Allgemeine Berichte | 30.01.2019, 14:32 Uhr

27 Rheinbacher Bürger jüdischen Glaubens wurden hier ermordet

Malyj Trostenez, Tötungsort für viele Juden aus Bonn und Umgebung

Astrid Mehmel spricht bei der Ausstellungseröffnung zu den zahlreichen Zuhörern.Fotos: Pertz
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Rheinbach. Der Verein Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum Bonn zeigt zur Zeit im Rheinbacher Rathausfoyer eine eindrucksvolle Ausstellung „Vernichtungsort Malyj Trostenez – Geschichte und Erinnerung in Bonn“.

Auf zehn Roll-ups wird erklärt, was in Malyj Trostenez geschah, die damalige Situation in Bonn vorgestellt und an Bonner Familien erinnert, die dort ermordet wurden. Ergänzt wird die Ausstellung durch Informationen zu den Rheinbacher Juden, die in Malyj Trostenez umgekommen sind. Für die Juden aus Bonn und Umgebung hatte Malyj Trostenez eine besondere Bedeutung. Seit 1941 wurden die jüdischen Bürger der Region in ihren Wohnhäusern verhaftet und in das Sammellager Endenich, einem ehemaligen Kloster untergebracht. Über zweihundert von ihnen deportierte man im Juli 1942 mit dem Zug über Köln nach Minsk und kurz darauf in das nahe Malyj Trostenez. Hier wurden sie entweder erschossen oder durch Vergasen umgebracht.

Die Ausstellung stellt in Kurzbiographien sechs Bonner Familien vor, aus deren Mitte Väter, Mütter oder Kinder in Malyj Trostenez umgekommen sind. Zum Beispiel wird das Ehepaar Max und Edith Herz aus Beuel mit ihrer Tochter Ruth genannt. Während Sohn Rafael zusammen mit Verwandten noch nach Palästina fliehen konnten, wurden die drei anderen Familienmitglieder am 1. August 1941 in Endenich interniert. Fast ein Jahr später, einen Tag vor ihrer Deportation nach Malyj Trostenez schrieb die 17-jährige Ruth einen Abschiedsbrief an ihren Onkel. Sie war sich der der misslichen Lage, in der sich ihre Familie und die anderen Juden befanden, sehr bewusst.

Dennoch macht dieser Brief deutlich, dass diese junge Frau immer noch Hoffnung auf ein besseres Leben hatte: „…Es ist ein Glück, dass wir alle drei noch jung sind und uns vor keiner Arbeit scheuen. Auch werden wir uns in jeder Lebenslage zurechtfinden… Es ist eine harte Schule durch die ich gehen muss, meine schönsten Jugendjahre gehen dahin, aber ich hoffe, es wird mir einmal doch noch zu Gute kommen.“ Sechs Tage nach dem Versand dieses Briefes waren Max, Edith und Ruth Herz tot. Man hatte sie in Malyj Trostenez ermordet.

Aus Rheinbach waren in Endenich 32 Juden interniert. 27 von ihnen mussten am 18. Juli 1942 ihre Koffer und Rucksäcke packen und wurden nach Köln gebracht, wie Rheinbachs Stadtarchivar bei der Ausstellungseröffnung berichtet. Mit über 1.100 anderen Juden aus Köln, Bonn und Umgebung wurden sie dann von Köln-Deutz aus im „Transportzug Da 219“ nach Minsk und kurz darauf zum Tötungsort Malyj Trostenez gebracht. Kein Rheinbacher Jude überlebte die Deportation. Unter den Opfern war auch das Ehepaar Benedikt und Johanna Schweitzer.

Es lebte zuletzt unter der Adresse Unterdorf 54 in Wormersdorf. Benedikt, Mitglied im Turnverein, war mit 66 Jahren der älteste Rheinbacher Jude, der in Malyj Trostenez umgebracht wurde. Von der Familie Marx aus der Langgasse kamen dort nicht nur das Ehepaar Josef und Ida Marx zu Tode, sondern auch deren Kinder Ruth, Edith und Günther. Günther war gerade einmal 10 Jahre alt. Andere Rheinbacher Familien, die unter den Opfern in Malyj Trostinez Angehörige hatten, waren die Familien Geisel, Sommer, Schwarz, Salm, Wolf, Eis, Weber und Rolef.

Bei der Eröffnung der Ausstellung betonte Bürgermeister Stefan Raetz, dass es auch 77 Jahre nach den Deportationen zur Vernichtungsstätte Malyj Trostenez immer noch wichtig sei, an diese schrecklichen Ereignisse zu erinnern. „Wir sind aufgerufen, wachsam zu sein, damit so etwas nicht mehr geschieht“, appellierte Raetz an die Zuhörer.

Anschließend erläuterte Astrid Mehmel, Leitern der Gedenkstätte Bonn und Kuratorin der Ausstellung, dass in Malyj Trostenez rund 40 – 60.000 Menschen, zumeist Juden, ermordet wurden. Dennoch ist vielen dieser Vernichtungsort unbekannt. Erst als in den 1960 er Jahren Georg Heuser, der in den 1940er Jahren als Abteilungsleiter beim Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Minsk arbeitete, in Koblenz vor Gericht gestellt wurde, änderte sich dies. Heuser, der nach dem Krieg Karriere machte und es bis zum Leiter des Verfassungsschutzes in Rheinland Pfalz brachte, wurde 1963 schuldig gesprochen, in Minsk/Malyj Trostenez an der planmäßigen Ermordung von 11.103 Menschen beteiligt gewesen zu sein.

Die Ausstellung ist bis zum 15. Februar im Rathausfoyer zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen. Am Dienstag, 12. Februar, steht die Kuratorin der Ausstellung, Astrid Mehmel, zur Verfügung, um Interessierten das Gezeigte zu erläutern. Die zwei Führungen beginnen um 15 und 17.30 Uhr.

Eine telefonische Anmeldung im Stadtarchiv Rheinbach Tel.: (0 22 26) 91 75 50 ist erforderlich. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs sind in der übrigen Zeit gerne bereit, Schulklassen oder anderen Gruppen ebenfalls vor Ort nähere Informationen zur Ausstellung zu geben. Auch hier ist eine vorherige Anmeldung beim Stadtarchiv notwendig.

Auch die Wormersdorfer Benedikt und Johanna Schweitzer wurden in Malyj Trostenez ermordet.

Auch die Wormersdorfer Benedikt und Johanna Schweitzer wurden in Malyj Trostenez ermordet. Foto: Picasa

Astrid Mehmel spricht bei der Ausstellungseröffnung zu den zahlreichen Zuhörern.Fotos: Pertz

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