Allgemeine Berichte | 18.12.2018

Buchvorstellung der Stiftung Joseph Breitbach: Der Briefwechsel zwischen Joseph Breitbach und Jean Schlumberger

„Man hätte es von allen Dächern rufen sollen“

Koblenz. Wenige Wochen nach der jährlichen Verleihung des Joseph-Breitbach-Preises im Theater der Stadt Koblenz an den Schriftsteller Arno Geiger präsentierte die Koblenzer Buchhandlung Reuffel in Zusammenarbeit mit der Stiftung Joseph Breitbach und dem Theater Koblenz jetzt die Veranstaltung „Joseph Breitbach und Jean Schlumberger: Der Briefwechsel“. Grundlage war das 640 Seiten starke, in diesem Jahr im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschienene Buch mit dem aus einem Breitbach-Zitat entwickelten Titel „Man hätte es von allen Dächern rufen sollen“. Die Herausgeber Alexandra Plettenberg und Wolfgang Mettmann veröffentlichen damit, chronologisch geordnet, den noch erhaltenen Briefwechsel zwischen dem deutsch-französischen Schriftsteller und Publizisten Joseph Breitbach (1903-1980) und seinem Freund, dem Journalisten und Schriftsteller Jean Schlumberger (1877-1968). Den zum Teil gekürzten Briefen aus den Jahren 1940 bis 1968 fügten sie Abbildungen von Personen und Original-Briefen hinzu. Zum besseren Verständnis der Hintergründe verfassten sie zudem eine Fülle von erklärenden Fußnoten und stellten dem ersten Brief eines jeden Jahres Erläuterungen zur allgemeinen politischen Lage und zur Lebenssituation der Protagonisten voran. Die Korrespondenz wird als „ein einzigartiges Zeugnis einer Grenzen überschreitenden Freundschaft in der Kriegs- und Nachkriegszeit“ sowie als ein „Spiegelbild der bewegten deutsch-französischen Geschichte“ gelobt.

Die Moderation des der Buchvorstellung gewidmeten Abends übernahm Markus Dietze, Intendant des Theaters Koblenz. In einem kurzen Interview mit den Herausgebern verriet Alexandra Plettenberg, Historikerin und Germanistin, die in Breitbachs letzten drei Lebensjahren als enge Freundin in seinem Haus verkehrte, dass die Übersetzung vom Französischen ins Deutsche bei den über fünf Jahre andauernden Arbeiten an dem Buch die größte Herausforderung gewesen sei. Trotz ihrer Tätigkeit als freie Übersetzerin sei es schwierig gewesen, die unterschiedlichen Ausdrücke und Bedeutungen von Wörtern ins Deutsche zu übertragen. Sie mussten sich bemühen, die Texte „von innen her“ zu verstehen. Wolfgang Mettmann, der ab 1970 zehn Jahre lang für Joseph Breitbach arbeitete und seinen literarischen Nachlass verwaltet, fügte hinzu, Breitbach habe zum Teil ein ganz eigenes Französisch kreiert, dessen Vokabular in keinem Lexikon zu finden sei. Beider Motiv, den von einer frühen erotischen Beziehung der Schriftsteller genährten Briefwechsel zu veröffentlichen, sei es gewesen, der Welt ein noch ganz unbekanntes Bild von Breitbach zu zeigen und seine oftmals falsch wiedergegebene Biografie richtigzustellen.

Joseph Breitbach stand zwischen zwei Nationen

Aus vielen Briefen gehe die innere Zerrissenheit Breitbachs deutlich hervor. „Glücklich kann sich der preisen, der keine zwei Vaterländer hat, nicht mit zwei Sprachen leben muss“, schrieb der in Ehrenbreitstein geborene Breitbach in einem seiner Briefe. Wegen seiner Erfahrungen mit beiden Ländern fühlte er sich aufgerufen, den Deutschen Frankreich zu erklären und den Franzosen Deutschland näher zu bringen, die politische Meinung beider Länder zu beeinflussen. 1931 verließ er Deutschland und zog nach Paris. Dort erhielt er über André Gide und Jean Schlumberger, die Gründer der Zeitschrift Nouvelle Revue Française, Zugang zu einflussreichen Persönlichkeiten in der französischen Regierung. 1937 gab Breitbach seinen deutschen Pass zurück, Ende 1939 meldete er sich „für die Dauer des Krieges gegen Hitler“ zur französischen Armee.

1933 wurden seine Bücher in Deutschland verboten und verbrannt. Nach der Besetzung von Paris wurde seine Wohnung von den Nazis geplündert. Manuskripte, Korrespondenzen, Tagebücher, Bilder und seine Bibliothek gingen verloren. Er selbst konnte dank guter Freunde in Frankreich untertauchen. Trotz dieser Erfahrungen engagierte er sich, genau wie Schlumberger, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges (in den Jahren 1948 bis 1951 unter dem Pseudonym Jean Charlot Saleck als Paris-Korrespondent der Zeit) beharrlich für eine Verbesserung der kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich und versuchte prägend auf die öffentliche Meinung einzuwirken. Seine Literatur, Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays sah er als Mittel, die Welt aufzuklären. Der aus einer wohlhabenden elsässischen Familie stammende, auf Ausgleich bedachte Schlumberger bildete den Kontrapunkt zum temperamentvollen Breitbach. 38 Jahre lang war er ihm ein liebender, fürsorglicher und loyaler Freund, ein ehrlicher Berater, Seelentröster, Lektor und politischer Mitstreiter.

