Allgemeine Berichte | 08.07.2016, 08:35 Uhr

Kulturprogramm „Sommer für die Sinne“ in Sinzig

Malerei und Keramik beleben das Johanniter-Haus

Kunst von Kunst Erika Hömmerich und Leo Schlagwein kommt gut zur Geltung im Wohnumfeld der Senioren

Struktur-Gemälde von Leo Schlagwein mit Blick in den „grünen Salon“. HG
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Sinzig. Nanu – Lichtbilder, die Bewohner abbilden, an den Wänden, ebenfalls große Gemälde und draußen ungewohnte keramische Gefäße? Es hat sich einiges verändert im Johanniter-Haus in Sinzig, das einige Menschen, wie früher, immer noch Franziskushaus nennen. Denn als Bewohner, Mitarbeiter und Gäste des Hauses jüngst bei trockener, sonniger Witterung ihr Sommerfest feierten, war dies zugleich der Start für eine besondere Premiere. Zum ersten Mal richtet das Seniorenheim ein Kulturprogramm im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz aus. Es trägt den schönen Namen „Sommer für die Sinne“ und kommt damit dem Motto des gesamten Landes-Kultursommerprogramms „Der Sommer unseres Vergnügens“ sehr nahe. Das Sinziger Konzept stammt von der Qualitätsmanagementbeauftragten Esther Zimmermann, die das Programm auch organisiert. Es fand wohl vor allem deshalb den Beifall des Auswahlgremiums beim Landeskultursommer, weil es darauf abzielt, „die Teilhabe am Gesellschaftsleben ermöglichen und die Generationen verbinden“. Mangels eigener Mobilität kommt es den Senioren im Wortsinne entgegen, wenn abwechslungsreiche Veranstaltungen im Johanniterhaus stattfinden und auch Besucher anziehen, die nicht im Haus wohnen. Bis weit in den September hinein werden Lesungen, Kabarett, Aktionen und Ausstellungen dorthin locken.

Neue Optik im Haus

Beim Sommerfest wurden bereits die Ausstellungen eröffnet. In den offenen Wohnheimbereichen hängen vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotos der Hausbewohner. Angenehm ist der geschlossene Eindruck, den die quadratischen Einheitsformate vermitteln. Und die Personen? Die Kamera hat sie in früheren Jahren bei frohen Treffen eingefangen, im Badeanzug im Strandkorb, mit dem Motorrad im Freien, bei einer improvisierten Floßfahrt oder beim Ausflug mit dem Reisebus. Farbige und viel größere Formate sind ebenfalls eingezogen: Der Maler Leo Schlagwein aus Westum stellt seine Gemälde und eine Reihe Papierarbeiten aus. Aber der Künstler, der 1947 in Sinzig zur Welt kam und seit 1978 freischaffend tätig ist, hat verschiedene Standbeine. So führte er in den vergangenen zehn bis 15 Jahren vor allem Aufträge zur Ausgestaltung von Schiffen aus, wie der der MS Artistry, der MS Poetry oder der MS Astor aus den „Traumschiff“-Folgen.

Seine freien Bildarbeiten, für die das Relief kennzeichnend ist, waren immer wieder in der Region, unter anderem aber auch in Düsseldorf, Kassel, Hamburg, Berlin, München, Basel und Genf zu sehen. Im Johanniterhaus stoßen sie durchaus auf Interesse. Lisa Heine, seit 20 Jahren im Haus beschäftigt und für Telefondienst und Pforte zuständig, schwärmt für „die Farbzusammenstellung und die Stimmung!“ Sie ist so angetan, dass sie zwei der rund 30 ausgestellten Werke erworben hat. Nachdem Schlagwein sich zum Technischen Zeichner ausbilden ließ und elf Jahre als Designer, Modelleur und Formenbauer arbeitete, fußt sein malerisches Werk auf einem starken handwerklichen Fundament. „Von Anfang an“ hat er eine Vorstellung vom Bild, die er in Zeichnungen konkretisiert, bevor er sich an den Bildaufbau in der Werkstatt macht. Denn das Malen selbst bildet bei seinen Bildern nur den Abschluss des Arbeitsprozesses. Schlagwein sägt für das Relief Sperrholzplatten in genau bemessener Stärke, Länge, Breite, schleift sie und fügt sie ins Bildformat ein, wobei sich seine Bildidee immer ein Stück weit von der Zeichnung weg entwickelt. Neben Holz setzt er auch Wellpappe, Stoff und mit strukturgebenden Materialien versetzte Farbe ein.

