterschätzt und manchmal sogar unter den Teppich gekehrt. Aus Höhe und Struktur der Nachfrage ergibt sich automatisch die Angebotskurve (die „Merit Order“) mit einer bestimmten Reihenfolge der eingesetzten Energieträger nach Höhe ihrer Erzeugungskosten. Hierbei entstehen für die Energieträger mit den niedrigsten Erzeugungskosten bereits im Normalfall die sog. „Windfall Profits“. Der Wegfall der vergleichsweise sehr preiswerten russischen Gas-Exporte nach Deutschland und andere Länder der EU lässt dabei die Strompreise extrem in die Höhe schnellen.
Angesichts des aus Klimagründen zwingend erforderlichen Ausbaus erneuerbarer Energien, wurden auch deren technischen Grenzen u.a. infolge schwankender Einspeiseprofile und geringer Jahres-Volllaststunden als Ersatz der fossilen Energieträger ausgelotet und die Auswirkungen auf die Strompreise in der Zukunft beleuchtet.
Fazit: Ohne umfangreiche „Libero“-Kraftwerke, die kurzfristig entstehende Bedarfslücken zu schließen vermögen, dies insbesondere aus Erdgas oder LNG, wird eine sichere und vertretbar preiswerte Stromversorgung zukünftig nicht zu erhalten sein.
In einer Veranstaltung des Bürgervereins Meckenheim referierte Diplom-Volkswirt Dr. Alfred Richmann - langjährige Führungskraft bei ESSO und der DIHK sowie Geschäftsführer des Verbandes industrieller Gaskunden - über die Funktionsweise der Strom- und Gasmärkte in Deutschland und Europa. Foto: privat
