Junge Büchereibetreiberinnen holten Eckart von Hirschhausen in die Bunte Stadt am Rhein
Medizin-Kabarettist warb für das Kulturgut Lesen und das Vorlesen
Linz. Nicht die berühmten „Fünf Freunde“ von Enid Blyton, sondern vier 15-jährige Freundinnen vom Martinus-Gymnasium Linz, Annalena Dietrich, Hannah Förster, Florentina Ganijaj und Kira Marx hatten sich im Mai 2015 in das Abenteuer gestürzt, im „Blauen Salon“, des Gemeindecafés der Bunten Stadt am Rhein, Mittelstraße 2, eine Bücherei aufzumachen und diese seitdem sogar eigenverantwortlich zu leiten. Dieses Engagement hatte sich voriges Jahr „bezahlt“ gemacht. Die Jury der dm-Initiative „HelferHerzen“ verlieh den vier „Bibliothekarinnen“ den mit 1.000 Euro dotierten regionalen Preis. „Außerdem hat unsere Jugendbücherei im Rahmen des ‚dm-HelferHerzen-Preises für Engagement‘ eine Lesung mit Doktor Eckart von Hirschhausen aus seinem aktuellen Buch: ‚Wunder wirken Wunder‘ gewonnen“, erklärte Annalena am Freitagnachmittag in der Sankt Martin Kirche. Und deren Hauptschiff war bis auf den letzten Platz besetzt, wollten sich doch viele Linzer die Ausführungen des bekannten Medizin-Kabarettisten nicht entgehen lassen, sondern von ihm mit auf die Reise durch die Heilkunst genommen werden, durch das unübersichtliche Gebiet der Schul- und Alternativmedizin. Deren Streit versuche der Autor zu entkrampfen und verrate dem Leser so, wie er mit dem Besten aus beiden Welten gesünder werden könne, verspricht die Buch-Werbung.
„Ich freue mich, dass unsere jungen Bibliothekarinnen diesen Preis für ihr Engagement bekommen haben. Welcher Ort, wenn nicht eine Kirche bietet sich an, um aus einem Buch mit so einem Titel zu lesen“, begrüßte Stadtbürgermeister Hans Georg Faust als Ex-Mediziner seinen Arzt-Kollegen, den Kabarett-Kinderarzt in der ehrwürdigen Emporenbasilika. Der erinnerte daran, dass Jesus Wasser in Wein verwandeln konnte. „Aber ist es nicht mindestens so erstaunlich, dass der menschliche Körper in der Lage ist, über Nacht aus dem ganzen Wein wieder Wasser zu machen?“, sorgte Eckart von Hirschhausen für einen ersten Lacher. Er werde seine Zuhörer nicht auffordern: Stehe auf und geh, aber lass das Bett hier, versprach er, bevor er sich den Preisträgerinnen zuwandte, die auf Kira verzichten mussten, die sich noch in Thailand aufhält.
„Wir brauchten viel mehr von Eurer Sorte. Deshalb habt Ihr auch vollkommen zu Recht die Anerkennung der dm-HelferHerzen-Aktion verdient, die Euch für Euer Engagement in der Linzer Jugendbücherei im vorigen Jahr den regionalen Preis verliehen hat“ lobte der dm-Juror und Lese-Pate die drei Bücherfreundinnen, die ihre Altersgenossen, aber auch kleinere Kinder motivieren: „Shock your parents, read a book!“
Lesen gehöre als Kulturgut zur Bildung, der Gesundheit folge. „Sozial Unterprivilegierte leben in Deutschland zehn Jahre kürzer“, so der Lese-Botschafter. Kinder, denen ab frühester Jugend vorgelesen worden sei, hätten bei der Einschulung einen so großen Vorsprung, dass dieser zeitlebens nicht mehr einzuholen sei. „Deshalb zahlt sich jeder in frühkindliche Leseförderung investierte Euro 25-fach aus“, rechnete Eckart von Hirschhausen vor. Eigentlich muss man Kinder nicht neugierig machen. „Aber moderne Medien töten diesen angeborenen Trieb ab, während das Medium Buch die Neugier wachhält, ja sie sogar steigert“, erklärte er.
Bücher würden Geschichten erzählen, „eine Funktion, die in früheren Zeiten, als sich kaum jemand die überaus teuren Bücher leisten konnt oder nicht gar nicht gelernt hatte, Bilder übernommen haben, wie hier in dieser Kirche die herrliche Secco-Malerei“, so Eckhard von Hirschhausen.
Eine Frage die sich er selbst immer wieder stelle: „Warum beeinflussen Menschen so selten den Körper mit dem Geist, wenn das doch nachweislich möglich ist?“ Die Erklärung sei einfach, eben weil die Wissenschaft die Magie aus der Medizin vertrieben habe. „Aber nicht aus den Menschen“, freute ich der frühere Zauberkünstler. Das belege die „Macht des Placeboeffekts“. Und damit war Eckart von Hirschhausen endlich bei seinem neuen Buch angelangt, dem persönlichsten seiner drei Veröffentlichungen. „Immer wenn ich als Kind hingefallen bin oder mir irgendwie wehgetan habe, hat meine Mutter mich in den Arm genommen und den Schmerz weggepustet. Und ich habe ihn tatsächlich aus dem Fenster wegfliegen sehen“, berichtete er von den ersten Seiten. Dieser heilende Effekt des Pustens sei in seiner medizinischen Ausbildung nicht erwähnt worden, so Eckart von Hirschhausen, der als gelernter Zauberkünstler selber tief in die Psychologie der Täuschung eingedrungen ist. „Nehmen Sie alle, die aus der Puste sind, in den Arm und pusten Sie sie gesund“, forderte er seine Zuhörer auf. Neben Lachen sei die Zuwendung ungemein wichtig für die Heilung Kranker. „Dabei wird bei den Pflegekräften fiesesten gespart, ein gesellschaftliches Drama, das viel zu wenig beachtet wird. Wenn Piloten streiken, fallen an ein zwei Tagen Flüge aus, wenn Pflegekräfte fehlen, sind sie im Krankheitsfall oder im Alter alleine“, warnte er seine Zuhörer.
Die nahmen es dem Autor nicht übel, dass er etwa die Geschichte seines faktenresistenten Freundes Paul nicht vorlas, sondern erzählte. „Schließlich kenne ich die genau, weil ich das Buch im Gegensatz zu einigen anderen ja selber geschrieben habe“, ulkte er. Außerdem verstand es Eckart von Hirschhausen geschickt, seinen Vortrag mit Witzen zu spicken und holte zudem den beliebten Wortwitz-Akrobat Heinz Erhard in die Martinskirche mit dem Gedicht: „Das Reh springt hoch, das Reh springt weit. Warum auch nicht - es hat ja Zeit!“ Lachen war in der Basilika so oft angesagt, sodass die Zuhörer wohl um einiges gesünder nach Hause gegangen sein dürften. „Wenn sie jetzt auch noch als Lese-Paten aktiv werden, hat sich der Preis Ihrer drei jungen Bücherei-Betreiberinnen doppelt ausgezahlt. Was mich an diesem Fall besonders rührt, ist die Tatsache, dass hier sehr jungen Frauen in einem Bereich ehrenamtlich aktiv geworden sind, in dem man wohl eher Ältere erwartet hätte“, kam Eckart von Hirschhausen wieder auf das Lese-Engagement von Annalena, Florentina und Hannah zurück.
DL