Malerei als Naturereignis

So entstehen abstrakte, von geometrischen Formen und vielfach Kreisen sowie Kreissegmenten bestimmte Bilder, die den Blick auf sich ziehen. Zwei stilisierte Frauen bleiben die figürlichen Ausnahmen. Die Farbharmonie der „Zeitzeugin“ auf dem Flur von Braun und Schwarz, Blau und Beige aber findet sich in einem Hochformat in der Cafeteria wieder, das ins Weltall zu entführen scheint. Gelb- und Blautöne kommen ebenfalls häufig vor. Zuweilen sieht man sich vor einer geträumten Landschaft, glaubt Sonne, Wellen, Pyramiden auszumachen. Weite und Zeiträume werden spürbar. Der Kreis scheint manches Mal, wie eine Uhr, die Zeit zu messen. Am liebsten sind Schlagwein indes solche Betrachter, „die meine Arbeiten ganz unbefangen wahrnehmen.“ Im Begleittext zur Ausstellung schreibt er dann auch über sich: „Auf mich wirkt Malerei dann am stärksten, wenn sie mit der absichtslosen Selbstverständlichkeit eines Naturereignisses auftritt und mir einen Erkenntnisgewinn über den Antrieb des Staunens und der sinnlichen Erfahrung vermittelt.“ Das passt zum „Sommer der Sinne“.

Originell und winterfest

Sinnlich ansprechend sind gleichfalls die von Erika Hömmerich aus Bad Breisig vorgestellten winterfesten Keramikskulpturen aus spanischem Ton. Im Außenbereich verteilt, lassen sie sich im Hof und an verschiedenen Stellen des lauschigen Parks entdecken. Es macht Freude die originellen Kreationen zu bestaunen. Zwischen Haus und Park stößt man auf eine speerförmige, mittig unterbrochene Stele. Dort sind auch zwei unglaubliche halbkugelige Wesen zu entdecken, die auf vielen zapfenartigen Beinen daherkommen und runde Auswüchse zeigen. Außerirdische oder Tiefseetiere? Jedenfalls heißt eines „Krabbler“, während das zweite mit der Bezeichnung „Gefäß“ vorliebnehmen muss, da es sich noch oben öffnet. Das tut auch ein „Vulkan“ genanntes erdfarbenes Duo am Parkeingang. Die eine Schale weist Binnenwände auf, wohingegen aus der anderen wundersame Röhren wachsen. Im Park schließlich, eingebettet ins Grüne, verleiten lustige Vogelhäuser mit Köpfen zum Schmunzeln.

Erika Hömmerich machte eine Ausbildung als Schauwerbegestalterin und arbeitete zehn Jahre in der Floristik. „Daher habe ich auch ein Gefühl dafür, wie Keramik und Pflanzen kombiniert werden können“, sagt sie. Für sie war es eine reizvolle Herausforderung, das Material Ton zu nutzen, um unverwechselbare eigene Pflanzgefäße zu gestalten. Erfahrungen, die sie in Eigenregie machte, erweiterte sie um Kenntnisse und Fertigkeiten durch einige Jahre Mitarbeit im Königsfelder Töpferhaus und den Besuch der Keramikfachschule in Höhr-Grenzhausen. Wer ihre verschieden strukturierten und farbigen Pflanzgefäße anschaut, kann, insbesondere was die fantasievollen Schalen im Patchwork-Design angeht, zu dem Schluss kommen, dass sie zu schade sind, um irgendetwas zu dienen. Andererseits machen diese Objekte auch gemeinsam mit den Steingartenpflanzen viel her. Jeder kann sich selbst ein Bild davon machen. Dazu lädt der Kultursommer im Johanniter-Haus herzlich ein.

HG

Märchenhafte Vogelhäuser aus Keramik.

Märchenhafte Vogelhäuser aus Keramik. Foto: unknown

Struktur-Gemälde von Leo Schlagwein mit Blick in den „grünen Salon“. Fotos: HG Foto: unknown

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