Markus Dietze hatte für den Vortragsabend fünf, die Beziehung und das Leben der Schriftsteller beleuchtende Text-Abschnitte aus dem Briefwechsel zusammengestellt. Die zum Ensemble des Theaters gehörenden Schauspieler Jona Mues und Christof Maria Kaiser schlüpften für den Vortrag absolut glaubwürdig in die Rollen und die Gefühlslage der Brief-Verfasser. „Cher“, „Carissime“ oder „Patercule“, schnurrte Mues die von Breitbach für Schlumberger gewählte Anrede. Der nannte Breitbach „mon cher Spatz“, „bien cher Boy“ oder „liebstes Kind“. Kaum ein Brief endet ohne eine in Worte gekleidete Umarmung oder Liebeserklärung. Von Alltäglichem, wie Geldsorgen, Zahnarztbesuch oder Schlaflosigkeit schrieben sich die Freunde genau so, wie von ihrer jeweiligen Betroffenheit der politischen Entwicklungen, der Beurteilung der Situation als auch von ihren schriftstellerischen Arbeiten und dem kritischen Blick des Freundes darauf „Dein Artikel hat mich nicht begeistert“ oder „ich habe mich über den Erfolg Deiner Erzählungen gefreut“. Der Leser durchlebt mit Breitbach die Folgen des Einzuges der deutschen Wehrmacht in das bis dahin nicht besetzte Frankreich und seine Flucht. „Man muss jetzt Mut haben“, schrieb er und „ich weiß, wie viele Ängste Du um mich ausgestanden hast“.

Die Rückkehr ins Rheinland

Doch schon 1946 unternahm er erste Reisen in das Rheinland, nach Sinzig zu seiner Mutter und auch in das vom Krieg zerstörte Koblenz. Vor seiner Abreise aus Paris schrieb er an Schlumberger: „Ich reise schweren Herzens ab“, denn „es geht um Dich, um mein Werk und um meine Zukunft, die nicht aufhören, mich fortwährend zu beschäftigen... Ich verlasse Dich, entferne Dich nicht von mir.“ Welche tiefen Empfindungen Schlumberger für Breitbach hegte, der da schon seit 15 Jahren „der Mittelpunkt meines Lebens“ war, zeigt ein im Jahr 1946 als Geburtstagsgruß verfasster Brief. Die Zärtlichkeit für ihn komme aus Gefühlen, „die nicht vergänglich sind“. Über den Briefwechsel lernt der Leser einen oft kränkelnden Breitbach kennen, der viel Gereiztheit, Zorn und Verdrossenheit in sich trug („... so sehr bin ich aller Probleme überdrüssig, die mein Dasein umstellen“), während Schlumberger eher der Gemäßigte, Bedächtige und seinen Freund immer zum Schreiben „an Deinen großen Themen“ Ermutigende war. Breitbach protestierte oft gegen die vermittelnde Art Schlumbergers, sah in ihr Lauheit, einen „etwas zu bequemen Optimismus“. Er warf ihm zu geringe Spontaneität vor und einen Hang, sich in Verallgemeinerungen zu verlieren. Indem er die Arbeiten des Freundes kritisierte und kommentierte, nahm er zunehmend Einfluss auf Schlumbergers für den Figaro geschriebene Leitartikel. Der war ihm „dankbar für all Deine Verbesserungsvorschläge“. Das Gefühl der Dankbarkeit für die ihm „so wertvolle Zusammenarbeit“, für die Zuneigung, deretwegen Breitbach in der Jugend „glänzenden Angebote“ ablehnte, veranlasste Schlumberger 1950, ein Testament zu verfassen, in dem er auch Breitbach finanziell berücksichtigte. Ein Versuch, eine empfundene Schuld abzutragen. Die Schuld daran, dass sich Breitbach für ihn an ein Land band, „in dem sich alles Deinem Temperament entgegenstellte“. Im Sommer 1968 schrieb Schlumberger, der sehnlichst auf ein Lebenszeichen von seinem „Spatz“ wartete, „mein unglücklicher Körper löst sich nach allen Seiten hin auf“, bis er in seinem letzten, einem diktierten Brief an Breitbach am 17. September 1968 schrieb: „Ich hätte Dir gern adieu gesagt“. Sein „treuer Begleiter“ hatte im August des Jahres einen Herzinfarkt erlitten und konnte Schlumberger deswegen nicht mehr besuchen.

Der stürmische Applaus, den das Publikum am Ende der Veranstaltung spendete, galt spontan dem großartigen Vortrag der beiden Schauspieler. Aber er würdigte sicher auch die Leistung der Herausgeber, die mit der Zusammenstellung des Schriftwechsels ein herausragendes Buch in die Welt setzten. Ein Buch, das der 2006 bis 2013 gemeinsam herausgegebenen fünfbändigen Werkausgabe Breitbachs folgt. Schon mit ihr setzten Mettmann und Plettenberg ein literarisches Denkmal dem Mann, der mit seinen Büchern aufklären, Wahrheiten ans Licht bringen und Herzen bewegen wollte.

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