Enthüllt: Erste Stele des Erinnerungsweges
„MemoriAHR“-Projekt nimmt in Müsch Gestalt an
Einzigartiger Erinnerungsweg in Deutschland
Müsch. Herbstzeit – Erntezeit: Nicht nur in den Weinbergen ist Lese-Zeit, auch in Müsch hat die Bürgerinitiative des Projektes „MemoriAHR“ gerade einen Teil ihrer Ernte eingefahren. Denn nun steht sie: die erste Stele des „MemoriAHR“-Projekts. Dieser „Weg der Erinnerung für die Zukunft“ soll durch alle von der Flut betroffenen Orte führen und an die Fluterlebnisse, an Krisenbewältigung und die großartige Solidarität erinnern.
34 Stelen mit je vier großen Infotafeln zum Flutereignis vom 14./15. Juli 2021, Hochwasserschutz und Wiederaufbau werden an der Ahr von der Quelle bis zur Mündung positioniert. Hinzu kommen Texte und Fotos in einer virtuellen Ausstellung. Per QR-Code an der Stele gelangt man dorthin. Auf dem digitalen Landeserbeportal „Kreuz - Rad - Löwe - Kulturerbe Rheinland-Pfalz“ wird die Ausstellung ab Dezember zu sehen sein.
Ortsbürgermeister Udo Adriany begrüßte in Müsch erfreut und bewegt die Gäste zur Enthüllung Stele. Aufstellungsort ist die im Wiederaufbau entstandene, großzügige und von vielen Bäumen bestandene Spiel- und Freizeitanlage an der Ahr.
Einzig in Deutschland
Als „ein Zeichen für Miteinander und Zuversicht“ würdigte der Erste Kreisbeigeordnete Horst Gies in Vertretung von Landrätin Cornelia Weigand den Weg der Erinnerung. „Die Erinnerung und der Blick nach vorne, das ist ganz wichtig“, so Gies, der zudem auf eine Wirkung gegen Hochwasserdemenz setzt. Er sprach Annette Holzapfel und der Initiative seine Anerkennung aus. Mit „Vehemenz“, hätten sie das Projekt entwickelt: „Sonst ständen wir nicht hier“.
„MemoriAHR“ vereine ehrenamtliches Engagement, interkommunale Zusammenarbeit und landesweite Kooperation: „Damit konnte ein einzigartiger Erinnerungsweg geschaffen werden, den es in dieser Form nirgends anders in Deutschland gibt.“ In Wertschätzung dieses Engagements unterstützt der Kreis Ahrweiler das Projekt mit 10.000 Euro. Gies dankte auch Dr. Kai-Michael Sprenger, Direktor der Stiftung der Orte der deutschen Demokratiegeschichte, für seine Projektunterstützung und die Möglichkeit der virtuellen Ausstellung auf Landeserbeportal, die „von unschätzbarem Wert“ seien. Desgleichen galt sein Dank den Ortsbürgermeistern und Ortsvorstehern. „Ihr Entschluss, dieses Projekt über ihre Kommunen zu finanzieren, hat es ermöglicht, ein beispielhaftes interkommunales Vorhaben zu verwirklichen“, sagte Gies.
Guido Nisius, Bürgermeister der VG Adenau, stellte im Kontext der Stelen-Aufstellung die Tatkraft des Müscher Ortsbürgermeisters heraus: „Adriany fackelt nicht lang“. Insgesamt acht Stelen werden auf dem Gebiet der Verbandsgemeinde stehen. Mit Dank an alle Projekt-Beteiligten teile Nisius auch mit, dass die nächste Stele nach Dorsel kommen wird.
Menschen wollenErinnerungskultur
Auf die Genese des ungewöhnlichen, weil im Kern überzeugend basisdemokratischen Projektes ging Annette Holzapfel ein, ohne ihre eigene Position als idealistische Urheberin und Leiterin des Projektes hervorzuheben. Dabei trieb die Ethnologin aus Remagen es aus eigenem Antrieb ehrenamtlich, arbeitsintensiv und beharrlich voran. Sie leistete Überzeugungsarbeit, suchte Mitstreiter auf vielen Ebenen, moderierte, um Konsens bemüht, die Aktivitäten der Projektgruppe, arbeitete selbst stetig mit und blieb verlässliche Ansprechpartnerin für alle Beteiligten.
Holzapfel erinnerte daran, dass sie vor Gründung der Bürgerinitiative am 6. Januar 2022, fünf Monate lang mit Menschen in allen flutbetroffenen Orten über ihre Idee gesprochen hatte. Ergebnis: „Damals wollten die meisten Menschen eine Erinnerungskultur.“
Die 31 BI-Mitglieder stammen aus allen flutbetroffenen Orten an der Ahr und zwei Nebenflüssen. „Von Anfang an wollten wir Erinnerungsstätten“, so Holzapfel. Doch über das Wie herrschte keine genaue Vorstellung. Als Dr. Kai Sprenger vom Kulturministerium Stelen vorschlug, stimmte die Gruppe zu. Von da aus konnte man zu einer virtuellen Ausstellung mit Zusatzinfos und Zeitzeugenberichten gelangen, die Filmemacher Utz Kastenholz umgesetzt hat. Für die virtuelle Ausstellung haben die Bürgerinitiative, die auf 25 Treffen zurückblickt sowie 70 Unterstützer Erlebnisberichte aus den flutbetroffenen Orten geschrieben. Wichtig war es der BI-Leiterin, die unschätzbare fast dreijährige ehrenamtliche Arbeit der Gruppe herauszustellen, deren Mitglieder 240 Texte für Stelen und Ausstellung erstellten, über 1000 Fotos hochluden oder als Zeitzeugen zur Verfügung standen. Im Dezember 2022 teilte Dr. Sprenger der BI mit, das Kulturministerium werde die Stelen-Entwürfe finanzieren. Sprenger ist auch Namensgeber von „MemoriAHR“. Übrigens wurden die Texte aus Respekt vor der Authentizität des Erlebten nicht verändert.
ZivilgesellschaftlichesEngagement
Holzapfel: „Wenn man bedenkt, dass alles, was auf den Stelen und in der virtuellen Ausstellung zu lesen und zu sehen ist, ausschließlich von der Bevölkerung geschrieben und zusammengetragen wurde, dann ist bei unserem Projekt etwas Einzigartiges entstanden.“ Sie bedauert, „dass beim Launch des Kulturerbeportals, auf dem sich unsere Ausstellung befindet, niemand von uns genau das der rheinland-pfälzischen Öffentlichkeit sagen wird.“
Zurückschauend erläuterte Holzapfel: „Uns waren vor allem die Erlebnisse der Flutnacht wichtig und das einzigartige zivilgesellschaftliche Engagement an den Tagen, Wochen und Monaten danach, die „SolidAHRität“, sowie Projekte, die in Folge der Flut entstehen oder geplant sind.“ Zwietracht, Diebstahl und Traumatisierungen wurden weitgehend ausgespart, um Betroffene zu schützen, und um Sensationsgier keinen Raum zu geben.
Die BI-Leiterin erklärte, es hätten mehr Menschen den Weg zur Stelen-Aufstellung gefunden, wären nicht BI-Mitglieder an der Mittelahr mit der Weinlese beschäftigt und Betroffene durch Hindernisse und Rückschläge beim Wiederaufbau enttäuscht und völlig entkräftet. Den Glauben an die Politik hätten sie längst verloren.
Zum Schluss gab es ein dickes Dankeschön seitens der BI-Mitglieder an die vier flutbetroffenen Kommunen für die Finanzierung des Stelenweges, ebenfalls an den Kreis für seine finanzielle Beteiligung. „Dass diese Entscheidung von der Kreisgruppe der hauptamtlichen Bürgermeister unter Vorsitz der Landrätin am 13. September 2023 getroffen wurde“, so Holzapfel, „war die allerbeste Lösung“. HG
